Donnerstag, 5. Dezember 2019

ifo-Chef Sinn zur Energiewende "Die einzige Hoffnung der Menschheit war die Atomkraft"

Wirtschaftsforscher Sinn: "Ruinen einer völlig verzerrten und ideologischen Energiepolitik"

3. Teil: "Schäden der Atomkraft sind minimal im Vergleich zu Kohlendioxid"

mm: Portugal, Spanien, Dänemark und andere haben ja zum Beispiel größere Anteile von erneuerbaren Energien als Deutschland. Die USA und China bauen riesige Wind- und Solarparks.

Sinn: Deutschland war vor kurzem noch der größte Produzent von Windstrom, jetzt sind wir wohl von den USA abgelöst worden, aber die USA sind ein wesentlich größeres Land. Im Übrigen ist der Boom des Windstroms in den USA vorbei, weil Obama die Mittel dafür radikal gekürzt hat. Sicher, kleine Länder mögen hier und da größere Anteile haben.

mm: In den USA zeichnet sich schon der nächste Windboom ab. Neue Atomkraftwerke werden dagegen immer teurer. In England kostet das 3200-Megawatt-Projekt Hinkley Point 19 Milliarden Euro. Der Versorger EdF baut die Anlage nur, weil er mehr als 11 Cent pro Kilowattstunde in Form einer festen Einspeisevergütung bekommt - garantiert für 35 Jahre, plus Inflationsausgleich.

Sinn: Das kommt mir teuer vor. Es ist aber immer noch viel weniger als der durch Speicher geglättete Windstrom kostet.

mm: Es deutet darauf hin, dass die Atomkraft es derzeit schwer am Markt hat.

Sinn: Spanien hat gerade beschlossen, den Beschluss zum Ausstieg aus der Atomkraft rückgängig zu machen, und Polen will neu einsteigen. Japan nimmt einen Reaktor nach dem anderen wieder ans Netz.

mm: In Japan ist weiterhin kein Reaktor am Netz ... So leicht scheint es nicht zu gehen.

Sinn: Wenn es so wäre, wie Sie sagen, würde es mich aber nicht stören. Lassen wir den Markt entscheiden. Wir sind doch nicht in einer Zentralplanungswelt, wo Politiker über Technik entscheiden, das muss der Markt machen. Wir müssen nur darauf achten, dass die externen Schäden in der Kostenrechnung der Unternehmen richtig abgebildet werden, was für Atomkraftwerke heißt, dass sie eine Haftpflichtversicherung brauchen, und für Windflügel, dass sie die Kosten der Naturverschandelung tragen.

mm: Was bedeutet das für den Klimawandel? Wir sind aus Ihrer Sicht auf die Kernenergie angewiesen, wenn wir die Erderwärmung aufhalten wollen.

Sinn: Der Markt muss dort korrigiert werden, wo externe Kosten anfallen, für die keiner bezahlt. Im Fall von Kohle heißt das, auch Kohlendioxid braucht einen Preis. Das ist aber leichter gesagt als getan. Eine Steuer, die nur einige Länder erheben, führt dazu, dass der Weltmarktpreis für Kohle sinkt und andere Länder genau die Mengen an Brennstoffen verbrauchen, die diese Länder freigeben. Die Menge an Kohlendioxid, die insgesamt freigesetzt wird, ist dieselbe.

mm: Ist es angesichts dieser Schwierigkeiten nicht Erfolg versprechender, politisch einen Technologiesprung zu provozieren - sei es bei den erneuerbaren Energien, sei es bei der Atomtechnologie? Dann kommt die Sache von allein ins Rollen.

Sinn: Ich bin weniger optimistisch. Wenn es klappt, bekommen die Potentaten in den Öl-, Kohle- und Gasländern Angst. Dann werfen sie sogar noch mehr von ihren Rohstoffen auf den Markt, um der Marktvernichtung zuvorzukommen. Der scheinbare Erfolg wird so den Klimawandel beschleunigen.

mm: Die erneuerbaren Energien taugen nichts, Atomkraft ist womöglich zu teuer, eine Kohlesteuer bringt nur etwas, wenn alle mitmachen. Das alles klingt sehr pessimistisch. Wo liegt der Ausweg?

Sinn: Die einzige Hoffnung der Menschheit war die Atomkraft, und jetzt ist Deutschland auf dem großen Irrweg. Es macht sich schuldig an zukünftigen Generationen und ist ein schlechtes Beispiel für andere Länder. Die Schäden in der Natur durch die Atomkraft sind minimal im Verhältnis zu den verheerenden Schäden durch Kohlendioxid in der Atmosphäre. Wenn es noch einen dritten Weg gäbe, wäre es schön, aber der steht nicht wirklich zur Verfügung.

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