Hans-Olaf Henkel Der Querschläger

Er ist das Faktotum der deutschen Wirtschaftspolitik, provoziert gerne und häufig. Mit Hans-Olaf Henkel als Galionsfigur will es die AfD bei den Wahlen in Hamburg jetzt erstmals auch in ein westdeutsches Landesparlament schaffen. Doch Henkel muss zusehen, dass sich die Partei nicht selbst zerlegt.
Bildungsbürger mit Sonnenhut: Der AfD-Europaabgeordnete Henkel bei einer Pressekonferenz im Mai in Berlin

Bildungsbürger mit Sonnenhut: Der AfD-Europaabgeordnete Henkel bei einer Pressekonferenz im Mai in Berlin

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Hamburg - Mit Gegenwind kann Hans-Olaf Henkel umgehen. Doch seit der ehemalige BDI-Präsident und begeisterte Segler für die AfD ins Europaparlament eingezogen ist, scheint der gleich aus vielen Richtungen gleichzeitig zu wehen. Nicht nur, dass die Partei um den richtigen Umgang mit der Pegida-Bewegung ringt und darüber streitet, ob und wie weit sie daraus Kapital schlagen sollte.

Intern brodelt es gewaltig. In der Partei ist ein Kampf um die zukünftige Führungsstruktur entbrannt. Auf der einen Seite der AfD-Vorsitzende Bernd Lucke - tatkräftig unterstützt von Henkel - der die Partei künftig lieber alleine führen will. Auf der anderen seine Vorstandskollegen Frauke Petry und Konrad Adam, die ihre Ämter behalten wollen und Lucke "Führung nach Gutsherrenart" vorwerfen.

Dazwischen Hans-Olaf Henkel, der eigentlich schon ohne die ganzen Querelen genug zu tun hätte: Bei den Bürgerschaftswahlen am 15. Februar will die AfD in Hamburg den Sprung in ein erstes westdeutsches Parlament schaffen.

Und dafür setzt die Partei auf die Hilfe Henkels. Der weltgewandte, bestens vernetzte Sohn der Stadt, der innerparteilich für einen gemäßigteren Kurs und gegen einen Schulterschluss mit Pegida eintritt, soll die Partei für die Hanseaten wählbar machen. Und gleichzeitig CDU und FDP und deren Vorzeigefrau Katja Suding ordentlich Stimmen abgraben.

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Hans-Olaf Henkel: Der Querschläger

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5 oder 6 Prozent in Hamburg seien ihm wichtiger als 12 Prozent in Brandenburg, verkündete Henkel in der "FAS". Seine Angst: Die AfD könnte zur Ossi-Partei degenerieren.

Die erste Kehrtwende

Als Kind nach eigenen Worten "schwer erziehbar": Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel bei der Vorstellung eines seiner zahlreichen Bücher

Als Kind nach eigenen Worten "schwer erziehbar": Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel bei der Vorstellung eines seiner zahlreichen Bücher

Foto: Stephanie Pilick/ picture-alliance/ dpa

Mit halben Sachen hat sich Henkel noch nie gerne abgegeben. 1940 als Sohn eines Hamburger Kaufmanns geboren, der kurz vor Kriegsende fiel, ist Henkels Kindheit alles andere als ruhig. Mehrfach wechselt der nach eigenen Worten "wohl recht schwer Erziehbare" die Schulen, lebt zeitweise bei den Großeltern oder im Heim, bevor er nach der mittleren Reife beim Hamburger Logistiker Kühne und Nagel eine Lehre als Speditionskaufmann absolviert.

Doch dann packte ihn der Ehrgeiz: Auf dem zweiten Bildungsweg studiert er an der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft Volks- und Betriebswirtschaft sowie Soziologie, ein Fach, das wohl die wenigsten mit Henkel assoziieren würden.

Aufstieg bei IBM

Henkel (r.) zu IBM-Zeiten: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (2. v. r) eröffnet die erste 4-Megabit-Chip Produktionslinie in Europa

Henkel (r.) zu IBM-Zeiten: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (2. v. r) eröffnet die erste 4-Megabit-Chip Produktionslinie in Europa

Foto: THOMAS KIENZLE/ AP

Nach seinem Studium, 1962, steigt Henkel bei IBM ein und arbeitete sich bei dem damals noch recht kleinen Ableger des Computerherstellers von der Position eines Trainée nach oben. Nach diversen internationalen Positionen übernimmt er 1987 in schwierigen Zeiten die Position des Deutschlandchef und verlagert angesichts schrumpfender Umsätze den Geschäftsschwerpunkt weg von der Hardware hin zu Software und Service.

1994 - mit 54 Jahren - reicht es ihm. Der freiheitsliebende Henkel verabschiedet sich aus dem operativen Geschäft. Zu gering, so seine Aussage, wird im zunehmend zentralistisch geführten Konzern der eigene Gestaltungsraum. Doch der nächste Job steht schon bereit.

Klare Kante als BDI-Chef

Gratulation am Wahlabend: BDI-Chef Hans-Olaf Henkel stellte sich nach der Wahl 1998 recht schnell auf die neuen Machtverhältnisse in der Republik ein

Gratulation am Wahlabend: BDI-Chef Hans-Olaf Henkel stellte sich nach der Wahl 1998 recht schnell auf die neuen Machtverhältnisse in der Republik ein

Foto: Tim_Brakemeier/ picture-alliance / dpa

1995 wird der weltläufige Ex-Manager Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) - ein Amt, das er drei Amtszeiten behält und dessen Titel ihm nun anhängt wie Hartmut Mehdorn das "Ex-Bahnchef".

Dabei kämpft Henkel hart in der Sache und für seine Überzeugungen - weniger Sozialstaat, Deregulierung und niedrigere Steuern - was ihm nicht nur Freunde verschafft. Weil er Gewerkschaften hart angeht aber auch die Regierung kritisiert, hat er schnell den Ruf, wenig konsensfähig und diplomatisch zu sein. Auch die Zusammenarbeit mit der rot-grünen Regierung nach dem Machtwechsel 1998 nehmen ihm heute noch viele übel.

Allerdings bleibt Henkel, auch was ihn persönlich angeht, konsequent: Als ihm der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit für seine Rolle im BDI das Bundesverdienstkreuz verleihen will, lehnt Henkel unter Verweis auf die bürgerliche hanseatische Tradition ab.

Im Rampenlicht

Küsschen, Küsschen: Henkel mit Ehefrau Bettina Hannover (r.) sowie deren Zwillingsschwester Almut

Küsschen, Küsschen: Henkel mit Ehefrau Bettina Hannover (r.) sowie deren Zwillingsschwester Almut

Foto: Steffen Kugler/ picture-alliance/ dpa

Nach Abschied aus der Politik widmet sich Henkel neuen Aufgaben. 2001 wird er als erster Nichtpromovierter Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. 2005 heiratet der vierfache Vater in zweiter Ehe die Sozialpsychologin Bettina Hannover. Und er schreibt Bücher - auf sieben Stück hat er es in den Jahren seit 1998 bereits gebracht.

An der Businessfront

Gefragter Ratgeber: Die Conti-Aufsichtsratsmitglieder Maria-Elisabeth Schaeffler, Hans-Olaf Henkel und Bernd W. Voss (v. l.) bei einer Conti-Hauptversammlung

Gefragter Ratgeber: Die Conti-Aufsichtsratsmitglieder Maria-Elisabeth Schaeffler, Hans-Olaf Henkel und Bernd W. Voss (v. l.) bei einer Conti-Hauptversammlung

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Neben seinem wissenschaftlichen Engagement, das ihm sogar eine nach ihm benannte Schmetterlingsart einbringt, bleibt der passionierte Jazz-Liebhaber aber auch der Geschäftswelt eng verbunden und nimmt neben einer eigenen Jazz-Sendung im Radio diverse Aufsichts- und Verwaltungsratsratsmandate an - darunter Ämter bei Continental  , Bayer  oder dem Schweizer Ringier Verlag.

Für Aufregung während der Finanzkrise sorgt eine Beratertätigkeit für die Bank of America , die Henkel von 2006 bis 2013 ausübt - schließlich gilt das Geldhaus vielen als eine der Urquellen der weltweiten Krise.

Politischer Schlingerkurs

Politische Heimatsuche: Henkel 2009 bei der Bundesdelegiertenversammlung der Freien Wähler (FW) in Frankfurt am Main

Politische Heimatsuche: Henkel 2009 bei der Bundesdelegiertenversammlung der Freien Wähler (FW) in Frankfurt am Main

Foto: Boris Roessler/ dpa

Politisch ist Henkels Weg alles andere als gradlinig. Einst enthusiastischer Euro-Befürworter und FDP-nah, unterstützt Henkel zeitweise die Freien Wähler und denkt Medienberichten zufolge sogar über die Gründung einer eigenen Partei nach.

Nachdem er lange öffentlich verkündet, keinesfalls der AfD beitreten zu wollen, tut er dies schließlich doch und zieht auf Listenplatz zwei für die Partei ins Europaparlament ein. Anders als viele andere habe er den Mut, sich öffentlich zu seiner Fehleinschätzung zu bekennen, erklärte er.

Seinen neuen Genossen gegenüber zeigte er sich extrem generös: mit einem Darlehen in Höhe von einer Million Euro.

Flügelkämpfer

Flügelkämpfe: Henkel bei einer AfD-Wahlveranstaltung im Januar in Hamburg

Flügelkämpfe: Henkel bei einer AfD-Wahlveranstaltung im Januar in Hamburg

Foto: REUTERS

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Nun scheint allerdings die Gefahr zu bestehen, dass sich die Partei selbst zerlegt. Henkel mischt bei den Grabenkämpfen eifrig mit. In einer Mail an Konrad Adam, der gegen den Allein-Führungsanspruch von Lucke aufbegehrt, geht er das Vorstandsmitglied mit heftigen Worten frontal an. 

Beim AfD-Bundesparteitag vom 30. Januar bis 1. Februar, wenn die Partei über ihre neue Führungsstruktur entscheiden soll, will Henkel aus "dringenden persönlichen Gründen" allerdings nicht teilnehmen, erklärte er der "FAS". Falls er sich aus aktuellen Gründen nicht doch umentscheidet.

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Hans-Olaf Henkel: Der Querschläger

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