Sonntag, 26. Mai 2019

Abschwung und Handelskrieg Dem deutschen Exportmodell droht das Ende

Maschinen made in Germany: Bei physischen Gütern ist Deutschland vorne, bei immateriellen eher nicht

Lange galt Deutschlands Wirtschaft als vorbildlich. Doch die weltweite Konjunkturschwäche und die Abkehr vom Freihandel gefährden das exportorientierte Erfolgsmodell. Auf die Industrie warten heftige Verwerfungen.

Wir sind auf dem Weg zu einem Kapitalismus ohne Kapital. Und dieser neue Kapitalismus arbeitet nach anderen Regeln als die traditionelle Variante. Es kommt nicht mehr so sehr darauf an, wie viel ein Unternehmen oder eine Volkswirtschaft an physischen Gütern produzieren kann. Mehr und mehr steht die Schaffung immaterieller Werte im Vordergrund: Wissen, Ideen, Design, Organisationskonzepte, soziale Normen und dergleichen.

So legen es die britischen Ökonomen Jonathan Haskel und Stian Westlake in ihrem Buch "Capitalism without Capital" dar. Wer es gelesen hat, fragt sich, ob wir in Deutschland nicht auf dem falschen Trip sind.

Ist es möglich, dass viele der stolzen Industriekonzerne und produzierenden Mittelständler eher die Vergangenheit als die Zukunft darstellen? Laufen gerade wir Deutschen einem Trugbild nach? Jedenfalls steht die deutsche Wirtschaft bei immateriellen Wirtschaftsgütern (sogenannte "intangibles") im internationalen Vergleich nicht sonderlich gut da, wie die Analysen der beiden Briten zeigen.

Profiteure der Globalisierung

Bislang ist Deutschland mit seinem großen Industriesektor sehr gut gefahren. Kein anderes hochentwickeltes Land verfügt über ein so breites Netz an produzierenden Unternehmen. Immer noch macht die Industrie 23 Prozent der nationalen Wertschöpfung aus. Der Anteil ist seit mehr als 20 Jahren stabil.

International gesehen ist die Bundesrepublik damit eine rare Ausnahme. So ist in Frankreich, den USA, Großbritannien oder den Niederlanden der Beitrag der Industrie im gleichen Zeitraum stark gesunken. Heute liegt er dort rund zehn Prozentpunkte unter dem deutschen Niveau. Auch in Schweden, das noch zur Jahrtausendwende genauso viel Industrie besaß wie die Bundesrepublik, ist der Fertigungssektor geschrumpft.

Gerade wegen seiner Industrielastigkeit hat Deutschland enorm von der Globalisierung profitiert: Die deutsche Wirtschaft hat noch all das im Angebot, was Schwellenländer wie China brauchen und was andere reiche Volkswirtschaften kaum noch produzieren - Autos, Maschinenbau, Chemie. Die Frage ist, ob diese Wirtschaftsstruktur auch in Zukunft noch trägt. Warnsignale gibt es jedenfalls diverse.

Konjunktur und Konflikt

So ist die Produktion im wichtigen Automobilsektor zuletzt geschrumpft (was auch an den Verzögerungen wegen des neuen Abgastests WLTP lag und sich in den kommenden Monaten relativieren könnte). Der Maschinen- und Anlagenbau, der 2018 noch mit sieben Prozent gewachsen ist, rechnet für 2019 mit einer deutlichen Abschwächung der Dynamik (am Mittwoch gibt es neue Zahlen zum Auftragseingang.) In der Chemie seien die Geschäftserwartungen der Unternehmen "unterkühlt", meldet der Branchenverband VCI.

Deutschlands Industrie lebt überwiegend vom Export (neue Zahlen dazu ebenfalls am Mittwoch). Doch die Unternehmen sehen die Entwicklungen auf den Auslandsmärkten immer pessimistischer, wie sich am Ifo-Index der Exporterwartungen ablesen lässt, der seit Monaten sinkt.

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