Sonntag, 21. April 2019

Abschwung und Handelskrieg Dem deutschen Exportmodell droht das Ende

Maschinen made in Germany: Bei physischen Gütern ist Deutschland vorne, bei immateriellen eher nicht

2. Teil: Wie sich internationale Ordnung und technologisches Umfeld wandeln

Es ist ein Mix aus konjunkturellen Faktoren und strukturellen Verschiebungen, die der Industrie zu schaffen machen. Praktisch überall auf der Welt flaut der Aufschwung der vergangenen Jahre ab. Parallel dazu wandeln sich die internationale Ordnung und das technologische Umfeld:

  • Die Ära des Freihandels ist vorüber. Eine konfliktreiche Phase hat begonnen. Großbritannien, die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und der viertwichtigste Absatzmarkt deutscher Unternehmen, wird wohl Ende März den EU-Binnenmarkt verlassen. Der Handelskrieg, von US-Präsident Donald Trump angezettelt, zielt zwar bislang vor allem auf China. Doch die deutsche Industrie, die in Teilbereichen 80 Prozent ihrer Produktion exportiert, ist hochgradig anfällig für die Eskalationsspirale von Zöllen und Gegenzöllen.
  • Die Industrialisierung der Schwellenländer ist so weit fortgeschritten, dass die Dynamik früherer Jahre vorüber ist. Chinas Automarkt beispielsweise dürfte im abgelaufenen Jahr erstmals seit sehr langer Zeit geschrumpft sein. Auch der Bedarf an Investitionsgütern flaut ab. Höherwertige Produkte können nun auch problemlos vor Ort hergestellt werden.
  • Technologische Entwicklungen bedrohen traditionelle deutsche Stärken und bringen neue Wettbewerber ins Spiel. So macht die Abkehr vom Verbrennungsmotor der Autoindustrie zu schaffen. Die Digitalisierung, zumal die Ausbreitung der künstlichen Intelligenz, bringt US-Datengiganten wie Google und Facebook in zentrale Positionen. Perspektivisch dürfte das auch für Alibaba und Tencent aus China gelten.

Vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass Deutschland in den kommenden Jahren ähnliche strukturelle Verschiebungen erleben wird wie in der Vergangenheit bereits Frankreich oder Schweden. Kann man sich darauf vorbereiten?

Kommt das deutsche Modell unter die Räder?

Noch gilt Deutschland international als vorbildlich. Andere Staaten beneiden die Bundesrepublik um ihren großen Industrieanteil. Donald Trump will wieder mehr Fabriken im eigenen Land sehen. Die EU hat sich vorgenommen, den Industrieanteil von bislang 16 auf 20 Prozent im Jahr 2020 anzuheben. Eine Gruppe von europäischen Staaten, die sich "Friends of Industry" nennt, trifft sich regelmäßig, um industriepolitisch Druck zu machen.

Doch wenn Sättigungstendenzen und Handelskonflikte die Zukunft bestimmen, dann droht auch das exportgetriebene Industriemodell Deutschlands unter die Räder zu kommen. Die Politik wird sich dem kaum entgegenstemmen können. Aber sie kann die Folgen abmildern und Wege in die Zukunft ebnen. So wäre mehr staatliches Geld für Forschung und Innovation gut angelegt.

Schließlich lebt der heraufziehende "Kapitalismus ohne Kapital" insbesondere von Wissen und Ideen - von Faktoren also, von denen man kaum genug haben kann.

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