Kommentarreihe: Wie stark ist Deutschland wirklich? "Benötigen wir weitere Wohltaten des Staates?"

Von Herbert Hainer
Der Vorstandsvorsitzende von Adidas findet viele gute Seiten am Wirtschaftsstandort, wünscht sich von der Politik aber ein paar unpopuläre Entscheidungen.
Der Vorstandsvorsitzende des Sportartikelherstellers Adidas, Herbert Hainer.

Der Vorstandsvorsitzende des Sportartikelherstellers Adidas, Herbert Hainer.

Foto: DPA

"Vorhersagen sind schwierig, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen", sagte einst der bayerische Komiker Karl Valentin. Daher werden Sie von mir nun folgend keine Prognose über die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland erwarten, oder? Es ist gerade mal ein Jahrzehnt her, dass Deutschland als der "kranke Mann" Europas verspottet wurde. Für die Bundesregierung steht ein Katastrophenjahr an", schrieb etwa die Tageszeitung "Die Welt" im Januar 2003. Und weiter: "Deutschland ist inzwischen der kranke Mann Europas - das haben bereits viele erkannt, und dies wird auf Dauer so bleiben. Die Unfähigkeit zur Reform hat das letzte Jahrzehnt geprägt und wird die Zukunft weiter prägen." Heute, im Sommer 2014, ist Deutschland nicht nur im Fußball der viel gefeierte Musterschüler eben dieses Kontinents und Manager-Magazin.de titelte im vergangenen Oktober: "Konjunkturlokomotive Deutschland zieht Europa aus der Rezession."

Karl Valentin, Du hattest Recht!

mm-Kommentarreihe: Wie stark ist Deutschland wirklich?

mm-Kommentarreihe: Wie stark ist Deutschland wirklich?

Foto: [M] DPA; mm.de

Betrachtet man die Faktenlage zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands genauer, dann kann man auch aktuell die Zukunft des Standortes Deutschland beliebig rosig oder beliebig düster ausmalen. Beginnen wir mit den positiven Nachrichten. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforum (WEF), die 2013 durchgeführt wurde, ist Deutschland eines der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt. Im Ranking des WEF liegt Deutschland auf Rang vier - hinter der Schweiz, Singapur und Finnland, aber vor den USA.

Das Länder-Ranking erfolgte nach zwölf einheitlichen Kriterien - darunter die Innovationsfähigkeit der Unternehmen, die staatlichen Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, der Zustand der Finanzmärkte, die Infrastruktur und das Bildungswesen. Die für die Studie erforderlichen Daten wurden von 160 wirtschaftswissenschaftlichen Instituten und Statistikbehörden zusammengetragen.

Der Bundesrepublik bescheinigen die Experten eine hohe Flexibilität und Innovationskraft seiner Wirtschaft sowie eine ausgezeichnete Infrastruktur. Gelobt wird in der Studie, dass deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich viel für Forschung und Entwicklung ausgeben. Mit ihrer Hightech-Strategie 2020, dem nationalen Plan zur Förderung von Innovation und Technologie, investiert die Bundesregierung intensiv und gemeinsam mit der Industrie in Zukunftsprojekte. Ein konkretes Beispiel ist das Forschungsprojekt "Speedfactory" der Adidas-Gruppe , das zum Ziel hat, die Produktion der Zukunft mitzugestalten und innovative Produkte sowie neue, intelligente Produktionstechnologien zu entwickeln.

Deutschland schneidet exzellent ab

Hinzufügen möchte ich auch die politische Stabilität, die Rechtssicherheit und das Reservoir an gut ausgebildeten und engagierten Menschen in unserem Land. Das sind alles Dinge, die wir als selbstverständlich hinnehmen, die aber in einem weltweiten Kontext eher die Ausnahme denn die Regel sind.

Eine weitere gute Nachricht: Die Investitionen des Staates in Bildung haben sich 2013 im Vergleich zum Jahr 2005 um fast 90 Prozent erhöht. Dies ist das Ergebnis des Bildungsfinanzberichts, den das Statistische Bundesamt Ende Februar 2014 veröffentlicht hat. Insgesamt erreichen die Bildungsausgaben von Bund, Ländern und Kommunen 2013 rund 116,6 Milliarden Euro.

Dies ist ein Zuwachs von rund 30 Milliarden Euro verglichen mit 2005. Bund, Länder und Kommunen haben ihre Bildungsinvestitionen erhöht, obwohl im Zuge des demographischen Wandels die Zahl junger Menschen, die in erster Linie Bildungseinrichtungen besuchen, in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Dies ist eine gute Entwicklung. Die Zahlen belegen, dass der Staat die Bedeutung von Bildung in unserer Gesellschaft erkannt hat. Bildung ist nicht nur die Basis für eine erfolgreiche Zukunft des Standorts Deutschlands. Sie ist auch Grundlage für mehr Teilhabe, Integration und Chancengerechtigkeit. Weiter so!

Bildung ist zudem die beste Voraussetzung dafür, eine angemessene Arbeit zu finden. Mit 6,5 Prozent liegt die Arbeitslosenquote auf einem anhaltend niedrigen Niveau. Aktuell sind in Deutschland 2,8 Millionen Menschen arbeitslos. Hier möchte ich daran erinnern, dass es ebenfalls erst ein Jahrzehnt her ist, als bei uns 5 Millionen Menschen ohne Arbeit waren. Und dass die Arbeitslosenquote in Griechenland und Spanien bei unglaublichen 25 Prozent oder sogar darüber liegt. Auch beim Thema Bildung und Arbeit steht Deutschland im internationalen Vergleich also bestens da.

Gleichzeitig gibt es genügend Argumente, mit denen man die Zukunft des Standorts Deutschland in düsteren Farben zeichnen kann. Auf diese möchte ich allerdings nur kurz eingehen, werden sie doch seit der Bundestagswahl 2013 täglich von Politik, Verbänden und Medien diskutiert, verbreitet, aufgewärmt. Es sind die fehlenden Mittel für Investitionen in Infrastruktur, die Rentenbeschlüsse der Großen Koalition (Stichworte: Rente mit 63 und Mütterrente), das Management und die Kosten der Energiewende und der flächendeckende Mindestlohn. Ganz ehrlich: zu diesen Themen ist alles, aber wirklich schon alles gesagt worden, vielleicht nur noch nicht von jedem.

Klar ist, dass mit diesen Beschlüssen zur Rente Geld auf Kosten der nachfolgenden Generationen ausgegeben wird. Denn unsere Altersgruppe - ich selbst bin gerade 60 Jahre alt geworden - gehört sicherlich zu der Generation, die in den größten wirtschaftlichen Wohlstand hineingeboren wurde, die dieses Land je gehabt hat. Benötigen wir wirklich weitere Wohltaten des Staates? Diese werden uns die großen Parteien aber weiterhin gewähren, denn Menschen über 50 Jahre stellen schon heute die Mehrheit der Wähler - und werden immer mehr.

Leider funktioniert so Politik: die Ankündigung und Umsetzung von Zielen, die unser Land langfristig voranbringen, aber einen Verzicht im Hier und Jetzt erfordern, sind das sicherste Mittel, um Wahlen zu verlieren. Fragen Sie nach bei der SPD und Gerhard Schröder, der mit seiner Agenda 2010 Deutschland wettbewerbsfähiger gemacht, seiner Partei aber nicht unbedingt einen Gefallen getan hat.

Mein Fazit fällt letztlich eindeutig aus. Natürlich darf Deutschland in seinem Reformeifer nie nachlassen. Wie ein Unternehmen muss es sich ständig dem Wettbewerb mit anderen Volkswirtschaften stellen und sich anpassen und weiterentwickeln, wenn und wo notwendig. Wir sollten aber selbstbewusst fest halten: Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland exzellent ab. Wir sind ein hoch wettbewerbsfähiges, leistungsstarkes und lebenswertes Land, und das nicht erst seit wenigen Jahren, sondern seit Jahrzehnten.

Wir wissen also, was wir tun. Nun haben wir alle - Politiker, Wirtschaftsführer und Medienvertreter - gemeinsam die Aufgabe, weiterhin tatkräftig daran zu arbeiten, dass dies so bleibt. Gleichzeitig sollten wir den Standort Deutschland nicht schlechter reden als er ist. Dazu zählt für mich, die vielen Vorteile des Standorts Deutschland öffentlich anzuerkennen und nicht nur Probleme und Herausforderungen hervorzuheben. Mit diesem Artikel konnte ich hierzu hoffentlich einen kleinen Beitrag leisten.

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Zum Kommentar von Nikolaus von Bomhard:
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Lesen Sie auch die Analyse in der Juli-Ausgabe des manager magazinszu den Bedrohungen für den Standort Deutschland.

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