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Die neue Frauenpower Wie junge Frauen die Wirtschaft aufmischen

Selbstbewusst, ehrgeizig, clever. Frauen unter 30 bestimmen wie nie zuvor die politische Agenda, treiben die Konzerne vor sich her, machen ihr eigenes Business. Was bewegt diese neue Generation?
aus manager magazin 8/2020
Klarer Kopf, klarer Plan: Selfapy-Gründerin Nora Blum krempelt einen Teil des Gesundheitssystems um

Klarer Kopf, klarer Plan: Selfapy-Gründerin Nora Blum krempelt einen Teil des Gesundheitssystems um

Foto: PR

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Nora Blum ist 28 Jahre alt und wirkt wie eine Studentin ohne besondere Pläne. "Wir kleinen Psychologinnen", sagt sie über sich und ihre Mitgründerin Katrin Bermbach (29), "wer hätte gedacht, dass wir das schaffen." Für "kleine Blondchen" habe man sie gehalten.

Man hätte ihnen wohl lieber zuhören sollen, als sie "bis nachts im Pub gequatscht" haben, wie man "das ganze System revolutionieren kann, ein bisschen größenwahnsinnig": Es könne doch nicht sein, dass viele monatelang auf einen Termin beim Psychologen und Hilfe warten, das müsse schneller gehen. Vor vier Jahren haben die beiden dann Selfapy gegründet, um psychologische Beratung online anzubieten. Und jetzt, sagt Blum, "geht das Geschäftsmodell endlich richtig auf": Vor ein paar Monaten hat das Gesundheitsministerium den Weg frei gemacht für die App auf Rezept. Ab September soll Selfapy verschreibungsfähig sein. Die Behandlung psychischer Erkrankungen ist in Deutschland ein 44-Milliarden-Euro-Markt. Anfang des Jahres hat das Start-up sechs Millionen Euro von Investoren eingesammelt. Mehr als 30.000 Nutzer, 70 Mitarbeiter – 2021 soll die Firma profitabel sein. Klarer Kopf, klarer Plan.

Das Geheimnis ihres Erfolgs? "Impact" Menschen zu helfen sei ihr wichtiger als die immer höhere Marge, sagt Blum. "Die Mädels haben das Herz am rechten Fleck" – das habe viele Türen geöffnet.

Nora Blum und Katrin Bermbach sind der Idealtypus einer Spezies, die derzeit überall auftaucht, wo es kracht oder zumindest raucht: Mädchen mit Mission. Hinter den großen politischen Bewegungen, die derzeit auch die Wirtschaft vor sich hertreiben, stehen 20-Jährige. Von der pakistanischen Kinderrechtsaktivistin und jüngsten Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai (23) bis zu Klimakämpferin Greta Thunberg (17). Die deutschen Fridays-for-Future-Wortführer: weiblich, Luisa Neubauer (24) und Carla Reemtsma (22).

Das neue Bond-Girl: Designassistentin Julia Bond trieb bei Adidas in den USA das Black-Lives-Matter-Thema voran – und die Personalvorständin aus dem Amt

Das neue Bond-Girl: Designassistentin Julia Bond trieb bei Adidas in den USA das Black-Lives-Matter-Thema voran – und die Personalvorständin aus dem Amt

Foto: Gia Goodrich

Die jüngsten "Silent Protest"-Demonstrationen gegen Rassismus in mehr als einem Dutzend deutschen Städten: organisiert von den Instagrammerinnen Nadia Asiamah und Perla Londole, beide 22. Wie das Thema Politik auf Instagram, wichtigster Nachrichtenkanal der 18- bis 24-Jährigen, überhaupt von jungen Frauen besetzt ist. Bei Adidas führt die Nachwuchsdesignerin Julia Bond (25) das Black-Lives-Matter-Movement an. In einem Brief ans Topmanagement beklagte sie die "sehr weiße" Unternehmenskultur und trat damit eine Protestwelle von Hunderten Mitarbeitern los. Zwischenerfolg: Ende Juni suchte Personalvorständin Karen Parkin (55) das Weite. Sie hatte der Wucht ihrer jungen Geschlechtsgenossin nichts entgegenzusetzen.

Auch bei den Gründerinnen, wie bei Selfapys Nora Blum, geht nichts ohne die Macht der Idee. Verpackungsfreie Supermärkte (Milena Glimbovski, 30, Original Unverpackt), veganes Eis (Rebecca Göckel, 24, Nomoo), Ernährung (Mareike Awe, 27, Intueat).

Den Soundtrack zu den Angry Young Women liefern Deutschrapperinnen wie Shirin David (25; 2,7 Millionen YouTube-Abonnenten), die laut Feuilletons dem Feminismus Glamour verleiht – aber längst einfach nur von "Selbstbestimmung" singt und spricht. Und Katja Krasavice (23), selbst ernannte "Boss Bitch", deren "Bitch Bibel" mit ihren zehn Erfolgs-"Geboten" derzeit auf allen Bestsellerlisten steht.

"Generation Empowerment", sagt Tijen Onaran, die als professionelle Netzwerkerin junge Frauen und Wirtschaft zusammenbringt. Anders als noch vor fünf Jahren beobachtet sie, dass Mädchen heute "nach der Macht greifen" und nicht mehr darauf warten, gefragt zu werden. Dabei wollten "Mädchen etwas tun, das wirklich sinnvoll ist, für sie selbst und für den Rest der Welt", sagt Generation-Z-Forscherin Nicole Hanisch vom Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold, die dazu rund 200 tiefenpsychologische Interviews geführt hat.

Onaran ist selbst gerade mal 35, fühlt sich im Vergleich zum Energiepegel der Jüngeren aber schon alt. Vor fünf Jahren hat sie mit einem Frauenstammtisch angefangen, vor drei Jahren wurde daraus ihr Unternehmen mit dem auch nicht gerade unbescheidenen Namen Global Digital Women, eine Mischung aus Karrierenetzwerk und Unternehmensberatung. Einen Grund für den Aufstieg der jungen Frauen sieht sie darin, dass es mehr Vorbilder gibt von Vorständinnen oder Gründerinnen ("Was du sehen kannst, kannst du selbst werden") und mittlerweile sehr gut funktionierende Netzwerke, in denen man sich nach oben helfe.

Mädchen schlägt Manager

Konzerne holen sich den Young-Female-Faktor ins Haus, "um zu zeigen, dass sie die Zukunft mit an Bord haben", sagt Marktforscherin Hanisch. Jüngste prominente Personalie: Hollywoodstar Emma Watson (30), Aktivistin für Frauenrechte und nachhaltige Mode, wurde im Juni in den Verwaltungsrat des Luxuskonzerns Kering (Gucci, Brioni, Alexander McQueen) berufen.

Die Frauen sind so begehrt und gleichzeitig selbstbewusst, dass ihnen auch der Chef eines Weltkonzerns keinen besonderen Respekt einflößt: Luisa Neubauer jedenfalls durchschaute Noch-Siemens-Chef Joe Kaeser, als der die Klimakämpferin nach dem Streit um eine Kohlebergwerksbeteiligung in Australien Anfang des Jahres in den Aufsichtsrat von Siemens Energy lotsen und dort einhegen wollte. Sie sei dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtet, teilte Neubauer mit. Und an Joe Kaeser sehe man ja, "dass diese unabhängige Rolle dringend gebraucht wird". Sie pfiff auf das Angebot – Mädchen schlägt Manager.

Neu-Bauherrin: Laura Tönnies will die Baubranche auf Digitalisierung trimmen. Anerkennung und erste Kunden dafür hat sie schon.

Neu-Bauherrin: Laura Tönnies will die Baubranche auf Digitalisierung trimmen. Anerkennung und erste Kunden dafür hat sie schon.

Foto: Jacky Vifer / corrux GmbH / obs

"Man ist schnell drin in den Zirkeln", sagt Laura Tönnies (26). Einladungen zu Gründertalks, Konferenzen, Weltfrauentag bei Außenminister Heiko Maas (SPD), Bold Woman Award von Osram, Konzernevents. Tönnies ist der personifizierte Aha-Effekt: eine zierliche Frau als Start-up-Gründerin in der Baubranche. Sie sagt selbst, sie "liebt es, das Rollenbild immer weiter zu challengen und zu zeigen, dass man auch als Frau in der Schwerindustrie etwas bewegen kann". Mit dem Schlachthofchef Clemens Tönnies ist sie übrigens nicht verwandt.

Ihre Firma Corrux liefert eine Software, die Baumaschinen überwacht und aus den Daten Einsatzbereitschaft, Reparaturbedarf oder Verschleiß abliest, um das Ausfallrisiko zu verringern. Tönnies hat Mathematik und Philosophie studiert und wollte eigentlich ins Investmentbanking. Als sie beim Venture-Capital-Fonds der Samwer-Brüder jobbte, gefiel ihr dann aber die Vorstellung, eine eigene Firma zu haben. Gezielt hat sie eine Nische gesucht und beschlossen: "Du bist ab jetzt Gründerin."

Die Bauindustrie lag nah, sie hat, wie sie sagt, ihre halbe Kindheit auf Baustellen verbracht, ihre Eltern sind Bauunternehmer. Vor zwei Jahren hat sie Corrux gegründet, mittlerweile beschäftigt sie 15 Leute, vergangenes Jahr sammelte sie knapp drei Millionen Euro Investorengelder ein.

Tönnies' Part ist der Vertrieb, 10 Prozent ihrer Zeit verbringe sie mit Netzwerken. Auch hier sehr zielgerichtet: Anfragen auf LinkedIn etwa nimmt sie nur an, wenn man ihr dazu schreibt, wie der Kontakt sie weiterbringen kann.

Auch Géraldine Ulrichs (23) zieht schnurgerade ihre Bahnen. Ihr Start-up klassifiziert sie mit dem klaren Satz: "Das gibt es so auf dem Weltmarkt noch nicht."

Fotostrecke

Mädchen mit Mission

Das Konzept ihrer Bewerbungsplattform Xeem: Unternehmen und Jugendliche werden durch kurze Online-Challenges zusammengebracht. Die Unternehmen geben Aufgaben vor, die Teilnehmer sollen Lösungen liefern – die Digitalisierung des Assessmentcenters.

Für ihr Start-up braucht Ulrichs kein Berlin; Groß-Umstadt und Nieder-Liebersbach in Hessen tun es auch. "Im Herzen sind wir Dorfkinder", sagt sie über sich und ihre Mitgründerin Janine Weirich (25). Die beiden haben Interactive Media Design in Darmstadt studiert und das Xeem-Konzept in ihrer Bachelorarbeit entwickelt. Sie verstehen sich blind, einmal am Tag machen sie virtuell zusammen Yoga.

Ende des Jahres wollen sie ihren ersten Mitarbeiter einstellen, ab März 2021, wenn sie mit ihrem Masterstudium fertig sind, dann "richtig durchstarten" und auf Investorensuche gehen. Angst vor dem Scheitern ist kein Thema. "Wir setzen alles dran, dass das jetzt funktioniert." Plan B: auf jeden Fall selbstständig.

Erfolgsdruck macht sich bei aller freigebig verteilten Freundlichkeit auch Selfapy-Mitgründerin Nora Blum. "Ich war immer eine Streberin. Wenn ich für ein Thema brenne, bohre ich mich rein, bis ich alles kann und weiß." Irgendwann hat ein Freund mal gewettet, dass sie es nicht schafft, einen Fußball 50-mal in der Luft zu halten. Sie hat so lange geübt, bis sie es konnte. Um unter den eigenen Erwartungen und dem Druck der Investoren (mindestens 50 Prozent Wachstum im Jahr) nachts nicht ständig wach zu liegen, hat sie sich einen Coach genommen. Und sie hat die Kindersicherung auf dem Smartphone eingeschaltet: Outlook, Slack – ab neun Uhr abends alles gesperrt.

Abi mit 1,0, Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, Master in Cambridge. Nach dem Abschluss war sie eineinhalb Jahre bei Oliver Samwers Rocket Internet und lernte Unternehmensaufbau. "Harte Schule", sagt sie, man lese ja so einiges, vieles davon sei wahr. "Parallel im Kopf" hat sie an ihrem eigenen Ding gearbeitet, erste Inhalte geschrieben, ein Wochenende Videos gedreht, alles testweise kostenlos ins Netz gestellt. Mit ihrer Mitgründerin ist sie durch die ganze Republik getingelt, mit den billigsten Zügen, oft um vier Uhr morgens zu Investoren und Krankenkassen. 2016 das erste Investment, 2018 der erste Vertrag mit einer Krankenkasse. Die Bosch BKK – wenn Blum das sagt, hört man noch immer den Triumph über den Durchbruch.

Nora Blum ist auch im Vorstand des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung. Dass sie oft eingeladen wird, weil "einfach eine Frau auf dem Podium gebraucht wird, zwischen den ganzen Herren", weiß sie. Solange es ihrer Sache dient – egal.

Der Bedarf an frischen Gesichtern der Marke smarte, junge Frau ist groß. Die SPD-Spitze etwa ist heilfroh, für Selfies auf Parteinachwuchshoffnung Lilly Blaudszun (19) zurückgreifen zu können, Jurastudentin und Hochfrequenz-Twitterin.

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Foto: Peter Rigaud / laif

Mrs Allstar

Erst recht in der männerdominierten Techszene führt dieser Mechanismus schnell nach oben. "Star-Programmiererin" (Bento), "Mrs. Code" ("Die Zeit"), "Silicon-Valley-Ikone", wie es auf dem Cover ihres im Mai erschienenen, sofort zum Bestseller avancierten Buchs "Moneymakers" steht – das soll sein: Aya Jaff (24). Man erreicht sie in Nürnberg bei ihren Eltern. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, wohnt sie dort. Sie studiert an der Uni Wirtschaft und Sinologie.

Sie hat es geschafft, zu ihrer eigenen Marke zu werden. Und die Geschichte, die sie zu erzählen hat, ist auch gut: Als sie ein Jahr alt war, floh ihre Familie aus dem Irak, die Mutter Kassiererin, der Vater Taxifahrer. Mit 15 hat sie sich selbst das Programmieren beigebracht, einen Programmierklub gegründet, eine eigene Website "gebastelt". Nach dem Abi hat sie gemerkt, "dass das als Mädchen etwas Besonderes ist".

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