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Große Koalition: Merkels mögliche neue Minister(innen)

Foto: JEON/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Weiß, westlich, alt Das neue Kabinett im Diversity-Check

50 Prozent Frauenquote! Angela Merkel hat Wort gehalten, wenn die Kabinettsliste stimmt, die seit der Einigung zur nächsten Großen Koalition kursiert - woran sich allerdings bis zu einer eventuellen Vereidigung im März noch manches ändern könnte; neben den in der Liste stehenden "ggf."-Vermerken steht das Ganze unter dem Vorbehalt, dass die SPD diese Koalition auch will. Die Liste dürfte aber Merkels Plan für ihr künftiges Team recht gut wiedergeben.

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Zumindest das Kabinett im engeren Sinn (Staatssekretäre werden erst später benannt) zählt demnach gleich viele Männer wie Frauen: 8 von 16, wenn auch für die wichtigen Schlüsselministerien Außen, Finanzen, Innen und Wirtschaft jeweils Männer vorgeschlagen sind. Das Kabinett Merkel III startete nach der Bundestagswahl 2013 nur mit sechs Frauen, also einem Anteil von 37,5 Prozent.

Das Plus im Kabinett steht dem seit der Wahl 2017 von 36,5 auf 30,7 Prozent gesunkenen Frauenanteil im Bundestag entgegen (was vor allem am Einzug der extrem männlich dominierten Oppositionsparteien AfD und FDP lag).

Paritätisch quotiert sind nur wenige nationale Regierungen wie die in Kanada (15 von 30), Schweden (12 von 23) - und die in Frankreich auch nur, wenn man drei Staatsministerinnen ohne eigenes Ressort mitzählt (11 von 20). International sendet Schwarz-Rot also durchaus ein kräftiges Signal, und an die deutsche Wirtschaft sowieso: Die Dax-Konzerne kommen gerade einmal auf ein Achtel weibliche Mitglieder in den Vorständen und ein knappes Drittel in den Aufsichtsräten, letzteres auch wegen der gesetzlichen Frauenquote.

Doch neben der Geschlechterverteilung sind ja noch andere Aspekte wichtig, inwieweit die Führung des Landes die gesellschaftliche Vielfalt abbildet oder fördert. Hier ist die Groko im Diversity-Check:

Der Osten dünnt aus, sehr ministeriable Saarländer

Der Regionalproporz gehört seit jeher zu den Kriterien, auf die bei der Regierungsbildung geachtet wird - jedenfalls innerhalb der Parteien, um alle wichtigen Landesverbände zu bedienen; im Fall der CSU sogar die bayerischen Regionen, so hat ein Ministerposten für Franken Tradition.

Es wäre auch ein Problem, sollte sich eine ganze Region nicht im Kabinett repräsentiert fühlen. Genau das könnte im Kabinett Merkel IV jedoch der Fall sein: Denn die Kanzlerin selbst wäre nach dem Ausscheiden Johanna Wankas und Thomas de Maizières die einzige ostdeutsche Vertreterin, jedenfalls die einzige mit DDR-Biografie.

Zählt man Berlin und die aus dem Westen stammende SPD-Arbeitsministerin in spe Eva Högl zu Ostdeutschland, kommt die Region noch auf einen Ministerposten pro acht Millionen Einwohner - rein rechnerisch gar nicht so stark unterrepräsentiert. Der deutsche Durchschnitt liegt bei rund fünf Millionen Einwohnern pro Minister. Baden-Württemberg (11 Millionen) und Niedersachsen/Bremen (8,6 Millionen) können sich mit je nur einem Posten noch stärker zu kurz gekommen fühlen, die größten Länder Bayern und Nordrhein-Westfalen wären mit je drei Ministern hingegen nah am Mittelwert.

Die Saarländer sind offenbar zehnmal so ministeriabel wie die Normaldeutschen, jedenfalls wäre die Eine-Million-Bevölkerung mit Peter Altmaier und Heiko Maas weiterhin gleich doppelt vertreten; und bis zuletzt war zusätzlich noch ihre Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer für einen Ministerposten (und perspektivisch die Merkel-Nachfolge) im Spiel.

Alter, sind die alt

Angela Merkel ist ein Jahr zu alt, um zu den geburtenstarken Jahrgängen (üblicherweise definiert als 1955 bis 1969) zu zählen. Auch Barbara Hendricks (65) und der neue Kabinettssenior Horst Seehofer (68) können eher Erfahrung als Pluspunkt verbuchen.

Ansonsten dominiert mit neun Mitgliedern auf der Liste die Babyboomer-Kohorte - mit Blick auf den demografischen Wandel durchaus diskussionswürdig, nicht nur in der Rentenpolitik, sondern auch mit Blick auf die Priorität von Zukunftsinvestitionen.

Vier der Personalvorschläge sind jünger, aber allesamt in den ausgesprochen geburtenschwachen 70er Jahren geboren; diese Generation ist einschließlich der CSU-Politikerin Dorothee Bär, die es möglicherweise noch vor ihrem 40. Geburtstag quasi als Jugendvertreterin in die Regierung schafft, damit sogar überrepräsentiert.

Wer komplett fehlt, sind hingegen die in den 80er Jahren geborenen Millennials - und damit neben einer zahlenmäßig bedeutenden Gruppe auch eine wichtige gesellschaftliche Perspektive (dies ist übrigens keine Werbung für Jens Spahn, Jahrgang 1980).

Der Altersdurchschnitt dieser Liste liegt bei 54 Jahren, ähnlich wie beim vorigen Anlauf 2013 - im Vergleich zu 42 Jahren für die Gesamtbevölkerung, aber Minderjährige kommen für Regierungsämter ja noch weniger infrage als Rentner; adäquat für ein Land, das nicht mehr viel vorhat. Die aktuelle schwedische Regierung, deren Land den Trend zur Überalterung umgekehrt hat, startete 2014 mit einem Durchschnittsalter von 45.

Migrationshintergrund bleibt im Hintergrund

Mehr als jeder Fünfte in Deutschland hat laut amtlicher Statistik einen Migrationshintergrund, also mindestens ein Elternteil, das mit nichtdeutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde (die Zählung stammt von 2015 vor den großen Flüchtlingszahlen). Auf Merkels Kabinettsliste erfüllt dieses Kriterium nur Katarina Barley als in Köln geborene Tochter eines britischen Journalisten (6,25 Prozent).

Für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die große Aufgabe der Integration von Migranten käme es wohl eher auf Vertreter der großen türkisch-, polnisch-, russisch- oder arabischstämmigen Minderheiten an. In dieser Hinsicht: völlige Fehlanzeige. Das Kabinett 2018 wirkt, als gelte die alte völkische Definition der deutschen Nation fort - im Widerspruch zur vielfältigen gesellschaftlichen Realität. Um für die DFB-Elf zu kicken, sind Mesut Özil oder Jerome Boateng gefragt. Zum Regieren gehört hingegen anscheinend weiße Haut.

Allerdings scheint Deutschland hier im europäischen Trend zu liegen. Auch die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die sich schon länger an Staatsbürger und auch Spitzenpolitiker verschiedener Hautfarben gewöhnt haben, zählen jeweils nur noch ein dunkelhäutiges Kabinettsmitglied.

Die Ausnahme bildet (neben klassischen Einwanderungsländern wie Kanada) wiederum Schweden, wo ein assyrisch-, ein iranischstämmiger Minister und eine Ministerin mit Vater aus Gambia amtieren. Und im Europäischen Rat trifft Merkel immerhin auf zwei Kollegen mit sichtbar indischen Vorfahren, den Iren Leo Varadkar und den Portugiesen António Costa, sowie Rumäniens Präsident Klaus Johannis als Vertreter der deutschen Minderheit, deren Migrationsgeschichte allerdings schon acht Jahrhunderte zurückliegt.

In dieser Hinsicht sind die Dax-Konzerne, die schon aus Interesse ihrer globalen Geschäfte internationale Erfahrung im Vorstand suchen, deutlich weiter. Wenn es nach Praxis im Ausland geht, können die Kabinettskandidaten Peter Altmaier (vier Jahre als EU-Beamter in Brüssel), Ursula von der Leyen (dort geboren und aufgewachsen) und Martin Schulz (23 Jahre im Europaparlament) auf die EU verweisen. Katarina Barley und Andreas Scheuer besitzen wenigstens Uniabschlüsse aus Paris beziehungsweise Prag (Scheuer beschäftigte sich dafür allerdings nur mit der CSU in Bayern). Und von der Leyen lebte zudem einige Jahre im Silicon Valley.

Die Hälfte kennt die Arbeitswelt außerhalb der Politik

Mit Blick auf die Spaltung zwischen Arm und Reich ist von Kabinettsmitgliedern schon qua Ministergehalt nicht zu erwarten, dass sie die Perspektive von Hartz-IV-Empfängern oder auch von Durchschnittsverdienern aus eigener Anschauung begreifen. Akademische Bildung kann auch mit Blick auf die Kompetenz nicht schaden.

Repräsentativ für das Land mit seiner Akademikerquote mit noch immer kaum 18 Prozent ist das Kabinett aber bei weitem nicht. Hier ist es umgekehrt: Nur die Politveteranen Horst Seehofer und Martin Schulz bringen die Erfahrung eines Lebenslaufs ohne Abitur mit, die designierte Gesundheitsministerin Annette Widmann-Mauz beendete ihr Politikstudium ohne Abschluss - macht eine Nicht-Akademikerquote von 18,75 Prozent.

Heiko Maas arbeitete immerhin einmal ein Jahr im Ford-Werk, verstärkt ansonsten die sechsköpfige Bank der Volljuristen (Ökonomen gibt es keine). Rund die Hälfte des Kabinetts kennt die Arbeitswelt nur in Form von Parteien, Ministerien oder Behörden.

Jeder zweite ist kinderlos

Die sexuelle Orientierung ist eine ziemlich private Frage - mit Blick auf die Vielfalt gesellschaftlicher Perspektiven aber relevant, auch nach dem Last-Minute-Entscheid zur Ehe für alle in der vergangenen Legislaturperiode.

Barbara Hendricks ist die einzige bekennend homosexuelle Ministerin (inzwischen auch verheiratet). Peter Altmaier lebt als Dauer-Single, weist Beschreibungen als homo- oder asexuell aber zurück - auch so eine von der Norm abweichende Lebenserfahrung und somit potenziell eine Bereicherung für die Debatte über die gesellschaftliche Modernisierung.

Ansonsten pflegen alle Kabinettskandidaten eine heterosexuelle Ehe oder feste Beziehung, manche von ihnen aber mit den vielen Normaldeutschen bekannten biografischen Brüchen. Horst Seehofer, Andreas Scheuer und Heiko Maas leben in der einen oder anderen Form in Patchwork-Familien.

Soweit bekannt, ist jedes zweite designierte Kabinettsmitglied kinderlos. Den ziemlich repräsentativen Durchschnitt von 1,54 Kindern verdanken die Minister nicht zuletzt der siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen.