Freitag, 13. Dezember 2019

GDL-Streik Nicht katastrophal, aber töricht

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Nein, eine Katastrophe ist der von der GDL angezettelte erneute Lokführer-Streik bei der Deutschen Bahn natürlich nicht. Wer in diesem Zusammenhang dieses Wort vor dem Hintergrund echter Katastrophen benutzt, wie wir sie zurzeit in Nepal oder auch beim Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer sehen, sollte bei sich Augen- und Wortmaß neu justieren.

Und auch die Formulierung von Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, dass ganz Deutschland von den Lokführern in Geiselhaft genommen werde, scheint doch angesichts einer Woche der Unbequemlichkeit reichlich überzogen.

Nein, katastrophal ist der Bahnstreik nicht. Es geht nicht um Menschenleben, sondern zunächst einmal um zugegebenermaßen viel Geld. Ein volkswirtschaftlicher Schaden von mehr als 100 Millionen Euro an jedem Streiktag fällt in der Tat nicht mehr unter die Geringfügigkeitsgrenze.

Tatsächlich geht es aber um viel mehr.

Mit ihrer kompromisslosen Haltung gefährdet die GDL die gesellschaftliche Akzeptanz von Tarif- und Streikrecht sowie von Gewerkschaften allgemein. Zugleich riskiert sie damit die Solidarität unter den Gewerkschaften. Die Möglichkeit des Streiks als Teil der Tarifautonomie und der sozialen Marktwirtschaft ist für Arbeitnehmer und Gewerkschaften ein wichtiges Recht, das aber zugleich zum verantwortungsvollen Umgang damit und zur Sozialpartnerschaft verpflichtet.

GDL jongliert fahrlässig mit Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft

Ulrich Goldschmidt
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    Gerhard Blank
    Ulrich Goldschmidt ist ehemaliger Vorstandsvorsitzender und heutiger Senior Advisor des Verbands für Fach- und Führungskräfte (DFK) in Essen. Der Jurist ist Spezialist für Führungsfragen, Vergütung und Corporate Governance. Außerdem ist er Ansprechpartner für die Sprecherausschüsse der Leitenden Angestellten sowie Berater und Coach für Vorstände und Aufsichtsratsmitglieder.
Das Verhalten der GDL konnte man bisher zumindest als fahrlässigen Umgang mit diesen Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft sehen. Inzwischen stellt sich aber die Frage, ob hier nicht sogar Vorsatz im Spiel ist. Äußerungen des offenbar von chronischer Uneinsichtigkeit geplagten GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky lassen das vermuten. Wenn Claus Weselsky gegenüber der Presse erklärt, man werde "durchstreiken bis zum Ende", erinnert das an eine Endkampf-Terminologie aus den Zeiten übelster Kriegspropaganda, nicht aber an einen sozialpartnerschaftlichen Umgang zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber.

Wer in dieser Situation des Arbeitskampfes sogar ein Schlichtungsverfahren ablehnt, wie es der GDL-Vorsitzende nun schon mehrfach getan hat, sieht vor seinem geistigen Auge wohl tatsächlich nicht das Ende des Streiks, sondern Lokführer die ihre Lokomotiven zur Wagenburg formieren, in deren Mitte Claus Weselsky die Seinen zum letzten Gefecht ruft.

Weselsky Agenda ist schlicht und ergreifend töricht

Als klassischer Überzeugungstäter geht Weselsky mit Sicherheit davon aus, das Richtige zu tun. Das ändert aber nichts daran, dass seine Agenda schlicht und ergreifend töricht ist. Es ist entlarvend, wenn ein Schlichtungsverfahren abgelehnt wird, obwohl sich die Positionen der beiden Tarifparteien schon weitgehend angenähert haben.

Hier geht es am Ende nicht mehr um die Interessen der Lokführer, sondern um einen innergewerkschaftlichen Streit zwischen der GDL und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die sich nicht darüber einigen können, wer nun welche Gruppe von Bahnmitarbeitern vertreten darf. Um diesen Machtkampf zu gewinnen, werden die Lokführer instrumentalisiert und ihre Interessen missbraucht. Die Frage ist, wie lange sich die GDL-Mitglieder das noch gefallen lassen.

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