Gaskrise und Börsensturz Die Angst vor dem Lehman-Moment der Energie

Der explodierende Gaspreis betrifft nicht nur einzelne Unternehmen. Die Krise, fürchten Investoren, kann rasch andere Branchen erfassen – und eine tiefe Rezession auslösen. Wer schon jetzt stark betroffen ist – und wie Europa sich wehren kann.
Angst vor dem Absturz: Putins Gasstopp kann Europa in eine Rezession stürzen. Die Krise schwappt bereits in sämtliche Wirtschaftsbereiche über

Angst vor dem Absturz: Putins Gasstopp kann Europa in eine Rezession stürzen. Die Krise schwappt bereits in sämtliche Wirtschaftsbereiche über

Foto: Arne Dedert / dpa

Es ist eine Zeitenwende. Nach der Ankündigung des russischen Staatskonzerns Gazprom, vorerst kein Gas mehr durch die Pipeline Nord Stream 1 zu leiten, ist die Unsicherheit in Wirtschaft und Politik gewaltig. In den Konzernen trifft sich das Management zu Krisensitzungen, die Bundesregierung ist alarmiert.

Die Gaspreise stiegen am Montag um mehr als ein Drittel, der Euro stürzte auf seinen tiefsten Stand seit Jahrzehnten. Parallel brachen die Aktienkurse an den Börsen dramatisch ein. Investoren trennten sich von Versorgungsunternehmen genauso wie von Autoherstellern oder Chemiewerten. Überall standen die Zeichen auf Ausverkauf.

Schon ziehen Beobachter Parallelen zum Zusammenbruch der Finanzmärkte 2008, der schließlich in eine Weltwirtschaftskrise mündete. "Die aktuelle Gaskrise hat alle Voraussetzungen, um zum Lehman Brothers der Energie-Industrie zu werden", sagte Finnlands Wirtschaftsminister Mika Lintila (56) am Sonntag. Damals hatten die Investmentbanken die Welt mit toxischen Papieren überschwemmt, was nach dem Kollaps des US-Immobilienmarkts zu Kreditausfällen und einer Kettenreaktion führte, die an der Stabilität des Weltfinanzsystems rüttelte.

Anders als damals ist die aktuelle Krise ein externer Schock. Russlands Präsident Wladimir Putin (69) nutzt den Gas-Lieferstopp als Mittel im Wirtschaftskrieg gegen den Westen. Aber genau wie in der Finanzkrise, wird einem systemisch wichtigen Markt schlagartig die Liquidität entzogen. Dieses Mal geht es nur nicht um Kapital, sondern um Energie – ebenfalls eine tragende Säule der Weltwirtschaft. Bricht sie weg, sind zunächst die Energieversorger betroffen, aber schnell auch andere Branchen. Zunächst vor allem Unternehmen in energieintensiven Branchen, später – durch den Ausfall der Zulieferer – auch andere. Die Folge wäre eine weltweite Rezession.

Die Politik versucht deshalb aktuell mit Hochdruck, ein Übergreifen zu verhindern. Nachdem die Ampelkoalition in Berlin über das Wochenende ein 65-Milliarden-Euro-Hilfspaket geschnürt hatte, vereinbarte Bundeskanzler Olaf Scholz (64; SPD) am Montag mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron (44) gegenseitige Hilfen: Man wolle sich gegenseitig mit Energie versorgen, Macron sprach sich außerdem für "gemeinsame Gaseinkäufe" aus. Für Freitag haben die EU-Energieminister ein Krisentreffen vereinbart. Außenministerin Annalena Baerbock (41; Grüne) erklärte am Montag vor Botschaftern in Berlin die Energiefrage gar zur Schlüsselfrage für die Stabilität der Europäischen Union. "Die Energiefrage ist der Elefant im Raum", so die Ministerin. Entscheidend werde sein, ob die Gemeinschaft es schaffe, im Herbst und Winter eine ausreichende Gasversorgung für die Menschen in Europa sicherzustellen. "Diese Aufgabe wird uns vor große Herausforderungen stellen."

Die Investoren reagierten am Montag jedenfalls nervös auf die neue Situation. Der Dax verlor mehr als 2,2 Prozent. Der folgende Überblick zeigt, welche Branchen und Unternehmen besonders betroffen sind.

Energiefirmen im Stress, Uniper auf Rekordtief

Der Energieversorger und größte deutsche Gasimporteur Uniper ist das prominenteste Opfer des russischen Gas-Boykotts. Weil Uniper das Gas nun zu drastisch höheren Preisen auf dem Weltmarkt einkaufen muss, um seine Lieferverpflichtungen gegenüber Stadtwerken und Unternehmen zu erfüllen, wird der Konzern bereits durch staatliche Hilfsmilliarden gestützt. Am Montag fiel die Uniper-Aktie zeitweise um weitere 12 Prozent auf ein Rekordtief von knapp 5 Euro. Investoren gehen davon aus, dass Uniper nun weitere Hilfsmilliarden benötigt. Nach Berechnungen der Credit Suisse summieren sich die Verluste des Konzerns derzeit auf 100 Millionen Euro pro Tag.

Uniper-Chef Klaus-Dieter Maubach (60) geht davon aus, dass sich Deutschland auf die Rationierung von Gas einstellen müsse. Die Regierung habe das immer verhinder wollen und es sei in vielerlei Hinsicht "ein Desaster". Aber man müsse wohl damit rechnen. Denn ob Gas wieder fließe oder nicht, entscheide allein der Kreml, nicht Gazprom. "Die Drosselung war nie eine technische Frage, sondern eine politische Entscheidung", so Maubach. Und sie werde auch weiterhin eine politische Entscheidung bleiben.

Auch für andere Energieversorger wie RWE und Eon wachsen mit dem steigenden Gaspreis die Risiken. Zum einen können die Versorger ihre steigenden Kosten irgendwann nicht mehr an ihre Kunden weiterreichen. Und zum anderen müssen auch diejenigen Unternehmen, die derzeit prächtig an steigenden Strompreisen, Gaspreisen und Benzinpreisen verdienen, fürchten, in naher Zukunft vom Staat in Form einer Steuer auf "Übergewinne" oder "Zufallsgewinne" zur Kasse gebeten zu werden. Dies betrifft auch die Anbieter Erneuerbarer Energien, da sich der Preis an den Strombörsen immer am jeweils teuersten benötigten Anbieter orientiert.

Chemiebranche ist abhängig von bezahlbarem Gas

Auch Chemieunternehmen sind besonders abhängig von Gas. Sie setzten es teils als Rohstoff für bestimmte Produkte ein, vor allem aber, um Wärme für die Produktionsprozesse zu erzeugen. Viele Unternehmen arbeiten zwar an einer Umstellung auf andere Energiequellen, das ist in großem Umfang aber nur auf längere Sicht möglich. Deutsche Chemieriesen wie BASF oder Covestro trifft die Preisexplosion bei Gas daher hart: Die Aktien zählten mit Verlusten von zweitweise rund 5 Prozent am Montag zu den schwächsten Werten im Dax. Im MDax gerieten Wacker Chemie, Lanxess und Evonik stark unter Druck. Der Stoxx Europe 600 Chemicals zählte am Montag mit rund 3 Prozent Verlust zu den größten Verlierern im europäischen Branchentableau.

Der Chemiekonzern BASF, der als größter industrieller Gasverbraucher in Deutschland gilt, werde nach eigenen Angaben zwar trotz des Gaslieferstopps aus Russland weiterhin noch an allen europäischen Standorten bedarfsgerecht mit Erdgas beliefert. "Wir erwarten jedoch eine anhaltende Preisvolatilität auf einem weiterhin hohen Preisniveau", erklärte eine Unternehmenssprecherin am Montag. Der Ludwigshafener Konzern beobachte die Lage und werde situationsbedingt entscheiden, welche Anpassungen gegebenenfalls in den Produktionswertschöpfungsketten erfolgen müssten. Bei Anlagen, die große Mengen Erdgas benötigen, wie etwa die für Ammoniak, reduziere BASF seine Produktionsmengen und kaufe Ammoniak teilweise vom Weltmarkt zu, so der Konzern.

Stahlhersteller und Autobauer müssen notfalls rationieren

Die Großabnehmer in der produzierenden Industrie treffen der Gas-Lieferstopp und die Preisturbulenzen unmittelbar. Einige Hersteller mussten bereits erste Anlagen in Deutschland schließen, weil die Produktion unrentabel wird. Der weltgrößte Stahlkonzern ArcelorMittal stellt zum Beispiel wegen der hohen Energiekosten vorübergehend zwei Anlagen in Bremen und Hamburg ab. In beiden Werken wird die Kurzarbeit nun ausgeweitet. Ob Stahlhersteller wie Thyssenkrupp oder Salzgitter diesem Beispiel in Kürze folgen müssen, ist offen. Investoren jedenfalls zeigten sich skeptisch.

Auch auf die deutschen Autobauer wie Volkswagen, BMW, Porsche und Mercedes-Benz, deren Gewinnmargen im Vorjahr noch nahe Rekordniveau gestiegen waren, kommen wohl schwierige Zeiten zu. Sie haben einen hohen Energiebedarf in ihrer Produktion, mit dem Gaspreis steigen die Produktionskosten nun erheblich. Bleibt es bei dem russischen Lieferstopp, werde eine Rationierung von Gas in Europa wahrscheinlicher, hieß es am Markt. Dies dürfte die Produktion im Sektor erheblich bremsen. In den vergangenen zwei Jahren konnten die Autobauer trotz des Chipmangels überwiegend Premiummodelle verkaufen und so ihre Rendite steigern. Im aktuellen Inflations-Umfeld wird es aber sehr schwierig werden, weitere Preiserhöhungen durchzusetzen. Auch Käufe auf Kredit seien wegen der anziehenden Zinsen weniger attraktiv, betonen Analysten der US-Bank Morgan Stanley. Größter Verlierer im Dax war an diesem Montag Mercedes-Benz.

Aus dem gleichen Grund sind auch Hersteller von Konsumartikeln betroffen. Russland ist nicht der einzige Gasanbieter, kann durch einen Lieferboykott aber den Gaspreis am gesamten europäischen Markt weiter in die Höhe treiben. Dadurch ist Putin in der Lage, dem europäischen Konsumenten immer mehr Kaufkraft zu entziehen. Wenn die Kosten für die unverzichtbaren Dinge wie Lebensmittel, Energie und Miete immer weiter steigen, bleibt für zusätzliche Ausgaben weniger Geld übrig. Die wahrscheinliche Kaufzurückhaltung spüren auch Hersteller von Konsumartikeln wie Adidas, Ceconomy oder Henkel bereits.

Warum es nicht zum Lehman-Szenario kommen muss

In der EU werden nun Instrumente diskutiert, wie die Menschen und die Unternehmen am besten zu schützen sind. Instrumente wie ein Gaspreisdeckel werden diskutiert. Kommissionschefin Ursula von der Leyen (63) hatte den bereits am Freitag ins Spiel gebracht; Macron signalisierte am Montag Zustimmung. Die EU, so viel ist klar, wird rasch und gemeinsam handeln müssen – und wahrscheinlich auch auf weitere Energielieferungen ihrer Partner USA, Kanada und Australien angewiesen sein. Die USA immerhin haben diese Hilfe am Montag bereits offiziell zugesagt, wie ein Sprecher des Weißen Hauses mitteilte. An einem Übergreifen der Krise hat auch die US-Regierung kein Interesse.

Grund zur Hoffnung besteht weiterhin. Anders als während der Lehman-Krise 2008 muss es diesmal nicht unweigerlich zu einer weltweiten und tiefen Rezession kommen. Die Wirtschaft wird nicht durch den Zusammenbruch des Finanzsystems lahmgelegt, sondern durch einen externen Faktor ausgebremst. Sollte sich herausstellen, dass die Europäische Union – zum einen durch verstärkte Lieferungen ihrer Partner, zum anderen durch intelligentes Energiesparen – die Energieversorgung in Europa auch ohne Russland dauerhaft aufrechterhalten kann, verliert Kreml-Herrscher Putin eines seiner wichtigsten Werkzeuge im Wirtschaftskrieg. Alle, die jetzt auf einen Zusammenbruch der europäischen Energieversorgung und einen langjährigen Abschwung nach dem Lehman-Szenario wetten, hätten sich dann verwettet.

la/lhy (mit Agenturen)
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.