Studien Stopp russischer Gaslieferungen könnte Deutschland 13 Prozent vom BIP kosten

Ein abrupter Gasstopp würde mehreren Studien zufolge in Europa vor allem Deutschland und die Niederlande besonders hart treffen – wegen stark gestiegener Strompreise.
Energiepreise sind noch einmal gestiegen: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar

Energiepreise sind noch einmal gestiegen: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar

Foto: INQUAM PHOTOS/George Calin / REUTERS

Deutschland würde mehreren Studien zufolge besonders stark von einem abrupten Stopp russischer Gaslieferungen getroffen werden. Das könnte rund 13 Prozent der Wirtschaftsleistung kosten, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Prognos-Studie für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) hervorgeht. Einer ZEW-Studie zufolge verlieren in Europa vor allem Deutschland und die Niederlande an Wettbewerbsfähigkeit – wegen besonders stark gestiegener Strompreise. Frankreich, die Schweiz, die USA und Japan sind deutlich weniger stark betroffen. Allerdings hat laut den führenden Forschungsinstituten die Gefahr einer Versorgungslücke mit Erdgas im Falle ausbleibender Lieferungen zuletzt abgenommen.

Das abrupte Ende von russischen Gas-Importen hätte auch deutliche Auswirkungen auf die Erwerbstätigen in Deutschland, sagte VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. "Insgesamt wären rechnerisch etwa 5,6 Millionen Arbeitsplätze von den Folgen betroffen." Wegen gesetzlich festgelegter Mindestmengen in Speichern und der vorrangigen Versorgung von Haushalten und Einrichtungen wie Krankenhäusern könnte der Gasbedarf der Industrie nicht einmal zur Hälfte gedeckt werden.

"Besonders betroffen sind Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, dort müssen wir davon ausgehen, dass die Wertschöpfung um fast 50 Prozent zurückgeht", so Brossardt. "Ähnliches gilt für die Chemie-, Keramik-, Nahrungsmittel-, und Textilbranche sowie das Druckereiwesen. Hier liegen die Wertschöpfungsverluste bei über 30 Prozent."

Deutschland und Niederlande am stärksten betroffen

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine Ende Februar sind die Energiepreise noch einmal gestiegen – aber mit deutlichen regionalen Unterschieden. Das Mannheimer Forschungszentrum ZEW hat die Strompreise im ersten Quartal analysiert. Demnach sind Deutschland und die Niederlande am stärksten negativ betroffen. Die Preisanstiege in den USA und Kanada seien moderater und von einem niedrigeren Niveau kommend. In Japan seien keine Effekte wahrzunehmen. In Europa sei die Lage in Frankreich wegen der besonderen Bedeutung der Atomkraft und in der Schweiz wegen der Wasserkraft wesentlich besser. In EU-Staaten wie Österreich, Finnland, Ungarn, der Slowakei und Tschechien sei die Abhängigkeit von Russland zwar noch größer. Ihr Energiebedarf sei aber insgesamt kleiner und damit leichter zu ersetzen als in Deutschland oder den Niederlanden. Gerade für energieintensive Betriebe werde Deutschland unattraktiver, teilte die Stiftung Familienunternehmen mit, die die ZEW-Studie in Auftrag gegeben hat.

Forschungsinstitute verweisen aber auch auf die inzwischen bessere Vorsorge. "Waren die deutschen Gasspeicher im vergangenen April nur zu 30 Prozent gefüllt, so hat der Füllstand zuletzt 58 Prozent erreicht", so das Kieler Institut für Weltwirtschaft, das Münchner Ifo-Institut, das Essener RWI und das IWH Halle. Dennoch sei die Versorgung der Industrie bei einem sofortigen Lieferstopp nicht in jedem Fall gesichert. So ergebe sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent im kommenden Jahr eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh) – "im sehr unwahrscheinlichen schlechtesten Fall fehlen sogar fast 160 TWh". Durch den daraus resultierenden Produktionsausfall in den Gas-intensiven Industrien und ihren unmittelbaren Abnehmern käme es zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 46 Milliarden Euro, der im schlimmsten Fall auf 283 Milliarden steigen könnte. Das entspricht 1,6 beziehungsweise 9,9 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung von 2021.

Es sei erforderlich, die gestiegenen Beschaffungskosten der Unternehmen zeitnah an Verbraucher weiterzugeben, so die Institute. "Denn dann sinkt der Energieverbrauch." Da höhere Preise bereits einen starken Anreiz für Einsparungen lieferten, seien zusätzliche staatliche Prämien nicht notwendig. Stattdessen sollten bedürftige Haushalte durch gezielte Transfers unterstützt werden.

sio/Reuters
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