Gaslieferungen aus Russland Wirtschaftsweise Grimm fordert Prämien für Haushalte

Angesichts der zurückgehenden Gaslieferungen aus Russland will die Wirtschaftsweise Veronika Grimm sparsame Verbraucher belohnen. BDI-Chef Siegfried Russwurm setzt dagegen auf die Reaktivierung der Kohlekraftwerke.
Wirtschaftsweise Veronika Grimm: "Ohne drastische Energieeinsparungen werden die geringeren Gaslieferungen deutliche wirtschaftliche Spuren in Deutschland hinterlassen"

Wirtschaftsweise Veronika Grimm: "Ohne drastische Energieeinsparungen werden die geringeren Gaslieferungen deutliche wirtschaftliche Spuren in Deutschland hinterlassen"

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Die "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm (50) fordert im Zuge der Energiekrise die Einführung von Prämien für Verbraucher, die sparsam mit Gas umgehen. Angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen "sollte man dringend Prämien ausschreiben für Haushalte, die ihren Gasverbrauch im kommenden Winter drastisch reduzieren", sagte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der "Rheinischen Post". "Das könnte man durch den Vergleich der Gasrechnungen relativ einfach überprüfen, und die Leute würden sich jetzt schon – entsprechend ihrer Möglichkeiten – auf den Winter vorbereiten können."

Das Potenzial sei groß, man müsse aber frühzeitig kommunizieren, dass es sich lohne, sagte die Ökonomin. "Bevor man zu gesetzlichen Einsparmaßnahmen greift, wie von Wirtschaftsminister Robert Habeck (52; Grüne) ins Spiel gebracht, sollte man die Potenziale heben, die durch Anreize möglich sind", sagte Grimm. "So verzichten diejenigen Akteure, bei denen es am wenigsten einschneidend ist." Ohne drastische Energieeinsparungen würden die geringeren Gaslieferungen deutliche wirtschaftliche Spuren in Deutschland hinterlassen.

Habeck schließt als Konsequenz aus den gesenkten russischen Gaslieferungen auch gesetzliche Maßnahmen nicht aus. Damit Gas möglichst in großem Umfang gespart werden kann, hatte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller (51), eine gesetzlich vorgeschriebene Drosselung der Heizungstemperatur für Wohnungen ins Spiel gebracht. Bundesbauministerin Klara Geywitz (46; SPD) hatte sich dagegen ausgesprochen.

BDI-Chef Russwurm: "Kohle statt Gas verstromen"

Unterdessen hat Industriepräsident Siegfried Russwurm (58) dazu aufgerufen, vorübergehend wieder stärker auf Kohleenergie zu setzen. "Mein Appell ist: Jetzt schon die Gasverstromung stoppen und sofort die Kohlekraftwerke aus der Reserve holen", sagte Russwurm den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Wenn die Versorgungslage im Sommer sich tatsächlich so schwierig entwickelt, wie es aktuell wahrgenommen wird, müssen wir diese Option jetzt sofort ziehen." Der Import von Strom aus Nachbarländern habe seine Grenzen, ergänzte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).

Ob Deutschland jetzt oder dann im Winter mehr Kohle verstrome, sei "für die CO2-Emissionen nicht erheblich, aber so sichern wir uns zumindest höhere Füllstände in den Gasspeichern", argumentierte Russwurm. Es gehe jetzt "um kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen zur Sicherung der Energieversorgung", nicht um den generellen Kohleausstieg. Dieser soll nach bisherigen Plänen der Regierungskoalition von 2038 auf 2030 vorgezogen werden.

Wie lange reichen die Gasvorräte?

Laut Branchenverband Ines können die Speicher in Deutschland insgesamt Gas mit einem Energiegehalt von maximal rund 256 Terawattstunden speichern. Das entspricht etwa einem Viertel des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland (rund 1000 Terawattstunden). "Dieses Speichervolumen allein kann Deutschland zwei bis drei durchschnittlich kalte Wintermonate mit Gas versorgen", sagt die Bundesregierung. Derzeit sind die Gasspeicher in Deutschland zu 56 Prozent gefüllt. Dieses Volumen würde im Winter also gut ein bis anderthalb Monate reichen bei unverändertem Verbrauch – wohlgemerkt theoretisch.

Denn es ist zu beachten, dass genau dieser Verbrauch bei einer sogenannten Gasmangellage noch deutlich sinken würde. Schon jetzt ist der Gasverbrauch in Deutschland infolge der stark gestiegenen Preise deutlich zurückgegangen. Hinzu kommt, dass bei einem Wegfall russischer Gaslieferungen weiterhin Pipeline-Gas etwa aus Norwegen und den Niederlanden fließen dürfte. Außerdem wird damit gerechnet, dass Deutschland über Anlandeterminals im Ausland dann weiterhin verflüssigtes Erdgas (LNG) erhält. Schließlich wird in Deutschland auch Erdgas gefördert. Die Frage, wie lange wir mit dem aktuell gespeicherten Erdgas hinkämen, ist also nur näherungsweise zu beantworten.

Ein neues Gasspeichergesetz soll dafür sorgen, dass die Speicher zum Beginn des Winters ausreichend gefüllt sind. Es schreibt einen Füllstand von 80 Prozent zum 1. Oktober, von 90 Prozent zum 1. November und von 40 Prozent zum 1. Februar vor. Mit dem Gesetz werden die Speicherbetreiber in Deutschland verpflichtet, ihre Speicher schrittweise zu füllen. Am Freitag berichtete die Bundesnetzagentur, dass die Füllstände weiterhin zunehmen.

mg/dpa-afx