Freitag, 23. August 2019

Reaktionen auf Fridays For Future Die große Blamage der Politiker

Für einen Wissenschaftler, der sich mit Menschen, Ökonomie und Ökologie beschäftigt, gibt es zu "Fridays For Future" ein klares Urteil: Begeisterung über die Jugend, Entsetzen über Politiker.

In diesem Text geht es ausschließlich um den zweiten Aspekt, also auch nicht um die Rolle von Greta Thunberg, wenngleich ihre Begründung der unterbliebenen Rückgabe der "Goldenen Kamera" ("Erst drücken sie mir eine kitschige Goldfigur in die Hand, um anschließend so eine machomäßige Spritschleuder zu verschenken") durchaus gut gewesen wäre. Greta Thunberg hätte überhaupt nichts bewegt, wenn nicht das Interesse der Jugend an politischen Themen schon vorher vorhanden gewesen wäre. Die Erderwärmung ist eines dieser Themen, weshalb die Jugendlichen mit "Fridays For Future" eine klare Botschaft haben: Sie sind die Generation, die - wenn jetzt nicht sofort etwas passiert - keine Chance mehr auf ein menschengerechtes Überleben hat.

Christian Scholz
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    Christian Scholz
    Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes. Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z. Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Intellektuelle, kulturelle und emotionale Defizite

Jugendliche unterscheiden klar zwischen politischen Inhalten und politischen Institutionen. Ihnen sind Inhalte wie Umwelt und Gerechtigkeit wichtig; deshalb beschäftigen sie sich mit ihnen. Institutionen wie Parteien, Politiker und TV-Politikmagazine sind für sie irrelevant, weil sie sich weder mit der Jugend auseinandersetzen, noch mit ihren Themen.

Aber je länger die Debatte um "Fridays For Future" dauert, desto mehr drängt sich nicht nur bei den Jugendlichen ein Verdacht auf: Können wir vielleicht das Klimaproblem deshalb nicht lösen, weil wir ein Politikerproblem haben? Gerade am Umgang mit "Fridays For Future" sieht man intellektuelle, kommunikative und emotionale Defizite bei vielen Politikern, die dazu führen, dass sie sich nicht nur bei der Bewältigung der Klimaprobleme blamieren, sondern aktuell am laufenden Band in ihrer Auseinandersetzung mit "Fridays For Future".

Die unlogische Freitagsfrage

Politiker münzen als erstes nahezu jede Debatte mit den Klimaaktivisten auf das Thema Schulpflicht um. Warum diskutiert Wolfgang Kubicki (FDP) zur besten Sendezeit in der ARD, ob "Fridays For Future" überhaupt ein Streik ist? Oder ein Streik sein darf? Oder eine Demonstration? Oder weder noch?

Warum haben Schüler eine Schulpflicht, aber Politiker keine Verpflichtung, Schülern eine umfassende Unterrichtsversorgung und einen zeitgemäßen Lehrplan zu garantieren? "Fridays For Future" ist eine Lehrstunde gelebter Demokratie, leider mit Aushilfslehrern aus der Politik, von denen einige Nachhilfe in Demokratie benötigen.

Das falsche Zeitverständnis

Direkt verbunden mit dem Hinweis auf Schulpflicht ist oft der moralische Zeigefinger, etwa von Rainer Haseloff (CDU): Jugendliche sollen lieber jetzt etwas lernen, um später die Probleme selber zu lösen, wenn sie erwachsen sind. Den Hinweis der Klimaaktivistin Theresa Kah aus der Diskussionsrunde, die Umwelt könne nicht 15 Jahre warten, nimmt er ungläubig entgegen.

Politiker denken in Wahlterminen: Jugendliche stellen für sie heute (noch) kein relevantes Wählerpotenzial dar und sind zwangsläufig in Parteien kaum repräsentiert, die - wie CDU und SPD - einen Altersdurchschnitt der Mitglieder von rund 60 Jahren haben. Jugendliche wählen auch weder Parteivorsitzende noch Kanzlerkandidaten.

Das ist nachvollziehbar, aber gefährlich. Denn wir wissen aus der Forschung, dass sogenannte "Generationen" gerade in der Jugendzeit dauerhaft geprägt werden. Wie Politiker die Jugendlichen heute behandeln, bleibt in deren Gedächtnis. Damit wird es langfristig für Union, SPD und FDP gefährlich.

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