Henrik Müller

Forschungsoffensive Ein Booster-Shot für den Fortschritt

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Der Staat sollte seine Forschungsbudgets deutlich aufstocken. Der Nutzen wäre enorm. Noch besser: Schon mit relativ geringen Summen ließe sich eine Menge bewegen.
Doktorin in einem Spital: Laut IWF brächte die Aufstockung von Forschungsbudgets weltweit auch ein deutliches Wirtschaftswachstum

Doktorin in einem Spital: Laut IWF brächte die Aufstockung von Forschungsbudgets weltweit auch ein deutliches Wirtschaftswachstum

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sinology / Getty Images

Die Menschheit könnte längst wohlhabender sein. Sie könnte klimaschonender wirtschaften und überhaupt gesünder leben. Mehr noch: Sie könnte einige ihrer drängenden gemeinsamen Probleme schneller in den Griff bekommen – vom Klimawandel bis zu Pandemien.

Klingt bombastisch? Kann man wohl sagen.

Die Botschaften einer Studie , die der Internationale Währungsfonds (IWF) zur Washingtoner Herbsttagung (ab Montag) vorlegt hat, klingen jedenfalls hoffnungsfroh. Tenor: Die Staaten rund um den Globus sollten verstärkt in die Schaffung neuen Wissens investieren. Würde mehr Geld in die Grundlagenforschung fließen, könnte die Menschheit mit spektakulären Fortschritten rechnen.

Schon eine Steigerung der staatlichen Forschungsausgaben um ein Drittel würde das jährliche Wirtschaftswachstum pro Kopf um 0,2 Prozentpunkte steigern, kalkuliert der IWF. Das klingt wenig. Aber in den 2010er Jahren lagen die entsprechenden Raten im weltweiten Schnitt unter zwei Prozent. Eine forschungsbefeuerte Wachstumsbeschleunigung wäre eine ziemlich großartige Entwicklung.

Noch besser: Ein solcher Booster-Shot für die weltweite Dynamik wäre auch noch günstig. Der Nutzen sei so groß, dass sich die Ausgaben binnen eines Jahrzehnts selbst finanzierten, glaubt der IWF.

Überschaubares Risiko, große Wirkung

Es geht um vergleichsweise kleine Summen. In Deutschland etwa geben Bund und Länder für die größten Brocken der Grundlagenforschung jährlich rund zehn Milliarden Euro aus. Damit finanziert der Staat die Einrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Institute und die Institute der Leibnitz-Gemeinschaft sowie die Forschung an Universitäten (über die Deutsche Forschungsgemeinschaft). Hinzu kommen noch Gelder der EU sowie Zuschüsse für die angewandte Forschung.

Mit diesem überschaubaren staatlichen Budget ist Deutschland bereits jetzt ziemlich erfolgreich. Zwei Nobelpreise in diesem und anderthalb im vorigen Jahr (wenn man großzügig den Chemienobelpreis für die in Berlin wirkende Französin Emmanuelle Charpentier mitzählt) zeigen, wie fruchtbar die deutsche Forschungslandschaft ist. Eine Aufstockung der Ausgaben um ein Drittel, wie sie der IWF vorschlägt, würde also gut drei Milliarden Euro kosten, lediglich 0,75 Prozent des Bundeshaushalts.

Woran es hierzulande hapert, ist die Übertragung neuen Wissens  in neue Produkte, Geschäftsmodelle und Unternehmen. Aber das ist eine andere Geschichte, die vor allem auf den Finanzmärkten spielt.

Schnelle Lösungen sind natürlich nicht zu erwarten. Bis aus Grundlagenforschung – vielleicht, irgendwann – wirtschaftlich nutzbare Innovationen werden, dauert es lange. Die mRNA-Technologie , die jetzt bei den Corona-Impfungen von Biontech (Mainz) und Moderna (USA) zum Einsatz kommt, basiert auf drei Wellen von Forschungsbeiträgen, die bis in die 1970er Jahre zurückreichen. Selbst die unmittelbar patentrelevanten wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind teils zehn Jahre alt.

Grundlagenforschung braucht einen langen Atem. Sie ist mit großer Unsicherheit behaftet, weil manches Forschungsvorhaben scheitert. Ob bei einem Projekt jemals wirtschaftlich Verwertbares herauskommt, ist häufig völlig unklar. Aber verglichen mit der aufwändigen produktnahen Entwicklung, die in Deutschland und anderswo mit einem ganzen Strauß von Förderprogrammen unterstützt wird, ist die Schaffung von Basiswissen insgesamt eine günstige Angelegenheit. Die finanziellen Risiken einer Aufstockung der Budgets wären überschaubar.

Warum zu wenig investiert wird

Aus politischer Sicht hat Grundlagenforschung jedoch zwei gewaltige Nachteile: Das langsame Tempo macht sie für gewählte Amtsträger unattraktiv, weil sichtbare Erfolge sich kaum je im Laufe einer Legislaturperiode einstellen. Und: Die Früchte der wissenschaftlichen Mühen fallen nicht nur am Ort der Forschung selbst an, sondern sie verteilen sich über die ganze Welt, weil alle, die über die entsprechenden Qualifikationen verfügen, die Forschungserträge nutzen können.

Das ist ein Problem. Weil jedes einzelne forschende Land nur einen Teil der Erträge erwarten kann, aber die vollen Kosten tragen muss, wird zu wenig investiert. Halten sich alle beim Investieren zurück, lahmen Fortschritt, Innovation und Produktivität. In Zeiten knapper Kassen lassen sich Forschungsbudgets zudem ziemlich schmerzlos zusammenstreichen – die Folgen werden erst mit großer Zeitverzögerung spürbar.

Leidtragende zu geringer Forschungsanstrengungen sind nicht nur reiche Gesellschaften, sondern auch die Bürger der Schwellen- und Entwicklungsländer, die vom Fortschritt anderswo besonders profitieren. »Wissenschaftliches Wissen reist weit durch Raum und Zeit«, formulieren die IWF-Forscher.

Sollte eine neue Ära der wissenschaftlichen Abschottung beginnen, etwa in Folge des Systemwettbewerbs zwischen China und den USA, wären die langfristigen Folgen desaströs. Um den Übergang zur Klimaneutralität bis zur Mitte dieses Jahrhunderts zu schaffen, braucht es ganze Schwärme von technologischen Durchbrüchen. Einen Beitrag zum Abbremsen der Erderwärmung werden sie nur leisten können, wenn sie rasch rund um den Globus zur Verfügung stehen. Ähnliches gilt für pharmazeutische Produkte zur Eindämmung von Pandemien, wie die Corona-Krise gezeigt hat.

Auch rein wirtschaftlich betrachtet gilt: Die Alterung der Weltbevölkerung wird sich leichter verkraften lassen, wenn sie mit raschen Produktivitätsfortschritten einhergeht. Schrumpfende Erwerbsbevölkerungen wären dann nicht zur schleichenden Verarmung verdammt. Auch künftige Generationen könnten sich steigender Lebensstandards erfreuen.

Eine neue Globalisierung

Die Diskussion um die weltweite Forschungslücke zeigt, wie sehr die Globalisierung ihren Charakter verändert hat. In ihrer frühen Phase in den 90er und 2000er Jahren war sie eine eher schlichte Veranstaltung: Unternehmen aus westlichen Ländern multiplizierten ihre Produktionsstätten sowie ihre Vertriebs- und Einkaufsnetze an immer mehr Standorten. Sie nutzen die niedrigeren Löhne in den Schwellenländern, um billiger fertigen zu können. Ein scharfer Standortwettbewerb drehte sich vor allem um Kosten. In der Summe wurde immer mehr vom Gleichen hergestellt, und zwar mit enormem Ressourcenaufwand.

Diese Phase ist vorbei. Längst ist offenkundig, dass es nicht nur um Konkurrenz zwischen Unternehmen, Staaten und Systemen geht, sondern auch um Kooperation bei der Lösung globaler Probleme – vom Klimawandel über Pandemien bis zu Migrationsbewegungen. Die beste Chance, diese Probleme zu lösen, besteht in ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Nur dann gibt es die Hoffnung, wirkungsvolle Gegenstrategien entwickeln zu können.

Mehr Gewicht auf die Grundlagenforschung zu legen, ist deshalb eine gute Idee. Es wäre ein lohnendes Projekt für die künftige Regierungskoalition. Und es gehört auf die Agenda der G7, deren Vorsitz Deutschland im kommenden Jahr hat.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Washington – Weltfinanzkonferenz – Herbsttagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) (bis Sonntag). Die Tagung findet teils in Präsenz vor Ort statt, teils in Online-Formaten.

Stockholm – Großdenker – Bekanntgabe der Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften.

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