Drohender Gasnotstand Die überzogenen LNG-Erwartungen

Lange hat Deutschland gezögert, auch Terminals für Flüssigerdgas zur Energieversorgung zu nutzen. Nun sollen die ersten Anlagen bereits zum Jahreswechsel in Betrieb gehen – doch das wird nicht reichen.
In anderen Ländern bereits seit vielen Jahren etabliert: LNG-Terminals im japanischen Futtsu, östlich von Tokio (eine Aufnahme aus dem Jahr 2013)

In anderen Ländern bereits seit vielen Jahren etabliert: LNG-Terminals im japanischen Futtsu, östlich von Tokio (eine Aufnahme aus dem Jahr 2013)

Foto: ISSEI KATO/ REUTERS

Die deutsche Wirtschaft ist in Alarmbereitschaft. Der Ukraine-Krieg und der dadurch drohende Gaslieferstopp aus Russland könnten für massive Probleme sorgen. Die Konzerne bereiten sich bereits auf Ausfall-Szenarien mit deutlich reduzierten Gasmengen vor, im Extremfall müssten ganze Fabriken heruntergefahren werden. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller (51), fürchtet inzwischen sogar einen möglichen Totalausfall russischer Lieferungen. Zwar steht Deutschland auch in einem solchen Fall nicht komplett ohne Gas da – auch aus Norwegen oder den Niederlanden kann der Rohstoff importiert werden. Doch um die Lücke zu schließen, ruhen viele Hoffnungen nun auf einem Wunder-Kürzel: LNG.

Deutschland, so die Logik, könnte einen Teil der Lieferungen aus Russland doch über "Liquefied Natural Gas" (LNG) kompensieren. Das Flüssiggas kann bequem per Schiff aus fernen Ländern importiert werden. Theoretisch zumindest. Denn ganz praktisch entpuppen sich die Hoffnungen als oft überzogen.

Mit Hochdruck arbeitet das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck (52; Grüne) seit Monaten an einer LNG-Offensive. Weltweit verfügen viele Länder mit Meereszugang zum Teil bereits seit Jahren über notwendige Terminals; in den EU-Staaten mit insgesamt 21 solcher Anlagen ist das nur in Deutschland noch nicht der Fall. Lange hatte sich die hiesige Politik eher verweigert. Jetzt sollen bereits zum Jahreswechsel zumindest zwei von insgesamt vier geplanten schwimmenden Terminals in Wilhelmshaven und Brunsbüttel betriebsbereit sein, kündigte Habeck am Wochenende an. Dabei müsse man ein Tempo vorlegen, "dass es so in Deutschland noch nicht gab".

Passend dazu folgte am Montag die offizielle Zulassung des vorzeitigen Baubeginns der Arbeiten für das LNG-Terminal in Wilhelmshaven durch das Gewerbeaufsichtsamt Oldenburg. Über dieses Terminal sollen schnellstmöglich bis zu 7,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr umgeschlagen werden – das wären immerhin rund 8,5 Prozent des jährlichen deutschen Gasbedarfs. Die schnelle Genehmigung zeige, "welche Bedeutung das LNG-Terminal in Wilhelmshaven für die Versorgungssicherheit des Landes hat", sagte Klaus-Dieter Maubach (60), Vorstandschef des finanziell angeschlagenen Energiekonzerns Uniper, der für den Betrieb der Anlage in Wilhelmshaven verantwortlich ist.

Niedersachsen Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (55; SPD) freute sich über die neue "Deutschland-Geschwindigkeit" bei dem komplexen Projekt: "Wir planen, genehmigen und bauen mit der achtfachen Geschwindigkeit." Die Zulassung bezieht sich dabei auf alle Teile sowohl der land- als auch der seeseitigen Infrastruktur. Hinzu kommt eine etwa 30 Kilometer lange Gashochdruckleitung zwischen dem schwimmenden Terminal ("Floating Storage und Regasification Unit" / FSRU) und dem Übergabepunkt in das Erdgasleitungsnetz der "Open Grid Europe" (OGE).

Nur ein kleiner Teil des deutschen Gasbedarfs

Die Pläne Deutschlands und anderer europäischer Staaten sind ehrgeizig: Europaweit sollen in den kommenden Jahren rund 50 Milliarden Kubikmeter russisches Gas durch LNG ersetzt werden. Allein rund 15 Prozent davon sollen, laut den Plänen über Wilhelmshaven kommen. Doch ob die Anlage die ihr zugedachte Rolle je spielen kann, ist unklar. Kritiker bemängeln, dass die Kapazität bei vielen Anlagen dieser Art oft nicht ausgeschöpft werde; das könne auch in Wilhelmshaven so sein. Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet deshalb auch vorsichtig nur mit fünf Milliarden Kubikmetern statt der von Uniper verkündeten 7,5 Milliarden – ein Drittel weniger. Zudem ist LNG teuer und umweltbelastend.

Mit einer ähnlichen Kapazität wie in Wilhelmshaven wird in Brunsbüttel geplant. Auch hier soll die Inbetriebnahme des Terminals zum Jahreswechsel erfolgen, allerdings werden dort zwei Pipelines benötigt, darunter eine Leitung bis nach Hamburg, um letztendlich die volle Auslastung zu ermöglichen. Entsprechende Pipelines sollen zwar den Vorteil haben, dass man sie später nach Umrüstungen unter anderem auch für grünen Wasserstoff nutzen kann. So könnten Investitionsruinen vermieden werden. Doch allein für die vier schwimmenden LNG-Terminals zahlt Deutschland in den kommenden Jahren bereits knapp 2,5 Milliarden Euro.

Eine weitere Problematik könnte dann bei der Lieferung des LNG entstehen. Laut Branchenexperten kommt das Gas möglicherweise erst Mitte des kommenden Winters in Deutschland an – und damit womöglich zu spät, um den Nachfragepeak aufzufangen. Die beiden weiteren schwimmenden Terminals sind sowieso erst für das kommende Frühjahr bestellt. Trotz des erhöhten Genehmigungstempos dürfte sich nur ein Bruchteil des deutschen Gasbedarfs in diesem Winter mit LNG decken lassen.

Weitere Kapazitäten durch feste LNG-Terminals

Erst langfristig könnten die LNG-Kapazitäten stark steigen. So sind in den kommenden Jahren auch feste Terminals in Deutschland geplant. Eins davon ebenfalls in Brunsbüttel, rund 500 Meter flussaufwärts zur FSRU-Anlage. Das von dem Unternehmen German LNG Terminal geplante Projekt wird für den Import und die Weiterverteilung von Flüssigerdgas errichtet und über zwei LNG-Tanks verfügen. "Diese ermöglichen eine flexible Logistik der Ein- und Auslagerung von LNG und verfügen zudem über eine LNG-Regasifizierungsanlage", sagte ein Sprecher dem manager magazin.

Das Terminal werde eine Durchsatzkapazität von bis zu acht Milliarden Normkubikmeter Erdgas pro Jahr haben, die auf zehn Milliarden erweitert werden kann. Alle Beteiligten würden daran arbeiten, das Projekt weiter zu beschleunigen, so der Sprecher. Aber: "Unter heutigen Voraussetzungen ist es realistisch, mit einer Fertigstellung im Jahr 2026 zu rechnen."

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