Sonntag, 8. Dezember 2019

Giannis Varoufakis in Deutschland Warum wir dem Finanz-Rocker zuhören sollten

Im offenen Hemd auf Europa-Tournee: Varoufakis am Mittwoch vor dem EZB-Gebäude

Griechenlands Finanzminister Varoufakis spricht bei Wolfgang Schäuble vor - und will ihm Angebote machen, die er nicht ablehnen kann. Schäuble sollte dem Finanz-Rocker zumindest zuhören: Noch gibt es die Chance, mit Kooperation einen Weg aus der Euro-Krise zu finden.

Wie kommt jemand, dem in weniger als vier Wochen das Geld auszugehen droht, dazu, seinen Gläubigern noch Forderungen zu stellen? Und warum sollten die darauf auch noch eingehen, nachdem sie Zins und Tilgung bereits zuvor gestreckt und gestundet haben?

Giannis Varoufakis ist in Motorradstiefeln nach Deutschland gekommen, will aber nicht allzu provokant auftreten. "Wir werden Angebote machen, die selbst Wolfgang Schäuble nicht ablehnen kann", kündigt der neue griechische Finanzminister an. Dem deutschen Kollegen hatte er zuvor das Tacitus-Zitat vorgehalten "Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden."

Der Rockstar-Ökonom verlangt einen großen intellektuellen Sprung von Schäuble, der sich traditionell gegen eine wirtschaftliche Logik sperrt, wenn sie dem Rechtsempfinden widerspricht.

Doch Schäuble wäre gut beraten, auf Varoufakis' Vorschläge einzugehen. Die neue griechische Regierung hat zwar kaum etwas gegen das große Deutschland in der Hand, wenn sie gegeneinander pokern. Falls die EZB - vor allem auf deutschen Druck hin - die Refinanzierung der griechischen Banken am 28. Februar stoppt, ist der Weg über Staatsbankrott zum griechischen Ausstieg aus dem Euro vorgezeichnet.

Einen Grexit hält Berlin für beherrschbar

Das Risiko einer Kettenreaktion an den Finanzmärkten auf einen solchen Grexit hält der Bund, vielleicht zu Recht, für beherrschbar, den unmittelbaren Verlust von rund 60 Milliarden Euro Forderungen an Griechenland vielleicht für vernachlässigbar.

Aber Varoufakis bietet die vielleicht beste Chance, die Euro-Zone insgesamt zusammenzuhalten. Denn gerade weil Griechenland fast nichts mehr zu verlieren hat, kann seine Regierung den Wandel in Europa anstoßen, an dem sich mächtigere Partner mit dem gleichen Ziel vergeblich versucht haben: Dass die Politik der vergangenen fünf Jahre - Schuldenhilfe gegen Sparauflagen - gescheitert ist, sehen auch die Regierungen Frankreichs und Italiens so, ebenso wie Junckers EU-Kommission, der IWF und die EZB.

Die echten Euro-Gegner stehen als Alternative bereit

Die wichtigsten europäischen Institutionen, bisher mit Ausnahme der deutschen Regierung, sind sich einig: Nur Wachstum führt aus der Schuldenfalle und vor allem aus der sozialen Krise, die eine verlorene Generation und die Aussicht auf eine schlimmstenfalls dauerhafte Stagnation hervorgebracht hat.

Griechenland kann nur noch den Kurs weg von der alten Schuldenpolitik ändern, ob mit oder ohne Euro. Für den Rest der Währungsunion wäre die Gelegenheit günstig, sich anzuschließen. Die Produktionskosten haben in Krisenländern wie Spanien längst wettbewerbsfähiges Niveau erreicht. Woran es fehlt, ist kaufkräftige Nachfrage.

Ein staatliches Investitionsprogramm plus Hilfen gegen soziale Not könnten den Anschub liefern. In Griechenland könnten sie durch geringere Haushaltsüberschüsse als bisher geplant finanziert werden, anderswo durchaus auch mit neuen Schulden, die derzeit real nichts kosten.

Rückenwind kommen vom billigen Euro Börsen-Chart zeigen und billigen Rohstoffen, flankiert von der lockeren Geldpolitik der EZB. Profitieren würde der ganze Kontinent, zumal die Gläubiger so erst eine realistische Chance bekämen, ihr Geld wiederzusehen.

Fortgesetzter Spardruck hingegen würde die meisten Euro-Länder am Boden halten und politische Kräfte stärken, die im Unterschied zu Syriza, Renzi oder Hollande kein Interesse daran haben, den Euro mit Reformen am Leben zu halten.

Der Bund könnte so zwar Prinzipientreue beweisen, aber weder deutsche Steuergelder noch deutsche Wirtschaftsinteressen schützen. Das ist die Wahl, vor die Varoufakis Schäuble stellt.

Folgen Sie Arvid Kaiser auf twitter

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung