Ex-CDU-Star Friedrich Merz Ganz unten

Vor zehn Jahren scheiterte er als Politiker, auch seine Karriere als Wirtschaftsanwalt geht unrühmlich zu Ende: Das Pech bleibt Ex-CDU-Star Friedrich Merz treu. Wenn er nun vor Industrievertretern über vermurkste Großprojekte referiert, redet er nicht zuletzt über sich selbst.
Wirtschaftspolitiker Merz: "Demokratie ist lernfähig"

Wirtschaftspolitiker Merz: "Demokratie ist lernfähig"

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

In Schönhagen, einem Nest südlich von Berlin, ist Friedrich Merz noch der Star. Immer wieder unterbrechen die Zuhörer den ehemaligen Hoffnungsträger des CDU-Wirtschaftsflügels: lachend, raunend, klatschend.

Merz erklärt auf dem Flugplatz der Gemeinde, weshalb es Bau-Großprojekte in Deutschland so schwer haben. Eine Generation saturierter Pensionäre wolle "nichts mehr davon wissen", wie Wohlstand entstehe und protestiere praktisch gegen jeden technischen Fortschritt.

So tröstet der ungebrochen dynamische Merz das Publikum aus Flughafen-Managern und Vertretern der Business-Jet-Industrie, die am von ihnen beklagten deutschen Hang zum Verhindern verzweifeln. "Sie reden mir aus der Seele", sagt einer zu Merz hinterher. Viele nicken. Der Pilot Merz ist einer von ihnen, oft fliegt er sein Flugzeug selbst aus dem Sauerland nach Schönhagen.

Es geht nicht mehr um viel bei Friedrich Merz

Wenig bis nichts hat der Arnsberger von dem eingebüßt, was ihn ausgezeichnet hat - damals, als er um die Jahrtausendwende Millionen für seine Ideen von einer freien Wirtschaft und einem einfachen Steuersystem begeisterte. Immer noch schaltet er konsequent auf Angriff, zielt mit den Augen über den Brillenrand ständig aufs Publikum und betont die entscheidenden Worte, als ginge es um die Kanzlerschaft.

Doch es geht nicht mehr um viel bei Friedrich Merz. Gerade erst hat seine Karriere als Wirtschaftsanwalt eine unrühmliche Wende genommen. Mit gerade 58 Jahren tauschte er seinen Status als Equity-Partner bei der Kanzlei Mayer Brown gegen den eines Senior Counsels ein, der gemeinhin als eine Art Vorruhestand gilt, wie manager magazin berichtete.

Das alles sei lange so geplant gewesen, sagt Merz. Seine Gegner in der Kanzlei verweisen darauf, Merz habe wenig Geschäft herangeschafft, was dieser zurückweist.

In jedem Fall hat der Sauerländer nun mehr Zeit für seine Aufsichtsratsmandate, die allerdings von eher zweitklassiger Qualität sind - unter anderem HSBC Trinkaus & Burkhardt und Axa Deutschland.

Merz wirkt hilflos

Die große Politik ist ohnehin kein Thema mehr für Merz, nachdem ihn Angela Merkel 2002 als Fraktionsvorsitzenden abservierte und er der Berliner Bühne 2004 ganz den Rücken kehrte. Gemessen an seinen früheren Zielen, gemessen aber vor allem an den Erwartungen seiner Fans, ist Merz ganz unten angekommen.

Im Grunde spricht er auch über sich, wenn er an diesem Nachmittag in der märkischen Heide darüber sinniert, warum in Deutschland aus so vielen guten Ideen nichts oder bestenfalls Murks wird. Schließlich ist die Idee seines Lebens - das einfache Steuersystem, in dem die Steuererklärung auf einen Bierdeckel passt - auch ein solches typisch deutsches Großprojekt wie Transrapid, Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen BER.

Ohne solche Mega-Vorhaben ist es bald aus mit Fortschritt und Wohlstand, daran hat Merz keinen Zweifel: "Neuer Wohlstand wird künftig nicht mehr in Europa, sondern den USA und Asien entstehen." Biomedizin, Gentechnik, Digitalwirtschaft - überall sind andere viel besser.

Politik mit Anti-Wutbürger-Beschichtung

Fast hilflos wirken jedoch seine Rezepte, wie die Deutschen endlich wachzurütteln seien. Merz beschwört den "fairen Dialog", die "Kraft der Argumente", ein "neues Miteinander" für einen technologisch-wirtschaftlichen Aufbruch. Sogar die Bundeskanzlerin, einst seine ärgste Widersacherin, muss als Kronzeugin herhalten - hatte sie doch die Parole ausgegeben, Deutschland müsse bei den wichtigsten Technologien auf den Plätzen eins bis drei stehen.

Ja, hatte sie. Genauso wie sie einst für die Kopfpauschale im Gesundheitswesen und die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke eingetreten ist. Heute sind Merkels Vorzeigeprojekte in der großen Koalition Mütterrente, Facharbeiter-Frühpensionierung, Mindestlohn und Ausländermaut.

Es sind die Projekte der von Merz gescholtenen satten Alten, denen die Veränderung ein Graus ist. Politik mit Anti-Wutbürger-Beschichtung, das Merkel-Seehofer-Prinzip.

Wie frustrierend ist das alles für Merz, den Idealisten? Wo ist die offene Auseinandersetzung über Schmerzen, die sich die Gesellschaft möglicherweise zufügen muss, um es künftig gut zu haben?

Der Rest der Welt will einfach oft nicht so, wie Merz will

Merz macht sich und dem Publikum Mut. Die Volksabstimmung über Stuttgart 21 vor knapp vier Jahren habe gezeigt, dass die Bürger Großprojekte mittrügen, wenn sie ihnen nur ausführlich genug erklärt würden. Er blendet dabei aus, dass in der baden-württembergischen Hauptstadt letztlich erst das Drohen mit Milliardenkosten bei einem Baustopp das Blatt wendete und die Gesamtkosten des Projekts beim Urnengang noch nicht bekannt waren. Für einen fairen Dialog steht Stuttgart 21 jedenfalls bis heute nicht, eher für den ewigen Abnutzungskampf zwischen Wirtschaftselite und skeptischer Bevölkerung.

"Demokratie ist lernfähig", schlussfolgert Merz dennoch. Ganz sicher ist er sich aber offenbar nicht: "Zumindest sollte sie es sein."

Der Rest der Welt will einfach oft nicht so, wie Merz will. Das zeigt sich auch in Schönhagen. Ausführlich erklärt der Ex-Politiker, weshalb es zu viele Flughäfen in Deutschland gibt. Die Billigfluggesellschaften pressten zu hohe Rabatte heraus, so dass die Airports kaum überleben könnten. "Irgendjemand muss die Vollkosten zahlen."

Kritik an Wirtschaftsverbänden

Außer geltungssüchtigen Reginonalpolitikern seien auch lokale Wirtschaftsverbände für Debakel wie in Kassel-Calden verantwortlich. Immer wieder hätten sie den Flughafen gefordert, an dem nun kaum ein Flieger abhebt.

In den Augen des Wirtschaftspolitikers Merz ist es nur gut, dass die EU solche Beihilfen nun abschaffen will. "Da ist die Insolvenz von Flughäfen nicht ausgeschlossen. Der Markt wird entscheiden, wer überlebt."

Da ist sie mal wieder, Merz' klare Botschaft, die, zu Ende gedacht, auch wehtun kann. Und die dann auf einmal niemand mehr hören will.

Schon der nächste Redner zeigt erkennbares Unbehagen. Der Markt soll entscheiden, welcher Flughafen überlebt? "An diesem Punkt muss ich Ihnen widersprechen", sagt Ulrich Stockmann, der einst die SPD im Europaparlament vertrat und sich nun für die Business-Jet-Industrie stark macht.

Der volkswirtschaftliche Nutzen vieler Flughäfen sei hoch, trotz roter Zahlen. Es gehe nun darum, dies den EU-Behörden in einer "nachhaltigen Lobbystrategie" klar zu machen, um "unsere Interessen wahren" zu können.

Doch da hat Friedrich Merz den Raum bereits verlassen.

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