Händlermoral gegen Kriegermoral Ethik in Zeiten des Terrors - der moralische Irrtum des Westens

Von Irina Kummert
Von Irina Kummert
Ein Blumenstrauß für die Opfer von Paris: Nach welchen Regeln wir und andere leben wollen, entscheiden nicht wir alleine. Gelegentlich entscheiden das auch die anderen, und wir müssen mit den Konsequenzen leben

Ein Blumenstrauß für die Opfer von Paris: Nach welchen Regeln wir und andere leben wollen, entscheiden nicht wir alleine. Gelegentlich entscheiden das auch die anderen, und wir müssen mit den Konsequenzen leben

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Seit 1517, der Geburt des Ehrbaren Kaufmanns an der Hamburger Börse, verteidigen wir das Ideal eines Menschen, der zu seinem Wort steht, dessen Handschlag gilt, der Vorbild ist, sein unternehmerisches Wirken langfristig und nachhaltig ausrichtet und sich an das Prinzip von Treu und Glauben hält. Wir glauben daran, dass Treu und Glauben zu einer Rücksichtnahme auf die berechtigten Interessen anderer und zu einem redlichen Verhalten im Umgang miteinander verpflichten.

Wir sprechen für das, wofür wir stehen wollen. Für unsere Werte. Werte wie Verantwortung, Solidarität und Fairness, die unsere Beziehungen zu anderen Menschen und unser Zusammenleben in einer Gemeinschaft regeln sollen. Wir haben uns diese Regeln gegeben. Regeln, nach denen wir leben wollen, die aus unserer Sicht selbstverständlich und fraglos für alle gelten sollten. Sie entstehen auch aus der Wahrnehmung, dass sie nützlich sind für die Stabilität unserer Gesellschaft, die sich am Glücksprinzip orientiert.

Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Freitag, der 13. November 2015 war einer dieser Tage, die uns gezeigt haben, dass es eine Welt gibt, die wir dabei ausgeblendet haben. Nach welchen Regeln wir und andere leben wollen, das haben wir schmerzlich gelernt, entscheiden nicht wir alleine. Gelegentlich entscheiden das auch die anderen, und wir müssen mit den Konsequenzen leben.

Moral ist ein Feld, das alles andere als eindeutig definierbar ist. Es gibt nicht die eine Moral, sondern viele Moralen. Wie gegensätzlich diese ausfallen können, zeigt die von der Sozialwissenschaftlerin Jane Jacobs in ihrer 1994 veröffentlichten Studie "Systems of Survival: A Dialogue on the Moral Foundations of Commerce and Politics" entwickelte Unterscheidung zwischen Händlermoral und Wächtermoral. Die Händlermoral siedelt Jacobs da an, wo durch Offenheit und Bereitschaft zur Veränderung Innovation entstehen kann, während die Wächtermoral an der Einhaltung von Werten, Normen und Regeln orientiert und insofern statisch und geschlossen ist.

Die Folgen einer Vermischung beider Moralen in einer Gesellschaft sind tiefgreifende Konflikte bis hin zu Stillstand und Überwachung. Der französische Sozialphilosoph Georges Sorel unterschied zwischen Händlermoral und Kriegermoral. Die Händlermoral bezeichnete er als Täuschungsmanöver, als unehrlich und verdeckt gewalttätig, während er die Kriegermoral als sittlich ehrlich im Sinne von mit offenem Visier kämpfend ansah. Sorel wurde mehr als einmal vorgeworfen, Gewalt zu verherrlichen. Ganz klar sei hier gesagt, dass Gewalt zur Durchsetzung von Werten, Regeln und Normen streng abzulehnen ist - klar zumindest aus unserer Sicht.

Keine einheitliche Konzeption von Ethik und Moral

Dass sich die Moral einer eindeutigen Definition, der sich alle Menschen gleichermaßen anschließen können, entzieht, sollte uns daran erinnern, dass es sein könnte, dass unsere Maßstäbe, die wir an ein gelungenes Leben anlegen, nicht für alle erstrebenswert sein könnten.

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Die Ereignisse in Paris haben einmal mehr deutlich gemacht, dass sich Moral immer auch auf Referenzsysteme bezieht, die in sich geschlossen sind, in denen eigene Regeln gelten. Die Mafia beispielsweise wäre ein solches Referenzsystem. Jeder Mafioso würde von sich behaupten, einen klar formulierten Moralkodex zu haben und für Werte wie Zuverlässigkeit und Vertrauen zu stehen.

Die Theologin und Ethikerin Hille Haker bezeichnet die Mafiaethik als eine Moral, die sich "als patriarchale Fürsorglichkeit und Verantwortung gegenüber einer bestimmten Gemeinschaft darstellen ließe": Dasselbe gilt möglicherweise auch für andere Glaubensrichtungen. Sie bewegen sich in einem anderen moralischen Referenzsystem.

Eine Konsequenz aus der Bezogenheit von Ethik und Moral auf Referenzsysteme ist es, dass es in einer Welt mit Individuen aus unterschiedlichen Kulturkreisen mit unterschiedlichen Wertesystemen, keine einheitliche Konzeption von Ethik und Moral geben kann.

Welche Ausprägungen das haben kann, lässt sich gut am Beispiel von Tabus zeigen. Moral beeinflusst über die Erzeugung von Tabus das Handeln der Menschen. Ein Tabu ist es für uns, zur Durchsetzung von (legalen) Zielen gegenüber uns und anderen Gewalt anzuwenden. Uns selbst umzubringen, kommt für uns als Strategie zur Zielerreichung schon gar nicht in Frage - zumal es in der christlichen Tradition als Sünde gilt, sich selbst das Leben zu nehmen.

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Weil dieses Gefühl so tief in uns verwurzelt ist, sind uns Menschen, die ihre Ideale über das eigene Leben stellen, fremd. Sie bewerten die Aufrechterhaltung des aus unserer Sicht höchsten Guts, des Lebens, anders als wir. Wir hängen am Leben und sind genau da verwundbar.

Wir haben es in den letzten Tagen erlebt. Sobald es Menschen, die sich innerhalb einer Gemeinschaft bewegen, egal ist, ob sie überleben oder nicht, gelten neue Regeln. Mit unserer bisherigen Auffassung, dass wir uns global auf moralische Standards werden einigen können, werden wir nicht weiter kommen. Wir müssen uns vielmehr damit auseinandersetzen, dass es nicht nur unsere, dass es nicht nur eine Moral gibt. Vor allem aber werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, dass es nicht automatisch etwas Gutes ist, eine Moral zu haben.

Irina Kummert ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.