Drohende Pleitewelle Jeder dritte Betrieb fürchtet um die Existenz

Angesichts der hohen Energiekosten trommeln die Verbände von Industrie und Handwerk für direkte Hilfen an die Unternehmen. Sie fürchten eine bislang nicht gekannte Pleitewelle. Wirtschaftsforscher bleiben da gelassener.
Zu hohe Kosten, zu wenig Nachfrage: Zusehends mehr Unternehmen halten das nicht aus und müssen schließen

Zu hohe Kosten, zu wenig Nachfrage: Zusehends mehr Unternehmen halten das nicht aus und müssen schließen

Foto: Bernd Weißbrod / dpa

Wirtschaft und Politik warnen angesichts explodierender Energiekosten vor einer Pleitewelle in Deutschland. In einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Industrieverbandes BDI heißt es, für 58 Prozent der Betriebe sei dies eine starke Herausforderung, für 34 Prozent gehe es um die Existenz. Letzteres hatten im Februar erst 23 Prozent gesagt. Fast jedes zehnte Unternehmen hat die Produktion schon gedrosselt oder sogar unterbrochen. Fast jede vierte Firma denke darüber nach oder sei bereits dabei, Unternehmensanteile oder Teile der Produktion sowie Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. "Die Bundesregierung muss schleunigst ein Entlastungsprogramm für die Wirtschaft auf den Weg bringen", forderte BDI-Präsident Siegfried Russwurm (59).

Auch im Handwerk spitzt sich die wirtschaftliche Lage dem Branchenverband ZDH zufolge dramatisch zu. "Im Handwerk rollt auf uns wegen der Energiekrise eine Insolvenzwelle zu", sagte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer (67) der "Rheinischen Post". "Jeden Tag erreichen uns Notrufe von Betrieben, die kurz davor sind, ihre Produktion einzustellen, weil sie die enorm gestiegenen Energierechnungen nicht mehr bezahlen können." Die Dynamik bei Pleiten sei "viel schlimmer als in den Hochphasen der Corona-Pandemie". Nach seinem Eindruck habe die Bundesregierung dies noch gar nicht auf dem Schirm. Der Staat müsste jetzt besonders betroffene, energieintensive Betriebe direkt mit Härtefallhilfen unterstützen.

Vor allem hohe Energiepreise haben die Inflation in Deutschland im August zuletzt auf 7,9 Prozent getrieben. Viele Ökonomen erwarten zweistellige Inflationsraten in den nächsten Monaten. Eine hohe Inflation schwächt die Kaufkraft der Menschen. Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher und zugleich steigende Kosten setzen Unternehmen massiv zu. Etwa die Hälfte der Unternehmen wolle die gestiegenen Kosten weiterreichen und die Preise erhöhen, berichtet das Ifo-Institut. Doch immer öfter hilft auch das nicht, sehen Firmen offenbar keinen anderen Ausweg, als die Insolvenz: Zuletzt hatten der bekannte Schuhhändler Görtz und der Toilettenpapierhersteller Hakle sich ins Insolvenzverfahren begeben.

Verbände fordern direkte Hilfen für die Betriebe

Das Wirtschaftsministerium wiederum warnt vor der Gefahr von "stillen Betriebsaufgaben". Insolvenzen seien nicht das alleinige Maß – diese Verfahren dienten gerade dem Ziel, Betriebe zu erhalten. Es könnten aber auch Geschäfte einfach geschlossen werden, ohne einen Insolvenzantrag zu stellen, weil sie sich wegen zu hoher Kosten nicht mehr lohnten. Das sei vor allem für kleine und mittelgroße Firmen ein ernstes Problem. Das Ministerium reagierte damit auf Äußerungen von Ressortchef Robert Habeck am späten Dienstagabend, die vielfach kritisiert wurden.

Forscher erwarten keine signifikante Zunahme der Insolvenzen

Dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zufolge ist die Zahl der Firmenpleiten derzeit noch stabil. "Das Insolvenzgeschehen zeigt sich trotz Energiekrise, Lieferkettenproblemen und dem schrittweisen Auslaufen der Corona-Hilfen noch immer erfreulich robust", sagte IWH-Fachmann Steffen Müller. Die Zahl der Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften liege im Juni bei 709 und damit etwas unter den Vormonaten und nahezu exakt auf dem Vorjahresniveau.

Auch für Juli und August sei mit keinen starken Veränderungen zu rechnen. Doch die Belastungen für die Firmen würden nochmals deutlich zulegen. Dazu gehörten die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro im Oktober, die seitens der Europäischen Zentralbank (EZB) eingeleitete Zinswende und weiter zu erwartende Preissteigerungen bei der Energie.

rei/Reuters, dpa-afx
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