Henrik Müller

Alternative zum Embargo Was für einen Strafzoll auf russische Energieimporte spricht

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Dreht uns Putin den Gashahn zu? Deutschland könnte Analysen zufolge einen kompletten Lieferstopp verkraften – aber die damit verbundenen Verwerfungen wären erheblich. Warum es smartere Wege gibt.
Vorteil Strafzoll: Anbieter wie die VNG Gasspeicher GmbH (im Bild der VNG-Untergrundgasspeicher in Bad Lauchstädt) hätten einen Anreiz, nach Einsparmöglichkeiten zu suchen, müssten aber nicht abrupt auf russische Importe verzichten

Vorteil Strafzoll: Anbieter wie die VNG Gasspeicher GmbH (im Bild der VNG-Untergrundgasspeicher in Bad Lauchstädt) hätten einen Anreiz, nach Einsparmöglichkeiten zu suchen, müssten aber nicht abrupt auf russische Importe verzichten

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Stringer / Getty Images

Ja, wir könnten ein schnelles Ende der Öl- und Gasimporte aus Russland verkraften – aber das wird sehr teuer. Das ist inzwischen Konsens unter jenen Ökonomen, die Modellrechnungen zu diesem Szenario vorgelegt haben. Zuletzt hat sich die Bundesbank zu Wort gemeldet .

Die Frankfurter Volkswirte kommen zu dem Ergebnis, dass bei einem abrupten Ende der Lieferungen die deutsche Wirtschaft bis 2024 deutlich schrumpfen würde. Die Inflation würde noch weiter steigen. (Achten Sie Donnerstag und Freitag auf aktuelle Zahlen zum Preisanstieg in Deutschland und der Eurozone.)

Drei Jahre Rückgang der Wirtschaftsleistung – das wäre die längste und tiefste Rezession der bundesrepublikanischen Geschichte. Wie es danach weitergeht, liegt außerhalb des Zeithorizonts der Modellrechnung.

Die Bundesbank-Forscher machen deutlich, wie hoch die Unsicherheit ihrer Berechnungen ist. Möglich, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft als anpassungsfähiger erweisen als unterstellt. Es kann aber auch sein, dass die Folgen eines Wegfalls russischer Importe noch schwerwiegender wären. Skepsis ist jedenfalls angezeigt, wenn der größte Exporteur von fossilen Energieträgern vom Weltmarkt abgeklemmt werden soll.

Egal, ob Wladimir Putin (69) uns den Gashahn zudreht oder ob der Westen gegen Russland einen Komplettboykott verhängt – in jedem Fall gilt nach den vorliegenden Modellrechnungen: Wir schaffen das. Auch wenn die damit verbundenen Verwerfungen erheblich sein werden.

Doppelt so viel Kupfer, zehnmal so viel Kobalt

Langfristig kann der russlandbedingte Gas- und Ölschock eine Trendwende zum Besseren einleiten. "2022 ist der Punkt, an dem unser Energiesystem eindeutig auf Erneuerbare getrimmt wird", sagt der Erfurter Professor Andreas Goldthau, der über die globalen Auswirkungen der Energiewende forscht . Dass der Krieg die Umstellung auf Wind, Sonne und Wasserstoff beschleunigt, ist plausibel und wünschenswert. Klar ist aber auch, dass dieser Übergang nicht von heute auf morgen möglich ist. Die Umstellung der Energieversorgung wird dauern. Es geht eher um Jahrzehnte als um den nächsten Winter.

Geht das alles nicht schneller? Ist am Ende nicht alles nur eine Frage des politischen Willens? Schwierig. Die Energiewende zieht sich nicht nur wegen langwieriger Genehmigungsverfahren und knapper Arbeitskräfte im Bausektor hin, ohne die sich weder Windparks noch Solarfelder noch Stromtrassen noch E-Tankstellen errichten lassen. Es geht auch, ganz fundamental, um die Verfügbarkeit von Rohstoffen.

Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hat vorgerechnet, was nötig wäre, um bis 2040 die Erneuerbaren soweit auszubauen, dass der Westen klimaneutral wird ("Netto-Null-Szenario"). Ergebnis: Der jährliche Bedarf an Kupfer wird sich bis 2040 verdoppeln, der Nickelbedarf vervierfachen, der Kobaltbedarf verzehnfachen.

Kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) massive Preisanstiege für all diese Güter prognostiziert. Die Knappheit an Rohstoffen "könnte die Umsetzung der Energiewende verzögern" . Das gilt nun erst recht, denn Russland ist ein bedeutender Exporteur kritischer Rohstoffe, die für den Umbau der Strominfrastruktur benötigt werden. Auch Kapital für den Ausbau der Erneuerbaren könnte angesichts der kriegsbedingten Verwerfungen an den Finanzmärkten knapp werden, warnt der Internationale Währungsfonds in seinem Bericht zur Finanzstabilität .

Die näheren Aussichten lassen frösteln: Nächsten Winter wird uns die Energiewende nicht retten, und übernächsten auch nicht. Die Folgen eines Import- oder Exportstopps für russisches Gas müssen anders abgepuffert werden. Aber auch das wird eng.

Leere in der Röhre

Früher war es so: Wenn Energie knapp und teuer wurde, floss viel Geld in den Öl- und Gassektor, weil es dort eine Menge zu verdienen gab. Förderanlagen wurden ausgebaut, neue Vorkommen erkundet und erschlossen. Das Angebot an Öl und Gas stieg. In der Folge stabilisierte sich der Preis. Manchmal stürzte er nach einem Gipfelpunkt sogar regelrecht ab. So war es nach dem Energieschock von 1980, als nach der Machtübernahme der Mullahs im Förderland Iran der Preis zunächst auf Rekordhöhen stieg, dann aber bald wieder sank – um rund zwei Drittel. So war es 2008, als der Ölpreis ein Allzeithoch von 140 US-Dollar pro Fass erreichte, woraufhin der Frackingboom einsetzte, die USA zeitweise zum größten Produzenten der Welt aufstiegen – und der Preis binnen weniger Jahre um zwei Drittel fiel. Eine Art globalökonomischer Schweinezyklus.

Dieses Mal ist vieles anders. Kurzfristig sind die Chancen äußerst begrenzt, den zeitweisen Ausfall Russlands auszugleichen. Zum einen landet ein Großteil der deutschen und sonstigen europäischen Einfuhren per Pipeline bei uns. Falls diese Röhren leer bleiben, wird ein Großteil dieses Gases dem Weltmarkt nicht zur Verfügung stehen. Andere Abnehmerländer – China, Indien oder Pakistan – mögen Interesse an russischem Treibstoff haben. Aber bis neue Pipelineverbindungen nach Asien gebaut sind, werden Jahre vergehen. Per Schiff oder Bahn lassen sich derartige Mengen an Gas und Öl kaum kurzfristig transportieren.

"Gestrandete Anlagen" und andere Kalamitäten

Dazu kommt: Reservekapazitäten sind rar. Denn seit Jahren wird die fossile Energieinfrastruktur heruntergespart. Nach Abschluss des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 ist es immer schwieriger geworden, Finanzierungen für die extrem teure Exploration und den Ausbau von Förderkapazitäten zu bekommen. Investoren befürchten, in wenigen Jahren auf "gestrandeten Assets" zu sitzen: auf Anlagen, die Milliarden US-Dollar gekostet haben, sich aber nicht amortisieren, weil sie in einer Welt, die den Klimawandel ernst nimmt, wertlos sind. Auch Finanzmarktregulierer und Notenbanken haben gehörigen Druck gemacht, dass Unternehmen Risiken, die sich aus die Klimawende ergeben, in ihren Bilanzen ausweisen müssen – und damit die Finanzierung zusätzlich erschwert.

Seit Mitte der 2010er-Jahre haben sich deshalb die weltweiten Investitionen in die Öl- und Gasförderung nach IWF-Berechnungen  mehr als halbiert. Ob Energiemultis, Investoren und Regierungen bereit sind, auf die Schnelle viele Milliarden bereitzustellen, um den (möglichen) weitgehenden Ausfall des Großexporteurs Russland auszugleichen, ist zweifelhaft. Die Klimawende mag sich durch Russlands Feldzug verzögern. Dafür aber könnte – und müsste – sie später umso rascher vorangehen. Das ist keine Marktumgebung, die Investoren anlockt.

Angesicht der voraussichtlich andauernden Knappheiten ist das Szenario eines kompletten Lieferstopps höchst anspruchsvoll. Gas würde auf absehbare Zeit knapp bleiben, weil das weltweite Angebot ziemlich starr ist. Verflüssigtes Erdgas (LNG) lässt sich zwar per Tanker heranschaffen. Aber es gibt kaum freie internationale Förderkapazitäten. Und Deutschland hat bislang nicht mal ein LNG-Terminal, während die Gashäfen in der übrigen EU bereits an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Entsprechend gehen die Bundesbank-Volkswirte in ihrer Prognose davon aus, dass der Gaspreis sich zunächst verdreifacht, dann allmählich bröckelt, aber auf dem Doppelten des Vorkriegsniveaus verharrt.

Trotz hoher Preise wären Rationierungen für die Industrie, also tatsächliche Lieferbeschränkungen, wohl unausweichlich. Privatbürger mit Gasheizungen würden sich fragen, ob die Füllstände der Speicher ausreichen, um auch bei harten Wintern die Stuben in Deutschland und anderswo in Europa warmzuhalten.

Öl und Kohle lassen sich leichter ersetzen, weil die Zahl der Anbieter weltweit größer ist und diese Brennstoffe leichter per Schiff geliefert werden können. Aber auch Erdöl bleibt in diesem Szenario auf längere Sicht fundamental knapp und teuer.

Die große Frage ist: Wird es zu einem vollständigen Lieferstopp kommen?

Clever und smart

Dass Moskau selbst den Hahn zudreht, wäre überraschend. Denn bislang profitiert Russland von den gestiegenen Energiepreisen. Der außenwirtschaftliche Überschuss hat ein Rekordniveau erreicht. Auch wenn Russland wegen der westlichen Finanzsanktionen mit seinen Dollar- und Euro-Einnahmen gegenwärtig wenig anfangen kann, so steigen doch die russischen Forderungen in westlichen Währungen.

Europa wiederum steckt in einem moralischen Zwiespalt. Einerseits verschaffen wir durch die fortgesetzten Importe Putins kriegführendem Regime finanziellen Spielraum. Andererseits würde ein totaler Importstopp durch die damit verbundene globale Angebotsverknappung enorme Kosten verursachen, und zwar nicht nur bei uns, sondern auch in vielen ärmeren Ländern, wie US-Finanzministerin Janet Yellen (75) dieser Tage gewarnt hat.

Die EU hat bereits ankündigt, den Import von Kohle und Öl aus Russland vollständig herunterzufahren. Bei Gas ist das schwieriger, da rund 40 Prozent der EU-Importe – und auch der deutschen Einfuhren – aus Russland kommen.

Ricardo Hausmann, ein Ökonom an der Harvarduniversität, schlägt einen anderen Weg vor. Statt einen Totalboykott zu verhängen, sollte die EU einen Strafzoll von 90 Prozent auf russische Öl- und Gasimporte erheben . Ein Vorgehen, das auch Guntram Wolff, Direktor der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, befürwortet . Damit hätten europäische Nutzer einen Anreiz, ihre Importe herunterzufahren, nach Einsparmöglichkeiten und alternativen Anbietern zu suchen. Aber sie müssten nicht abrupt auf alle Energieeinfuhren aus Russland verzichten. Der EU würde ein solcher Zoll zusätzliche Einnahmen bescheren. Besonders elegant: Russland würde sich – vermutlich – genötigt sehen, seinen europäischen Abnehmern einen Preisnachlass zu gewähren; andernfalls würde Putin den Absturz des Rubels riskieren. Die Petro-Einnahmen des Kreml würden zumindest geschmälert.

Die volkswirtschaftlichen Kosten für Europa und den Rest der Welt wären immer noch enorm. Energie bliebe teuer, die Inflation würde weiter steigen. Doch ein Energiezoll wäre ein smarter und flexibler Weg, die Abhängigkeit von russischen Importen zu verringern und dem Putin-Regime finanziell zu schaden, ohne selbst schwer kalkulierbare Risiken einzugehen. Worauf warten wir?

Die wichtigsten Termine der bevorstehenden Woche

Paris – Nachlese – Nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Wie sortiert sich das zweitgrößte EU-Land neu?

München – Mieses Klima – Das Münchener Ifo-Institut veröffentlicht seinen Geschäftsklimaindex, einen wichtigen Frühindikator für die deutsche Konjunktur.

Konzernergebnisse I – Geschäftszahlen von Deutsche Börse, Philips, Roche, Coca-Cola, Whirlpool.

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