Wohin mit dem Atommüll? Großteil Deutschlands kommt für ein Endlager infrage - aber Gorleben nicht

Auf der Suche nach einem neuen Endlager für Atommüll hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung eine erste Auswahl möglicher Standorte veröffentlicht. Ein Highlight: Gorleben ist raus.
Stefan Studt (r.), Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), und Steffen Kanitz, Mitglied der Geschäftsführung der BGE, zeigen die Karte der möglichen Standorte für ein Atommüllendlager aus geologischer Sicht.

Stefan Studt (r.), Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), und Steffen Kanitz, Mitglied der Geschäftsführung der BGE, zeigen die Karte der möglichen Standorte für ein Atommüllendlager aus geologischer Sicht.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Die Geologie in Deutschland erlaubt nach Ansicht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) in jedem Fall den Bau eines Endlagers für hoch radioaktiven Atommüll. "Die Geologie ist von Nord bis Süd und Ost bis West so günstig, dass sich ein Standort wird ermitteln lassen", sagte BGE-Geschäftsführer Stefan Studt (59) am Montag in Berlin. Mit Blick auf den zuvor vorgelegten ersten Teilbericht zur Endlagersuche  seien die nun ausgewählten Regionen aber "noch lange kein Endlagerstandort".

Der Bericht definiert 90 "Teilgebiete" in Deutschland, die nach Erkenntnissen der BGE günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüllendlager vorweisen. Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht darunter. Berücksichtigt man die Überlagerung einiger Gebiete, ist laut Bericht in Deutschland ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche als Teilgebiet ausgewiesen. Außer dem Saarland haben alle Länder Anteil an den ausgewiesenen Flächen, auch die drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen.

Eine Vorfestlegung auf einen Standort ist aber mit der nun veröffentlichten Liste noch nicht verbunden. In den kommenden Monaten und Jahren werden die möglichen Standorte nach und nach weiter eingegrenzt, indem weitere Kriterien - etwa die Bevölkerungsdichte - berücksichtigt werden. Dennoch dürfte die Debatte über die Endlagerung von hoch radioaktivem Atommüll damit in Fahrt kommen - vor allem in den Gebieten, die nun näher unter die Lupe genommen werden sollen. Das Endlager soll unterirdisch in Salz, Ton oder Kristallin, also vor allem Granit, entstehen. 2031 soll der Standort gefunden sein, ab 2050 sollen Behälter mit strahlendem Abfall unterirdisch eingelagert werden.

Konkreter wird es erst in den kommenden Jahren

Der Bericht listet erst einmal alle Regionen in Deutschland auf, "die günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle erwarten lassen", so schreibt es das entsprechende Gesetz vor. Deswegen sind es noch ziemlich viele und teils auch recht große Gebiete. Konkreter wird es erst in den kommenden Jahren. Aus den Teilgebieten werden sogenannte Standortregionen ausgewählt, die übertägig genauer erkundet werden. Einige davon werden dann auch untertägig erforscht.

Nach langem Ärger um den Salzstock Gorleben wurde die Endlagersuche komplett neu gestartet. Ausgehend von einer "weißen Landkarte", auf der erst mal jeder Ort grundsätzlich infrage kommt, werden mögliche Standorte nun nach wissenschaftlichen Kriterien nach und nach eingegrenzt. Am Ende soll dann aber die Politik die Entscheidung über den Standort treffen - basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Über verschiedene Formate können sich Bürger, Gemeinden und Organisationen in den Prozess einbringen.

Zoff hatte es vor allem um Gorleben gegeben, das zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden war. Manche forderten schon vor der Veröffentlichung des Berichts, den Salzstock als "politisch verbrannt" aus der Suche auszunehmen. Aber auch die bayerische Landesregierung hat Ärger auf sich gezogen, weil sie den Suchprozess anzweifelt und darauf pocht, dass der Untergrund in Bayern nicht geeignet sei. So hatte Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) in der vergangenen Woche Zweifel am Verfahren angemeldet, weil der Granit in Bayern stark zerklüftet sei und für eine sichere Endlagerung technische Nachbesserungen notwendig wären. Mit der Kritik an dem Verfahren wird das Prinzip der "weißen Landkarte" infrage gestellt, das erst nach und nach anhand messbarer Kriterien die Suche nach einem geeigneten Standort immer weiter eingrenzt.

Auf dieses Prinzip pochen unter anderem die Grünen, deren Wurzeln auch in der Anti-Atomkraftbewegung liegen. "Jetzt ist erst einmal die Wissenschaft am Zuge und die sollte man auch in Ruhe machen lassen", sagte Bundestags-Fraktionsvize Oliver Krischer (51) der dpa. Im Fall Gorleben habe es in erster Linie eine politische Entscheidung gegeben. In den 70er-Jahren war beschlossen worden, dort ein Endlager einzurichten. Deswegen habe "ein Landstrich fast komplett rebelliert".

Geologische Mängel hätten jedoch dazu geführt, den Salzstock Gorleben aus dem bundesweiten Suchverfahren für ein Atom-Endlager auszuschließen, hieß es am Montag. "Gorleben ist nicht der bestmögliche Standort", sagte Steffen Kanitz (36), Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Montag in Berlin. Unter anderem weise der Salzstock ein nicht intaktes Deckgebirge vor, auch die Gewässerchemie spreche gegen den Standort. Er betonte auf Nachfrage, dass die Entscheidung rein wissenschaftlich erfolgt sei, es habe keinen politischen Druck gegeben. Gorleben habe bei der ersten Prüfung der Geologie die Hürde genommen, weise aber keine "günstige Gesamtsituation" auf.

Mit Blick auf den zuvor vorgelegten ersten Teilbericht zur Endlagersuche seien die nun ausgewählten Regionen aber "noch lange kein Endlagerstandort".

akn/dpa