Bis zu 24 Millionen Elektroroller in deutschen Städten "Wir werden mehr Unfälle mit E-Rollern sehen"

E-Roller dürfen bis zu 55 Kilo schwer, 70 cm breit und 200 cm lang sein. Rollen da künftig "Monster" auf Deutschlands Radwegen? Steigt die Zahl der Unfälle, zumal Kommunen auch Gehwege für Scooter öffnen dürfen? Welches Extrageschäft erwarten Versicherer von dem Boom? Ein Gespräch Siegfried Brockmann, Unfallforscher der Versicherer.
"Die Rollerlobby ist stark": Siegfried Brockmann ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und studierter Politologe. 1998 übernahm er die Kommunikation für die Schaden- und Unfallversicherung der Versicherer (GDV). Seit 2006 leitet er dort die Unfallforschung. Ehrenamtlich ist Brockmann Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.

"Die Rollerlobby ist stark": Siegfried Brockmann ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und studierter Politologe. 1998 übernahm er die Kommunikation für die Schaden- und Unfallversicherung der Versicherer (GDV). Seit 2006 leitet er dort die Unfallforschung. Ehrenamtlich ist Brockmann Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.

Foto: Unfallforschung der Versicherer

manager-magazin.de: Herr Brockmann, hatten Sie schon mal einen Elektroroller unter den Füßen?

Brockmann: Ja, aber auf Privatgelände, wo keine Fußgänger oder Radfahrer in die Quere kommen konnten.

Gings ohne Blessuren ab?

Alles glatt gegangen. Der Roller ließ sich sogar relativ leicht steuern. Nach fünf bis zehn Minuten Übung gings schon in den Slalom über, das war kein Problem. Wie gesagt: Das war kein Test unter realistischen Bedingungen, zudem handelte es sich um ein keineswegs billiges Exemplar - aber mit besten Chancen auf eine Zulassung.

Nun hat sich der Versicherungsverband erfolgreich gegen Scooter auf Gehwegen ausgesprochen . D ie Fahrzeuge werden auf Radwege oder Straßen verbannt. Halten Sie das für eine gute Idee, wenn noch nicht mal Helmpflicht besteht?

Ich spreche hier als Unfallforscher. Natürlich ist das nicht optimal, aber irgendwohin müssen die Scooter ja.

Der Einfluss des GDV auf die Politik, für den Sie als Unfallforscher arbeiten, ist nicht zu unterschätzen.

Den entscheidenden Einfluss in diesem Prozess hatten die Bundesländer und nicht wir. Außerdem wurde aus der Verordnung nur die generelle Freigabe von Fußverkehrsflächen für Roller bis 12 Stundenkilometer herausgenommen. Zwölfjährige hätten dem Entwurf zufolge diese Fußgängerflächen dann benutzen müssen, dagegen haben wir uns massiv gewehrt.

Warum eigentlich?

Zum einen besitzen Kinder noch nicht die Reife, vorausschauend zu fahren, zum anderen sind E-Roller Kraftfahrzeuge. Sie gehören schlicht nicht auf den Gehweg. Wir müssen die Schonräume für Fußgänger schützen, Unfallrisiko und Verletzungsgefahr wären auch bei 12 km/h viel zu groß. Und wo will man da künftig die Grenze ziehen? Wir wissen doch gar nicht, welche Entwicklungen und Antriebsarten künftig noch auf uns zukommen. Mit der generellen Freigabe wäre der Rubikon überschritten.

Kommunen können Fußverkehrsflächen für den Rollerverkehr gleichwohl freigeben. Rechnen Sie mit damit?

Ja, das wird passieren. Die Rollerlobby ist stark, und die Verleiher wollen selbstverständlich ihr Geschäft in alle größeren Innenstädte tragen. In Gesprächen mit Kommunen wird bereits jetzt großer Druck ausgeübt, dieses Verkehrsmittel so attraktiv wie möglich zu machen. Dazu gehört dann auch die Möglichkeit, in Fußgängerzonen oder größeren Bahnhofsvorplätzen mit dem E-Roller fahren zu können. Der Roller soll ja das Bindeglied zum öffentlichen Nahverkehr werden und die Nutzer mit ihm möglichst schnell zum Bahnhof gelangen können. Andernfalls wäre die Attraktivität dieses Verkehrsmittels dahin.

Sehen Sie im Video: Hype-Scooter im Test - Ist das die Zukunft der Mobilität

manager-magazin.de

Riskieren die Kommunen da nicht anarchische Zustände auf Fußwegen und Plätzen? Schon jetzt kommt es hier mit Radfahrern immer wieder zu Konflikten.

Die Gefahr sehe ich durchaus. De jure gilt die Straßenverkehrsordnung - und jeder hat damit zumindest theoretisch Rücksicht und Vorsicht walten zu lassen. Allerdings fehlt mir der Glaube, dass sich Roller-Fahrer hier besser verhalten als der Rest der Welt. Ich hoffe deshalb, dass Kommunen das aufmerksam beobachten und Freigaben im Zweifel auch wieder zurücknehmen. Auf Polizei und Ordnungsämter kommen hier auch noch große Aufgaben zu.

E-Roller dürfen bis zu 55 Kilogramm schwer, 70 cm breit, 200 cm lang und 140 cm hoch sein. Mit Verlaub, da rollen künftig "Monster" auf Deutschlands Radwegen ...

"Dieses Verkehrsmittel hat seinen Markt, den will man offensichtlich nicht verhindern"

Brockmann: Das Gewicht bezieht sich sicherlich auf Segways, die ja hier auch untergebracht sind. Aber sonst sind Kenner sich einig, dass diese Maxmal- Abmessungen eine Konzession an einige Hersteller sein könnten ...

... zum Beispiel BMW ...

... das haben Sie gesagt. Die meisten E-Roller aber, die jetzt auf den Markt kommen und auch von Verleihern künftig angeboten werden, sind deutlich leichter, deutlich schmaler und lassen sich auch gut tragen. Der Massenmarkt also wird nicht den schweren und teuren, sondern leichteren und günstigeren Rollern gehören. Deswegen teile ich Ihre Sorge um Elektro-Monster auf Radwegen nicht so sehr.

Sicher ist, Roller werden die Räume auf Radwegen, Straßen und vermutlich auch auf Fußwegen enger machen. Rechnen Sie mit mehr Unfällen?

Ja, wir werden höhere Unfallzahlen mit Rollern sehen, das ist klar. Unfälle gibt's aber auch mit Fahrrädern, und niemand würde sie oder involvierte Autos deshalb verbieten. Fakt ist doch: Es gibt ein hohes Interesse in der gesamten Verkehrspolitik, dass diese Dinger kommen. Und sie sind schon unterwegs. E-Roller werden schon jetzt massiv abverkauft, auch ohne gesetzliche Regulierung. Es ist also besser, ich schaffe Regeln, die das Chancen-Risiko-Verhältnis in eine gute Form bringen in der Hoffnung, dass sich auch alle an die Regeln halten - vom Verleiher bis zum Nutzer.

In Städten anderer Länder sind Scooter bereits erlaubt. Gibt es aussagekräftige Unfallstatistiken?

Nein, nichts was sich übertragen oder verallgemeinern ließe. Entscheidend wird sein, wie viele E-Roller wird es geben, wie oft und lange werden sie benutzt. Aussagekräftig kann nur eine kilometerbezogene Risikobetrachtung sein. Und dann werden wir die Frage beantworten müssen, steht das in einem Verhältnis zu dem, was wir akzeptieren können oder nicht.

Hören Sie zum Thema den manager-magazin-Podcast:

Experten taxieren das Potential für E-Scooter in Deutschland auf 24 Millionen Stück. Die Infrastruktur der Städte ist darauf schlicht nicht vorbereitet.

Das ist richtig, aber E-Roller pauschal verbieten und abwarten bis die Radwege in allen Städten ausgebaut sind - diese Alternative sehe ich nicht. Dieses Verkehrsmittel hat seinen Markt, den kann und will man ganz offensichtlich auch nicht verhindern. Städte müssen darauf reagieren und ihre Versprechen auch endlich einlösen. E-Roller könnten dabei die Verkehrswende und den Ausbau der Infrastruktur noch beschleunigen. Wenn Rollerfahrer im Verkehrsmix mit Bussen und Bahnen in den Städten ähnliche Wege- und Reisezeiten haben, wird sich Verkehr mit großer Wahrscheinlichkeit auch verlagern. Denn jeder, der einen Roller nutzt, lässt für diese Zeit ja das Fahrrad oder das Auto stehen.

"Schlechte Qualität würde das Geschäftsmodell schneller beenden als Verleiher gucken können"

24 Millionen E-Roller bedeuten 24 Millionen Kfz-Haftpflichtpolicen plus mögliches Extrageschäft zur Absicherung teurer Roller selbst. Da muss doch Goldgräberstimmung unter Versicherern aufkommen.

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Legale Leihroller: Diese Scooter-Dienste sind in Deutschland am Start

Foto: DPA

Selbstverständlich sind Versicherer an Roller-Kunden interessiert, weil es sich in der Regel um junge Kunden handeln dürfte, die auch noch für andere Geschäftsfelder interessant sind. Goldgräberstimmung kann ich so aber nicht erkennen. Dafür wird schon der Wettbewerb sorgen. Ob sich das dann noch für den einzelnen Anbieter rentiert, bleibt abzuwarten.

Kommen wir zu den Rollern selbst. Das deutsche Prüfinstitut Velotech kritisiert, was bislang an Scootern verkauft werde, sei in punkto technische Verkehrssicherheit großteils "Schrott". Teilen Sie die Einschätzung?

Das kann ich nicht beurteilen, da ich nur wenige Modelle kenne, die aber unter dem genannten Aspekt in Ordnung waren. Nun wurden allerdings schon viele Modelle in den Markt gedrückt, die die Zulassung jetzt wohl nicht bekommen würden ...

... wie kriegt man diese wieder von den Straßen runter?

Gar nicht. Das zeigt ja, wie dringend notwendig die Verordnung war. Viele Roller werden derzeit auch über Supermärkte verkauft. Zwar steht dann im Kleingedruckten, dass er nicht für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen ist, benutzt werden sie selbstverständlich trotzdem. Es nicht verboten sie zu verkaufen, noch sie zu kaufen.

Diverse Scooterverleiher sind am Start, die Konkurrenz ist groß, der Kostendruck wohl auch. Steht zu befürchten, dass Billig-Roller aus Asien und damit weniger sichere Gefährte deutsche Straßen überschwemmen?

Ausschließen lässt sich das natürlich nicht, wobei ich auch ordentlich verarbeitete Modelle aus China gesehen habe. Als Unfallforscher begrüße ich es, dass sich, soweit ich weiß, die Verleiher auf eine Modellart verständigen, die zumindest größere Räder hat als viele Roller, die derzeit noch ohne Zulassung auf den Markt kommen. Ich denke, es werden auch die Verleiher den Scooter-Markt beherrschen und nicht der private Käufer. Insofern ist aus meiner Sicht ganz entscheidend, dass sich die Verleiher auf sichere Modelle einigen. Das liegt auch im existentiellen Interesse der Branche. Nennenswerte Unfallzahlen infolge massenhaft schlechter Qualität auf dem Markt würden das Geschäftsmodell der Verleiher schneller beenden als sie gucken können.

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