Montag, 14. Oktober 2019

Bis zu 24 Millionen Elektroroller in deutschen Städten "Wir werden mehr Unfälle mit E-Rollern sehen"

 "Die Rollerlobby ist stark": Siegfried Brockmann ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und studierter Politologe. 1998 übernahm er die Kommunikation für die Schaden- und Unfallversicherung der Versicherer (GDV). Seit 2006 leitet er dort die Unfallforschung. Ehrenamtlich ist Brockmann Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.
Unfallforschung der Versicherer
"Die Rollerlobby ist stark": Siegfried Brockmann ist gelernter Kraftfahrzeugmechaniker und studierter Politologe. 1998 übernahm er die Kommunikation für die Schaden- und Unfallversicherung der Versicherer (GDV). Seit 2006 leitet er dort die Unfallforschung. Ehrenamtlich ist Brockmann Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats und beratendes Präsidiumsmitglied der Deutschen Verkehrswacht sowie Vorstandsmitglied des Deutschen Verkehrssicherheitsrates.

E-Roller dürfen bis zu 55 Kilo schwer, 70 cm breit und 200 cm lang sein. Rollen da künftig "Monster" auf Deutschlands Radwegen? Steigt die Zahl der Unfälle, zumal Kommunen auch Gehwege für Scooter öffnen dürfen? Welches Extrageschäft erwarten Versicherer von dem Boom? Ein Gespräch Siegfried Brockmann, Unfallforscher der Versicherer.

manager-magazin.de: Herr Brockmann, hatten Sie schon mal einen Elektroroller unter den Füßen?

Brockmann: Ja, aber auf Privatgelände, wo keine Fußgänger oder Radfahrer in die Quere kommen konnten.

Gings ohne Blessuren ab?

Alles glatt gegangen. Der Roller ließ sich sogar relativ leicht steuern. Nach fünf bis zehn Minuten Übung gings schon in den Slalom über, das war kein Problem. Wie gesagt: Das war kein Test unter realistischen Bedingungen, zudem handelte es sich um ein keineswegs billiges Exemplar - aber mit besten Chancen auf eine Zulassung.

Nun hat sich der Versicherungsverband erfolgreich gegen Scooter auf Gehwegen ausgesprochen. D ie Fahrzeuge werden auf Radwege oder Straßen verbannt. Halten Sie das für eine gute Idee, wenn noch nicht mal Helmpflicht besteht?

Ich spreche hier als Unfallforscher. Natürlich ist das nicht optimal, aber irgendwohin müssen die Scooter ja.

Der Einfluss des GDV auf die Politik, für den Sie als Unfallforscher arbeiten, ist nicht zu unterschätzen.

Den entscheidenden Einfluss in diesem Prozess hatten die Bundesländer und nicht wir. Außerdem wurde aus der Verordnung nur die generelle Freigabe von Fußverkehrsflächen für Roller bis 12 Stundenkilometer herausgenommen. Zwölfjährige hätten dem Entwurf zufolge diese Fußgängerflächen dann benutzen müssen, dagegen haben wir uns massiv gewehrt.

Warum eigentlich?

Zum einen besitzen Kinder noch nicht die Reife, vorausschauend zu fahren, zum anderen sind E-Roller Kraftfahrzeuge. Sie gehören schlicht nicht auf den Gehweg. Wir müssen die Schonräume für Fußgänger schützen, Unfallrisiko und Verletzungsgefahr wären auch bei 12 km/h viel zu groß. Und wo will man da künftig die Grenze ziehen? Wir wissen doch gar nicht, welche Entwicklungen und Antriebsarten künftig noch auf uns zukommen. Mit der generellen Freigabe wäre der Rubikon überschritten.

Kommunen können Fußverkehrsflächen für den Rollerverkehr gleichwohl freigeben. Rechnen Sie mit damit?

Ja, das wird passieren. Die Rollerlobby ist stark, und die Verleiher wollen selbstverständlich ihr Geschäft in alle größeren Innenstädte tragen. In Gesprächen mit Kommunen wird bereits jetzt großer Druck ausgeübt, dieses Verkehrsmittel so attraktiv wie möglich zu machen. Dazu gehört dann auch die Möglichkeit, in Fußgängerzonen oder größeren Bahnhofsvorplätzen mit dem E-Roller fahren zu können. Der Roller soll ja das Bindeglied zum öffentlichen Nahverkehr werden und die Nutzer mit ihm möglichst schnell zum Bahnhof gelangen können. Andernfalls wäre die Attraktivität dieses Verkehrsmittels dahin.

Sehen Sie im Video: Hype-Scooter im Test - Ist das die Zukunft der Mobilität

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Bild: manager-magazin.de

Riskieren die Kommunen da nicht anarchische Zustände auf Fußwegen und Plätzen? Schon jetzt kommt es hier mit Radfahrern immer wieder zu Konflikten.

Die Gefahr sehe ich durchaus. De jure gilt die Straßenverkehrsordnung - und jeder hat damit zumindest theoretisch Rücksicht und Vorsicht walten zu lassen. Allerdings fehlt mir der Glaube, dass sich Roller-Fahrer hier besser verhalten als der Rest der Welt. Ich hoffe deshalb, dass Kommunen das aufmerksam beobachten und Freigaben im Zweifel auch wieder zurücknehmen. Auf Polizei und Ordnungsämter kommen hier auch noch große Aufgaben zu.

E-Roller dürfen bis zu 55 Kilogramm schwer, 70 cm breit, 200 cm lang und 140 cm hoch sein. Mit Verlaub, da rollen künftig "Monster" auf Deutschlands Radwegen ...

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