Montag, 17. Juni 2019

Digitalisierung Sind Sie bereit für den Roboter-Kollegen?

Getty Images/TommL

Paketdrohnen, selbstfahrende Autos, Pflegeroboter: In vielen Bereichen schreitet die Digitalisierung so schnell voran, dass sich die Anforderungen im Job von Grund auf ändern. Welche Berufe und Qualifikationen künftig gefragt sind.

Den Schraubenschlüssel in der Hand, ein von oben bis unten mit Öl und Schmutz beschmierter Overall und davor das Auto auf der Hebebühne: So sieht das Klischeebild eines Automechanikers aus. Doch mit der Gegenwart hat das nicht mehr viel zu tun. Heute stehen in den Kfz-Werkstätten der Republik teure Diagnose- und Kalibriergeräte. Und bevor der "Schrauber" überhaupt nur einen Handgriff am Auto macht, muss er zuallererst den Bordcomputer auslesen.

Die Fahrzeuge haben sich zu rollenden Rechnern mit Dutzenden von Sensoren, Kameras und Bildschirmen gewandelt. Und die nächste Revolution zeichnet sich bereits ab: Bei rein elektrisch angetriebenen Autos ist der Motor völlig anders aufgebaut als bei einem Verbrenner. Die Aufgaben eines Kfz-Mechatronikers, wie sie längst heißen, haben sich grundlegend gewandelt: Er muss auch die Software bedienen können, die ihm hilft, den Fehler am Fahrzeug zu finden.

Das Beispiel der Werkstatt ist nur eines von vielen, die zeigen, wie radikal die Digitalisierung das Arbeitsleben verändert. Immer mehr standardisierte Aufgaben können Roboter genauso gut oder sogar besser erledigen. Doch wie viele Menschen sind davon betroffen? Unter dem Strich arbeitete im Jahr 2016 laut IAB jeder vierte Beschäftigte in Deutschland in einem Beruf, bei dem das Risiko hoch ist, dass ein Roboter und Algorithmen einen großen Teil übernehmen können. Die Experten sprechen vom "Substituierbarkeitspotenzial". Doch nicht alle Segmente sind gleich stark betroffen. Fertigungsberufe wie Fließbandarbeiter und Jobs in der Logistik und im Verkehr seien potenziell leichter durch Maschinen ersetzbar. Lehrer oder Ärzte dagegen kaum.

Je höher die Qualifikation, desto geringer das Risiko

Grundsätzlich gilt: je höher die Qualifikation, desto geringer das Risiko. Doch der technologische Fortschritt bleibt selbst bei Berufen mit hohem Spezialwissen wie beispielsweise einem Fachanwalt nicht ohne Folgen. Laut IAB können inzwischen 24 Prozent ihrer Aufgaben von Maschinen übernommen werden, 2013 waren es noch 19 Prozent. Bei geringqualifizierten Helfern ist der Anteil von 46 auf 58 Prozent gestiegen. Und der Trend dürfte sich fortsetzen.

Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schlägt in die gleiche Kerbe. Laut dem OECD Beschäftigungsausblick 2019 ist das Automatisierungsrisiko in Deutschland mit 18,4 Prozent höher als der OECD-Schnitt (14 Prozent), da hierzulande die Industrie einen größeren Teil der Wirtschaft ausmacht.

Grund zur Panik sehen Experten jedoch nicht. Denn etwa doppelt so viele Arbeitsplätze (35,8 Prozent) werden laut OECD nicht ersetzt, sondern wandeln sich grundlegend. Die Anforderungen an die Beschäftigten werden komplexer. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) bringt in der Studie "The Future of Jobs" die Entwicklung so auf den Punkt: Bis zum Jahr 2022 werden weltweit 75 Millionen Jobs wegfallen, zugleich entstehen aber 133 Millionen neue Stellen. Allerdings hat das WEF für die Studie nur multinationale Großkonzerne befragt. Dort werden künftig Software- und Anwendungsentwickler, Datenanalysten, E-Commerce und Social-Media-Manager gefragt sein. Hinzu kommen unter anderem Spezialisten für künstliche Intelligenz, Machine Learning und Blockchains, Big-Data-Experten, Mensch-Maschine-Interaktion-Designer oder Robotik-Ingenieure.

Um die Chancen der Digitalisierung, Globalisierung und höherer Lebenserwartung zu nutzen und die Risiken zu begrenzen, müssten jedoch die politischen und institutionellen Weichenstellungen stimmen, mahnte OECD-Generalsekretär Angel Gurría Ende April in Berlin. "Die Länder müssen dies zur Priorität machen, um Wirtschaft und Gesellschaft inklusiver, gerechter und nachhaltiger zu gestalten", so Gurría.

Zu diesen Weichenstellungen gehört laut OECD beispielsweise der Ausbau von Weiterbildungsangeboten, aber auch die Anpassung der sozialen Sicherungssysteme an die Digitalisierung. Und genau das hat die Bundesregierung mit dem Qualifizierungschancengesetz, das seit Jahresbeginn in Kraft ist, in Angriff genommen. Das sind die vier wichtigsten Neuerungen:

1) Weiterbildungsförderung: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, deren berufliche Tätigkeiten durch Technologien ersetzt werden können, die in sonstiger Weise vom Strukturwandel bedroht sind oder die eine Weiterbildung in einem Engpassberuf anstreben, können eine Weiterbildungsförderung erhalten - unabhängig von Alter, Qualifikation und Unternehmensgröße. Der Staat zahlt Zuschüsse zum Lohn und übernimmt die Kosten für die Weiterbildung - beides gestaffelt nach Unternehmensgröße.

2) Beratung: Die Weiterbildungs- und Qualifizierungsberatung der Agenturen für Arbeit richtet sich nicht nur an Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Personen, sondern an alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das gilt auch für Hartz-IV-Empfänger und Menschen, die beispielsweise nach einer Erziehungspause in ihren Job zurückkehren. Auch Arbeitgeber können sich von der Bundesagentur für Arbeit beraten lassen, um die Kompetenzen und Entwicklungspotenziale ihrer Beschäftigten zu erkennen und darauf aufbauend nachhaltige Weiterbildungsmaßnahmen zu planen und umzusetzen.

3) Arbeitslosenversicherung: Ab 2020 soll es leichter werden, Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zu beziehen. Dann genügt es, mindestens zwölf Monate Versicherungszeiten binnen 30 Monaten nachzuweisen. Aktuell liegt die Frist bei 24 Monaten. Davon sollen vor allem kurzbefristet Beschäftigte profitieren.

4) Finanzielle Entlastung: Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung wurde seit Jahresbeginn von 3,0 auf 2,5 Prozent gesenkt. Dadurch werden die Beitragszahler im laufenden Jahr um rund sechs Milliarden Euro entlastet.

Information

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) ist verantwortlich für Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsrecht und Arbeitsschutz sowie Rente und soziale Sicherung bis hin zur Teilhabe behinderter Menschen und zum Themenfeld „Soziales Europa und Internationales“. Das BMAS schafft die Rahmenbedingungen für eine gerechte Arbeitsmarktpolitik und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf nationaler und internationaler Ebene. Eine Hauptaufgabe dabei ist die nachhaltige Stärkung des Arbeitsmarktes, zum Beispiel mit der Qualifizierungsoffensive. Weitere Infos zur Qualifizierungsoffensive finden Sie hier.

 


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