Bildung via Instagram? Warum Deutschland eine digitale Bildungsoffensive braucht

Von Martin Eisenhut
Tiffany Trump wird geselfiet.

Tiffany Trump wird geselfiet.

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Martin Eisenhut
Foto: A.T. Kearney

Martin Eisenhut ist Partner und Managing Director Central Europe bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Mit über 20 Jahren Beratungserfahrung liegt sein Schwerpunkt auf strategischen und operativen Transformationsprozessen sowie der Restrukturierung.

Wir Deutschen schauen immer ins Silicon Valley und sehen in den dortigen Elite-Universitäten einen der Gründe für den Erfolg von Unternehmen wie Apple , Google  & Co. Das stimmt auch zum Teil, doch findet die eigentliche Bildungsrevolution an ganz anderen Orten statt. 41.924.198 - so viele eingeschriebene Studierende verzeichnet der Deutsche Akademische Austauschdienst für China im Jahr 2017. Zum Vergleich: An deutschen Hochschulen waren gerade einmal "magere" 2,91 Millionen Studierende eingeschrieben. Es sind also nicht oder nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre Universitäten, die die internationale Elite der Zukunft stellen wollen. Angesichts der absoluten Zahlenvergleiche kann das für Deutschland nur bedeuten, dass wir jedes einzelne Kind bestmöglich ausbilden müssen und nicht auf ein Talent verzichten dürfen.

Aber ist die Botschaft in der deutschen Politik angekommen, dass wir auch in der Bildungspolitik im internationalen Wettbewerb stehen? Ich fürchte nicht. Wenn im Bundestagswahlkampf überhaupt einmal über Bildung und Ausbildung diskutiert wird, dann erschöpft sich die Debatte oft in (berechtigten) Protesten wutentbrannter Eltern über marode Schulklos in betagten Schulgebäuden, Debatten über Unterrichtsausfall oder die x-te G8/G9-Strukturreform. Es scheint, als ob die (noch!) gute Konjunktur blendet. Statt einen Teil der üppigen Steuereinnahmen in Schulen, Ausbildungsstätten, Hochschulen und Fortbildungsprogramme zu investieren, feiert sich die Regierung für die Rente mit 63 und andere Wahlgeschenke für die eigenen Wählerschichten.

Dabei braucht Deutschland eine doppelte Bildungsrevolution, denn zu den schon lange bekannten Defiziten in der deutschen Bildungslandschaft, ist eine neue Dimension hinzugekommen: die digitale Transformation. Die Ausgangslage ist dramatisch. Während in anderen Ländern die Digitalisierung mit Tablet und W-Lan längst Einzug in die Klassenzimmer gehalten hat, steckt Deutschland noch in der Schiefer- und Kreidezeit fest. So gab in einer 2014 veröffentlichten Studie der EU-Kommission gerade einmal jede dritte Lehrkraft in Deutschland an, mindestens einmal in der Woche im Unterricht auf einen Laptop als Lehrmittel zu setzen. In Dänemark nutzten da bereits 79 Prozent den Computer, selbst in einem Land wie Chile waren es damals bereits 62 Prozent. Auch 2016 war laut Bertelsmann Stiftung erst die Hälfte aller deutschen Schulen mit Internetanschluss in allen Räumlichkeiten versehen. Viel zu oft noch gab es nur einzelne Räume und Terminals mit Zugang zum Web.

Doch nicht nur die Infrastruktur ist noch analog. Softwaregestützte Einstufungstests, die individuelle Förderkonzepte für jedes Kind von Beginn an ermöglichen, sind genauso Mangelware. Weder sind Lerninhalte digitalisiert gedacht, noch wird in Deutschland genügend in die digitale Fortbildung von Lehrkräften investiert. Wie sollen aber schon Schüler mit Schlüsseltechnologien wie 3D-Druck, Robotics, Augmented oder Virtual Reality vertraut gemacht werden, wenn es weder die Technik, noch das passende Lernkonzept oder die geschulte Lehrkraft gibt, die damit vertraut ist? Wollen wir wirklich, dass kommende Generationen ihre digitale Kompetenz nur durch Pokemon Go, Wargame und Snapchat oder Instagram erwerben?

Dies ist eine grob fahrlässige Haltung für ein Hochlohnland wie Deutschland, in dem sich schon heute die Wirtschaft ernsthaft darum sorgt, dass sie nicht mehr genügend qualifizierte Fachkräfte findet, die digitale Maschinen und Prozesse nicht nur bedienen können. Erfolgreich werden wir nur sein, wenn sie auch die Programmierkenntnisse erlernt haben, um aus einer Idee mittels der richtigen Algorithmen echte Wertschöpfung für Unternehmen zu generieren oder die fachliche Kompetenz besitzen, unter den immer komplexeren IT-Systemen samt Cloud Computing die richtigen für ein Unternehmen auszuwählen, zu implementieren oder gar weiter zu entwickeln.

Egal welche Bundesregierung ab Herbst regieren wird, sie muss eine breit angelegte, digitale Bildungsoffensive starten, die im Gegensatz zu den letzten Plänen der Großen Koalition auch den Namen verdient. Im Mittelpunkt müssen die digitale Infrastruktur von Bildungseinrichtungen genauso stehen wie die Förderung innovativer Lehrkonzepte und die Entwicklung von zeitgemäßen Lehrplänen.

Das Erlernen der Newtonschen Gesetze, das Auswendiglernen des Datums der Schlacht bei Issos oder das Herunterbeten der Unterschiede zwischen gotischen und romanischen Sakralbauten allein wird jedenfalls nicht reichen, um Deutschland auf Erfolgsspur zu halten. Vielmehr geht es darum zu einem Humboldtschen Ideal 2.0 zu kommen, das Menschen individuell fördert, altes und neues Wissen vereint und noch dazu Neugierde weckt zum Forschen und Ausprobieren.

Deutschland belügt sich selbst

Dafür müssen wir aber aufhören uns selbst zu belügen, dass der deutsche Bildungsföderalismus eine tolle Sache sei. Nur weil es ihn schon so lange gibt, ist er nicht automatisch für die Anforderungen des digitalen Zeitalters geeignet.

Wo ist der Vorteil im 21. Jahrhundert, wenn beim Umzug von einem Bundesland in ein anderes Familien mit schulpflichtigen Kindern Angst haben müssen, dass ihr Kind in der neuen Schule mit anderen Lerninhalten und Wissensständen konfrontiert wird? Wenn die Bundesregierung richtigerweise eine Schule in Afghanistan oder Bolivien unmittelbar unterstützen darf, sollte das dann nicht auch für eine Schule in Passau, Chemnitz oder Saarbrücken gelten? Sollten wir nicht unsere Ressourcen einsetzen, um uns mit unseren europäischen Nachbarn auf gemeinsame Lernziele zu einigen statt diese im lähmenden Diskurs zwischen 16 Bundesländern aufzubrauchen?

Daten sind DER Rohstoff des 21. Jahrhunderts und erfolgreich werden jene Volkswirtschaften sein, die die führenden Forscher, Entwickler und Fachkräfte haben, die diesen Schatz entdecken, heben und verarbeiten können. Das ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik, aber manchmal wirkt es, als haben viele Entscheidungsträger noch immer nicht verstanden, worum es geht: Ohne Bildung keine Algorithmen und ohne Algorithmen kein Wohlstand.

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