Freitag, 20. September 2019

Regulierung Deutschland braucht mehr Quoten

Sven Clausen ist stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Olaf Ballnus
Sven Clausen ist stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Politik hat die Maßregelung als Gebot der Stunde entdeckt. Warum also bei der Frauen-Quote stehenbleiben? Es gibt viele Probleme, die sich mit einem Quoten-Kniff lösen ließen.

Wenn Politiker so richtig tatkräftig wirken wollen, kündigen sie an, ein "Problem an der Wurzel zu packen". Um mehr Frauen den Weg in Führungspositionen zu ebnen, hätte das bedeuten können: Mehr Geld und Gehirn in Instrumente zur Vereinbarkeit von Familie (in Deutschland weitgehend Frauensache) und Beruf (in Deutschland weiterhin weitgehend Männersache).

Die Bundesregierung hat mit der Einführung der Frauenquote in Aufsichtsräten die gegenteilige Praxis geadelt: Statt an der Wurzel packt sie das Problem bei den Blütenblättern. Ministerin Manuela Schwesig ist der festen Überzeugung, die Frauenquote in Aufsichtsräten werde einen "Kulturwandel" in Unternehmen und Arbeitswelt einleiten. Das ist eine sehr steile These: Auch nach Einführung der Frauenquote werden Aufsichtsräte in der Regel lediglich viermal im Jahr tagen und bei diesen Treffen keinen Mangel an ihren üblichen Themen haben. Schließlich geht es nicht zuletzt darum, die immer neuen politischen Regulierungsvorgaben brav umzusetzen. Gut möglich auch, dass es die neuen Frauen in den Gremien als unter ihrer Würde empfinden, sich dort lediglich als Frauenbeauftragte zu positionieren.

Aber das Thema wurde monatelang und argumentenreich diskutiert. Der Entscheidung der Bundesregierung wird also Weisheit zugrunde liegen.

Damit diese Weisheit auch anderen Problemfeldern zugute kommt, sollte die Bundesregierung ihre Blütenblatt-Strategie in eine Quoten-Doktrin gießen und sie weitflächig anwenden. Nachfolgend nur ein kleiner Ausschnitt möglicher Handlungsfelder:

Ein großes Problem ist etwa, dass in Deutschland Infrastruktur-Investitionen fehlen. Die Spitzenpolitik in Berlin und Brüssel möchte gern, dass private Investoren hier aktiver werden. Sinnvoll wäre also, den Unternehmen eine Quote vorzugeben, wie viel Geld sie in moderne Kommunikationsnetze, Stromübertragungsnetze, Straßen und auch Brücken zu investieren haben. Das sollte natürlich auch im Aufsichtsrat flankiert werden, etwa indem dort Kommunal-, Landes-, und Bundespolitiker, denen diese Infrastruktur oft besonders am Herzen liegt, mit einer festen Quote repräsentiert sind. Das müsste eigentlich zu einem Kulturwandel in der Wirtschaftswelt führen.

Ein weiteres großes Problem dieser Gesellschaft ist das Themenfeld Bildung und Job-Chancen. Viele Menschen aus so genannten bildungsfernen Schichten schaffen den Aufstieg nicht in eine solide Ausbildung, das wiederum hält sie gefangen im Niedriglohnsektor, der wiederum stark angewachsen ist, und vielen Menschen nur eine schwache soziale Absicherung gibt, etwa für das Rentenalter. Die Unternehmen sorgen sich, gute Fachkräfte zu bekommen. Es gibt zudem die Sorge, dass der Kündigungsschutz zu stark ist und Niedriglöhnern und befristet Beschäftigten die Chance verwehrt, sich als normale Arbeitnehmer in Unternehmen zu bewähren. Länder wie Dänemark gelten hier etwa als Vorbild.

Hier arbeitet die Politik sicherlich schon selbst an einer Regel. So drängt sich etwa eine Quote von langjährigen Niedriglöhnern in den Regierungen sämtlicher Ebenen auf: Kommunen, Länder, Bund. Das müsste eigentlich zu einem Kulturwandel in der Politikwelt führen. Reizvoll wäre natürlich auch, einen Dänen in jeder deutschen Regierung einen Platz zu verschaffen. Da dürften aber unsere nördlichen Nachbarn nicht mitmachen. Sie sind ja nur zu 5,6millionst.

Auch die Medien dürfen natürlich nicht unquotiert bleiben. Die Branche müht sich ja gerade, wie viele Branchen, ein Geschäftsmodell für das digitale Zeitalter zu finden. Viele Medien haben das noch nicht geschafft. Aber es gibt eindeutig ein paar sehr erfolgreiche Digital-Konzerne. Die sitzen zwar leider vornehmlich in den USA, aber wäre es nicht einen Versuch wert, die Verhandlungen zu TTIP um ein Quoten-Chapter zu erweitern? Sinnvoll wäre doch eindeutig, Vorstände von Google, Apple, Amazon und vielleicht noch Facebook mit einer gewissen Quote zu verpflichten, als Aufsichtsräte deutscher Verlage tätig zu werden.

Es gibt so viele Themen und Probleme, aber deutlich zu wenige Quoten. Dieses Übel sollte die Politik schleunigst an der Wurzel packen.

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