Wirtschaftsforscher senken Prognose "Industriekonjunktur fast im freien Fall"

Die Maschinen- und Anlagenbauer warnten vor Tagen vor einbrechenden Aufträgen, jetzt gab es schwache Zahlen für die Industrie insgesamt. Zugleich rufen die führenden Wirtschaftsinstitute das Ende des Aufschwungs aus. Grund zur Panik? Wohl nicht, denn zugleich rechnen die Experten mit mehr Beschäftigung und weniger Arbeitslosen in Zukunft.
Wälzlager aus Stahl: Die Maschinen- und Anlagenbauer warnten schon vor Tagen vor einbrechenden Aufträgen.

Wälzlager aus Stahl: Die Maschinen- und Anlagenbauer warnten schon vor Tagen vor einbrechenden Aufträgen.

Foto: Danny Gohlke/DPA

Brexit, Handelskonflikte und jetzt auch noch eine Auftragsflaute: Die führenden Wirtschaftsinstitute rufen angesichts zahlreicher Risiken das Ende des jahrelangen Konjunkturbooms in Deutschland aus. Für 2019 stampften sie ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes auf 0,8 Prozent ein, nachdem sie im Herbst noch 1,9 Prozent erwartet hatten.

"Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende", sagt der Vize-Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Oliver Holtemöller, zu der am Donnerstag veröffentlichten Gemeinschaftsdiagnose. "Die Gefahr einer ausgeprägten Rezession halten wir jedoch bislang für gering." Für 2020 sagen die Experten unverändert ein Wachstum von 1,8 Prozent voraus, das auch durch mehr Arbeitstage zustande kommen soll. 2018 hatte ein Plus von 1,4 Prozent gegeben.

Aufträge der Industrie brechen so stark ein wie seit zwei Jahren nicht

Schlechte Nachrichten aus der krisengeplagten Industrie erhöhten am Donnerstag die Gefahr, dass das Wachstum in diesem Jahr noch magerer ausfallen könnte. Der exportabhängige Sektor musste im Februar wegen der schwachen Auslandsnachfrage überraschend den stärksten Auftragseinbruch seit mehr als zwei Jahren hinnehmen. Die Bestellungen fielen um 4,2 Prozent zum Vormonat und damit doppelt so stak wie im Januar. "Die Industriekonjunktur ist wohl schon fast im freien Fall", sagte LBBW-Ökonom Oliver Niklasch.

Bereits vor wenigen Tagen hatte der deutsche Maschinenbau seine Prognose für 2019 auf 1 Prozent halbiert, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) mitteilte. Die mittelständisch geprägte Branche, zu der auch börsennotierte Konzerne wie Thyssenkrupp, Siemens oder Gea gehören, beschäftigt mehr als eine Million Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von über 200 Milliarden Euro.

"Deutsche Wirtschaft hat sich abgekühlt, aber sie friert noch nicht"

Kommt es zu einem ungeregelten EU-Austritt Großbritanniens dürfte das Wirtschaftswachstum sowohl 2019 als 2020 "deutlich niedriger" als bislang veranschlagt ausfallen, warnen die Wirtschaftsinstitute mit Blick auf miteinander verbundene Lieferketten. "Da wird Sand ins Getriebe gestreut", betonte Holtemöller. Risiken sehen die Experten zudem im noch ungelösten Handelsstreit der USA mit China und der EU. National bremsten Fachkräftemangel, Lieferengpässe sowie Schwierigkeiten in der Autoindustrie. Der anhaltende Baumboom und ein robuster Konsum sollten Europas größte Volkswirtschaft aber auf Wachstumskurs halten. "Die deutsche Wirtschaft hat sich abgekühlt, aber sie friert noch nicht", sagte Wissenschaftler Stefan Kooths vom IfW-Institut.

Experten kritisieren Rentenpolitik

Damit sie sich nicht warm anziehen muss, raten die Experten der Politik zu Korrekturen. "Auch die deutsche Wirtschaftspolitik schafft Risiken, etwa indem sie die langfristige Stabilität der gesetzlichen Rentenversicherung durch erhebliche Leistungsausweitungen belastet, die aus dem Beitragsaufkommen nicht zu finanzieren sein werden", kritisieren die Institute. "Dies lässt Steuererhöhungen erwarten, die Deutschland als Investitionsstandort weniger attraktiv machen."

Die Politik sollte stärker darauf ausgerichtet werden, die Rahmenbedingungen für Investitionen zu verbessern. Dem pflichtet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bei: Die Abkühlung führe deutlich vor Augen, "dass wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nun dringend weiter verbessern müssen, etwa durch eine zügige Einführung einer zielgenauen steuerlichen Forschungsförderung und weiteren Bürokratieentlastungen".

In ihrem Gutachten plädieren die Wissenschaftler dafür, nicht um der "Schwarzen Null" im Bundeshaushalt willen der Konjunktur hinterherzusparen. "Konjunkturbedingte Defizite lassen die deutsche Schuldenbremse und das europäische fiskalpolitische Regelwerk ausdrücklich zu", so die Wissenschaftler. Für Holtemöller gibt es "aus ökonomischer Sicht keinen Grund", das Konzept einer schwarzen Null zu pflegen. Allerdings sei der Abschwung "nicht so dramatisch, dass Konjunkturpakete notwendig wären".

Experten rechnen gleichwohl mit mehr Beschäftigung

Trotz der trüberen Konjunktur rechnen die Experten mit anhaltend kräftigen Staatsüberschüssen. Im laufenden Jahr soll das Plus bei 41,8 und 2020 bei 35,6 Milliarden Euro liegen. Der Beschäftigungsaufbau dürfte sich fortsetzen, aber an Fahrt verlieren. Die Zahl der Erwerbstätigen soll bis 2020 auf 45,5 Millionen steigen, was 700.000 mehr wären als 2018. Zugleich soll die Zahl der Arbeitslosen auf 2,1 Millionen sinken.

Die Gemeinschaftsdiagnose dient der Bundesregierung als Basis für eigene Prognosen, die wiederum die Grundlage für die Steuerschätzung bilden. Sie hatte ihre Schätzung für dieses Jahr zuletzt auf 1,0 Prozent fast halbiert und geht im kommenden Jahr von 1,6 Prozent aus. Erarbeitet wird das Gutachten vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom Ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH.

mg/rei/rtr
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