Mittwoch, 11. Dezember 2019

Wahlkampf 2013 Die unglaubliche Behaglichkeit des Seins

Wahlkämpferin Angela Merkel: Die Stimmung ist unpolitisch, weil das Gemeinwesen recht reibungslos zu funktionieren scheint

Selten zuvor waren die Deutschen so zufrieden mit sich und der Welt. Das Volk wirkt wie politisch eingeschläfert. Und die Parteien? Wollen die gute Laune nicht verderben. Auf Dauer wird das nicht gutgehen.

Hamburg - Vielleicht überrascht es Sie, aber es ist Wahlkampf. Eigentlich sollte es jetzt hoch her gehen. Eine große Auseinandersetzung über die Zukunft der Nation sollte das Land aufwühlen. Wahlkampfzeiten sind Phasen der Auseinandersetzung, auch der kollektiven Selbstvergewisserung: Wer sind wir? Wer wollen wir sein?

Nicht dieses Jahr. 2013 fällt der große Showdown aus. Noch knapp vier Wochen. Die Wahlkampfmanager der Parteien - von Andrea Nahles (SPD) bis Patrick Döhring (FDP) - mögen auf den letzten Metern der Kampagne noch mal richtig Gas geben, wie wir im aktuellen Heft in einem Report beschreiben. Aber das Volk wirkt wie eingeschläfert.

Ein unglaubliche Behaglichkeit des Seins hat die Deutschen erfasst:

89 Prozent der Bundesbürger sagen, sie seien zufrieden mit ihrem Leben. 77 Prozent halten die wirtschaftliche Lage für gut. 79 Prozent sind von ihrer persönlichen finanziellen Situation angetan.

Und was die Zukunft betrifft, so erwarten sage und schreibe 91 Prozent der Deutschen, dass ihre persönliche Situation binnen zwölf Monaten gleich bleibt oder sich sogar verbessert. Die Zahlen stammen aus der letzten Eurobarometer-Umfrage.

Desaströse Werte für die Opposition

Es sind desaströse Werte - für die Opposition. Wechselstimmung sieht anders aus.

1998 hatten die Leute genug von Dauerkanzler Helmut Kohl, 2002 war Deutschland am Tiefstpunkt der Strukturkrise, 2005 hatten sie Angst vor Angela Merkels Neoliberalismus, 2009 verbreitete die Weltrezession Angst und Schrecken.

2013 ist alles anders: Es herrscht gelangweilte Gelassenheit.

Die Oppositon grollt, Angela Merkel habe das Volk eingelullt. Aber das ist zu einfach. Die Stimmung ist unpolitisch, weil das Gemeinwesen recht reibungslos zu funktionieren scheint.

Also kümmern sich die Deutschen vornehmlich um sich selbst. Innerlichkeit. Biedermeier. Rückzug ins Private in einer unübersichtlichen Welt - wo Bürgerkriege kurz vor Europas Außengrenzen toben (Syrien, Ägypten), wo Teile Europas nach wie vor darniederliegen, wo einzelne Länder sich vom westlichen Konsens entfernen (Ungarn, Bulgarien), wo eben noch hoffnungsvolle Großnationen wie Indien, Brasilien und selbst China in neuem Pessismismus erstarren.

Veggie-Day statt Euro-Rettung

In dieser Welt stellen sich in der Tat fundamentale Fragen nach Deutschlands Zukunft: Wollen wir die unwillige Führungsmacht Europas bleiben, die das Eingreifen, Helfen, Ordnen, wenn möglich, verweigert? Und: Trägt unser Geschäftsmodell noch? Können wir als Exportnation weiterhin prosperieren, wenn gerade unsere größten Auslandsmärkte in eine Schwächephase abgleiten?

Aber all das ist kompliziert und komplex. Anstrengend. Also reden wir lieber über den Veggie-Day. Allenfalls ist noch ein weiteres Griechenland-Programm Thema. Obwohl das eine relative Banalität ist, angesichts der Großreform der Euro-Zone, die nach der Wahl ansteht.

Es herrscht eine Scheinruhe, die schnell vorbei sein kann. Die nächsten Beben kommen bestimmt. Und wir sind nicht vorbereitet.

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