Zu viel CO2-Ausstoß Deutschland kann Klimaziel für 2030 kaum noch erreichen

Um 65 Prozent müsste der CO2-Ausstoß bis 2030 sinken, will Deutschland seine Klimaziele erreichen. Tatsächlich ist der Ausstoß zuletzt gestiegen, und auch 2022/2023 wird Deutschland die Ziele kaum schaffen. Klimaschutzminister Habeck hat ein Problem.
Was nun? Klimaschutzminister Robert Habeck und die Bundesregierung müssten der Bevölkerung noch einiges zumuten, will die Republik ihr selbst gestecktes Klimaziel 2030 erreichen

Was nun? Klimaschutzminister Robert Habeck und die Bundesregierung müssten der Bevölkerung noch einiges zumuten, will die Republik ihr selbst gestecktes Klimaziel 2030 erreichen

Foto: via www.imago-images.de / imago images/Political-Moments

Deutschland riskiert, sein Klimaziel für das Jahr 2030 nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende zu verfehlen. "Einerseits ist 2021 das Jahr, in dem sich Deutschland die ambitioniertesten Klimaziele in der Geschichte der Bundesrepublik gesetzt hat", erklärte Simon Müller, Deutschland-Direktor bei Agora und einer der Studienautoren. "Andererseits wächst die Umsetzungslücke weiter, die die neue Bundesregierung jetzt dringend mit wirksamen Klimaschutzmaßnahmen schließen muss." Das Papier mit dem Titel "Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2021", liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.

Der Ausstoß klimaschädlicher Gase betrug nach vorläufigen Agora-Berechnungen im vergangenen Jahr 772 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2). Das bedeutet einen deutlichen Anstieg von 33 Millionen Tonnen im Vergleich zu 2020, als die deutsche Wirtschaft einerseits aufgrund der Corona-Krise schwächelte und andererseits wegen günstiger Wetterverhältnisse besonders viel Strom aus Windenergie erzeugte. Hinzu kamen besonders kalte Monate zum Jahresbeginn 2021.

Deutschland müsste jährlich 37 Millionen Tonnen CO2 einsparen

Aber auch jenseits solcher Einmaleffekte entferne sich Deutschland vom Pfad der CO2-Einsparungen, die pro Jahr durchschnittlich nötig wären, um das Klimaziel der Bundesregierung für 2030 zu erreichen, bemängeln die Agora-Experten. Bis dahin soll der Ausstoß an Treibhausgasen laut Klimaschutzgesetz um 65 Prozent niedriger sein als im Jahr 1990. Je länger sich der derzeitige Trend fortsetze, desto mehr Anstrengungen seien später nötig. "Durch den Emissionsanstieg 2021 müssen wir ab jetzt jedes Jahr im Schnitt 37 Millionen Tonnen CO2 einsparen, um das 2030er Ziel einzuhalten", sagte Co-Autor Müller.

Ein wichtiger Grund für die gestiegenen CO2-Emissionen sind laut Studie auch die relativen Preise verschiedener Energieträger. Der Anteil erneuerbarer Energien sei noch vergleichsweise niedrig, hinzu kämen dramatisch gestiegene Gaspreise. Die im Gegenzug steigende Attraktivität klimaschädlicher Kohle als Energieträger könne auch der CO2-Preis nicht ausgleichen, bei dem Unternehmen Rechte zum Ausstoß klimaschädlicher Gase kaufen müssen.

Mit hohen Gaspreisen steigt die Kohle-Nachfrage

Dazu passen die Ergebnisse einer am Donnerstag veröffentlichten Kurzanalyse des Energiewissenschaftlichen Instituts der Universität Köln: Die rasant steigenden Gaspreise beförderten demnach die Nachfrage nach Kohle - und waren zugleich der Haupttreiber für steigende Strompreise.

Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch lag laut Agora im vergangenen Jahr bei 42,3 Prozent, 3,3 Prozentpunkte weniger als im Jahr davor. SPD, Grüne und FDP haben sich im Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt, den Anteil auf 80 Prozent im Jahr 2030 zu steigern. Dazu brauche es "einen massiven und schnellen Ausbau von Wind- und Solaranlagen", erklärte Müller. Das aktuelle Tempo reiche dafür nicht.

Zu wenig Windräder und Solaranlagen

Die Analysen von Agora Energiewende beruhen unter anderem auf Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, aber auch eigenen Berechnungen. Die Zahlen sind noch vorläufig. Eigene vorläufige Zahlen zum CO2-Ausstoß für 2021 wird die Bundesregierung noch vorstellen. Endgültigere Daten gibt es erst mit ungefähr zwei Jahren Verzug.

Noch für das laufende Jahr forderte die Denkfabrik von der Politik eine "Ausbauoffensive für Solarenergie", wie Müller sagte. Zudem müssten genug Flächen für die Windkraft gesichert werden und der Aus- und Umbau der Energienetze geplant werden. Bundesklimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) hatte vor Kurzem zusätzliche Anstrengungen beim Klimaschutz angekündigt. "Wir werden unsere Ziele vermutlich auch für 2022 noch verfehlen, sogar für 2023 wird es schwer genug", sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit". Mit Blick auf die Reduktion von klimaschädlichen Treibhausgasen erklärte er: "Wir fangen mit einem drastischen Rückstand an."

rei/DPA
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.