Erzeugerpreise, Aufträge, Autoindustrie Konjunkturelle Lage in Deutschland spitzt sich zu

Keine guten Meldungen für die deutsche Wirtschaft: Die Erzeugerpreise erreichen den sechsten Monat in Folge ein Rekordhoch. Zugleich häuft die Industrie wegen der gestörten Lieferketten ein enormes Auftragspolster an und die hiesige Autobranche muss ihre Wachstumsprognosen deutlich senken.
Mähdrescher bei der Getreideernte: Nahrungsmittel verteuerten sich um 19,2 Prozent

Mähdrescher bei der Getreideernte: Nahrungsmittel verteuerten sich um 19,2 Prozent

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Die deutschen Hersteller haben ihre Preise infolge des Ukraine-Krieges im Mai abermals in Rekordtempo erhöht. Die Erzeugerpreise stiegen um durchschnittlich 33,6 Prozent. "Dies war der höchste Anstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949", teilte das Statistische Bundesamt am Montag mit. "Damit verzeichneten die gewerblichen Erzeugerpreise seit Dezember 2021 jeden Monat neue Rekordanstiege."

Ökonomen waren von einem unveränderten Wert von 33,5 Prozent ausgegangen. Allein von April auf Mai ging es bei den Produzentenpreisen um 1,6 Prozent nach oben. Die Preise gelten als Vorläufer für die Entwicklung der allgemeinen Inflation. In der Statistik werden die Preise ab Fabriktor geführt – noch bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen. Aktuell ist die Inflationsrate in Deutschland mit 7,9 Prozent bereits so hoch wie seit dem Winter 1973/1974 nicht mehr.

Erdgas verteuert sich um 148 Prozent

Hauptverantwortlich für die starke Teuerung ist erneut Energie, die seit Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine am 24. Februar erheblich mehr kostet. Hier lagen die Erzeugerpreise um 87,1 Prozent höher als im Mai 2021. Erdgas verteuerte sich dabei um 148,1 Prozent. Kraftwerke zahlten für Erdgas 241,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, Industrieabnehmer 210,7 Prozent und Wiederverkäufer 168,3 Prozent mehr. Mineralölerzeugnisse kosteten 55,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Leichtes Heizöl war dabei fast doppelt so teuer, während für Kraftstoffe 49,4 Prozent mehr verlangt wurden.

Hohe Preissteigerungen gab es auch bei Vorleistungsgütern, vor allem bei Metallen, Dünge- und Futtermitteln sowie Industriegasen und Verpackungsmitteln aus Holz. Nahrungsmittel verteuerten sich um 19,2 Prozent. Besonders stark stiegen hier die Preise für Butter (+80,2 Prozent), nicht behandelte pflanzliche Öle (+68,4), Rindfleisch (+42,9), Kaffee (+33,6) sowie Milch und Milcherzeugnisse (+24,1).

Die Erzeugerpreise wirken sich auch auf die Verbraucherpreise aus, an denen die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik ausrichtet. Sowohl in Deutschland als auch der Eurozone liegt die Inflation weit über dem mittelfristigen Zielwert der EZB von 2 Prozent. Die EZB will sich nach langem Zögern gegen die Inflation stemmen, sie hinkt anderen Zentralbanken aber deutlich hinterher.

Auftragspolster deutscher Industrie immer dicker

Während die Preise für die Unternehmen immer weiter steigen, sitzt die Industrie auf einem immer höheren Auftragsberg. Der Bestand an Bestellungen stieg von März auf April um 1,0 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Binnen Jahresfrist erhöhte sich das Polster um 18,8 Prozent. "Gestörte Lieferketten infolge des Kriegs in der Ukraine und anhaltender Verwerfungen durch die Corona-Krise wie Schließungen von Häfen in China führen nach wie vor zu Problemen beim Abarbeiten der Aufträge", erklärten die Statistiker. Auch im April war demnach wie in den Monaten zuvor in vielen Branchen das Auftragseingangsvolumen höher als der Umsatz. Grund für diesen Nachfrageüberhang dürfte auch die anhaltend hohe Knappheit an Vorprodukten sein.

Die offenen Inlandsaufträge erhöhten sich im April gegenüber März um 0,6 Prozent und die unerledigten Aufträge aus dem Ausland um 1,2 Prozent. Bei den Herstellern von Vorleistungsgütern fiel der Auftragsbestand um 0,5 Prozent, bei Investitionsgüter-Produzenten stieg er um 1,3 Prozent. Im Bereich der Konsumgüter lag der Auftragsbestand sogar 3,7 Prozent höher als im Vormonat.

Die Reichweite des Auftragspolsters hat einen Rekord erreicht. Sie markierte mit 8,1 Monaten im April den höchsten Stand seit Beginn der Zeitreihe 2015. Bei den Herstellern von Investitionsgütern kletterte die Reichweite sogar auf 11,9 Monate, bei Vorleistungsgütern lag sie bei 4,0 Monaten und bei Konsumgütern bei 3,6 Monaten. Dieser Wert gibt an, wie viele Monate die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch produzieren müssten, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten.

Autoindustrie senkt Wachstumsprognosen deutlich

Die Autohersteller blicken laut dem Verband der Automobilindustrie (VDA) unterdessen in eine unsichere Zukunft. "Die Zeiten für die Wirtschaft und damit auch für die deutsche Automobilindustrie bleiben herausfordernd", erklärte VDA-Präsidentin Hildegard Müller (54). Die Rahmenbedingungen für die Automobilindustrie hätten sich "deutlich eingetrübt". Der VDA senkte deshalb seine Wachstumsprognosen für verschiedene Märkte teils deutlich ab. Zwar prognostizierte der Industrieverband im laufenden Jahr für den deutschen Automobilmarkt noch ein leichtes Wachstum von 3 Prozent im Vorjahresvergleich. Bisher war der VDA allerdings von einem Plus von 5 Prozent ausgegangen.

Zwar seien die Auftragsbücher der deutschen Hersteller gut gefüllt, die Knappheit an Vorprodukten mache sich jedoch weiterhin bemerkbar. Für den europäischen Markt prognostizierte der VDA ein gleichbleibendes Niveau, bisher war der Verband von einem Wachstum um 2 Prozent ausgegangen. Der chinesische Automarkt wird laut VDA im Vorjahresvergleich sogar schrumpfen: Hier prognostizierte der Verband ein Minus von 2 Prozent, bisher war mit einem Zuwachs von 2 Prozent gerechnet worden. In den USA werde der Absatz von leichten Nutzfahrzeugen um 1 Prozent zurückgehen, hier war zuvor mit einem Plus von 2 Prozent gerechnet worden.

Das Marktvolumen des weltweiten Automarkts wird laut VDA im Vorjahresvergleich entsprechend um 1 Prozent absinken. Bisher rechnete der Verband mit einem Plus von 1 Prozent. Das Marktvolumen von 2019, vor Ausbruch der Corona-Pandemie, werde in diesem Jahr somit um 13 Prozent unterschritten, erklärte der VDA weiter. "Der andauernde furchtbare Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, die harten Corona-Lockdowns in China und die Knappheiten bei Halbleitern, weiteren Vorprodukten und Rohstoffen strapazieren die Lieferketten in bisher ungekanntem und nicht vorhersehbarem Maße", erklärte Müller. Auch die Inflation und Zinswende in den USA und in Europa machten die Finanzierung eines Autos für viele Verbraucher immer schwieriger.

Angesichts der erschwerten Rahmenbedingungen für die Autohersteller forderte Müller eine "aktive Rohstoffpolitik" auf europäischer Ebene und mehr Energiepartnerschaften. "Es geht jetzt um die Zukunft des Industriestandorts Europa", warnte sie weiter. Für Deutschland forderte die VDA-Präsidentin eine "ambitionierte Standortpolitik". Dazu gehören laut Müller niedrigere Energiekosten, ein wettbewerbsfähiges Steuer- und Abgabensystem sowie schnellere und vereinfachte Planungs- und Genehmigungsprozesse. Mehr Tempo sei zudem bei der Digitalisierung, dem Ausbau der Infrastruktur und den erneuerbaren Energien nötig.

la,hr/Reuters