Zarter Aufschwung Mittelstand fürchtet Koalitionsverhandlungen

Viele deutsche Mittelständler steuern inzwischen reaktionsschnell und erfolgreich durch den fragilen Miniaufschwung in Europa. Jetzt bereitet ihnen der Ausgang der Berliner Koalitionsverhandlungen größere Sorgen als die Euro-Krise.
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sondierungen für die Regierungsbildung

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sondierungen für die Regierungsbildung

Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpa

Hamburg - Es ist wieder Prognose-Saison bei deutschen Wirtschaftsforschern und Industrieverbänden. Bis zur Bundestagswahl hielt man sich mit Voraussagen zur Entwicklung von Konjunktur, Exporten und Euro-Krise betont zurück. Doch kaum ist der Wahltermin verstrichen, häufen sich düstere Prognosen.

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) hat die Amerikaner als Unglücksbringer ausgemacht und warnt vor einem Neuaufflammen der Euro-Krise mit dramatischen Folgen auch für die deutsche Wirtschaft, sollten die USA ihren Haushaltsstreit nicht in den Griff bekommen. Ökonomen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sehen den Krisenherd näher vor der Haustür und warnen davor, die Euro-Krise ad acta zu legen: Die Verschuldungskrise sei keineswegs überwunden, sondern vielmehr das größte Risiko für die deutsche Wirtschaft.

Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) blickt derweil nach China und befürchtet wegen der dortigen konjunkturellen Abschwächung die größte Exportflaute für die deutsche Wirtschaft seit der Post-Lehman-Rezession 2009.

Die Kassandra-Rufe der Wirtschaftsexperten scheinen deutsche Unternehmer jedoch wenig zu beunruhigen. Das KfW-ifo-Mittelstandsbarometer jedenfalls zeigt, dass die Geschäftserwartungen der Mittelständler stabil bleiben - während Großunternehmen ihre Chancen auf gute Geschäfte sogar so positiv sehen wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr.

"In Sachen Euro-Schuldenkrise hat inzwischen eine Art Gewöhnungs-Effekt eingesetzt. Noch hält sich zudem die Anspannung hinsichtlich der US-Schuldenkrise in Grenzen", sagt Marc Evers, Referatsleiter Mittelstand beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Unternehmen schauen weniger auf Prognosen und mehr auf das, was sie selbst erleben." Und das sei für viele deutsche Mittelständler die Erfahrung: Allen Hiobsbotschaften zum Trotz läuft ihr Geschäft gut, seit der Krisenhöhepunkt der Jahre 2008 und 2009 überwunden ist.

Sorge bereitet Mittelständlern vor allem die Steuerpolitik

"Die Mittelständler sind sehr selbstbewusst, weil sie merken: Wir sind für diese volatilen und unübersichtlichen Zeiten auf den Weltmärkten gut gerüstet", sagt Evers. Die kleineren, beweglicheren Mittelständler hätten sich schnell an veränderte Märkte angepasst und schon bei den ersten Zeichen eines Aufschwungs wieder auf Wachstum umgeschaltet. "Zudem scheint in manchen der europäischen Krisenländer die Talsohle erreicht. Die Krisen auf den für Mittelständler so wichtigen europäischen Exportmärkten verlieren etwas ihren Schrecken."

Dass laut Ifo-Barometer Großkonzerne positiver gestimmt sind als die Mittelständler, habe womöglich einen ganz anderen Grund als Sorgen um die Lage auf wichtigen Exportmärkten. Mittelständler schätzen nämlich offenbar die Lage im eigenen Land als belastender ein. "Kleine Unternehmen sehen die Lage am Standort Deutschland in einige Punkten deutlich negativer als Großkonzerne", sagt Evers.

Sorge bereitet Mittelständlern derzeit vor allem die Steuerpolitik. "Kleinere Unternehmen fordern beim Thema Steuern dringend Korrekturen ein", sagt Evers. Die Steuerbürokratie ist für kleinere Unternehmen eine große Belastung. In Konzernen kümmern sich große, spezialisierte Abteilungen um solche Themen, bei Mittelständlern schlägt sich oft der Chef selbst mit Steuerfragen herum.

Zudem sind Mittelständler in den meisten Fällen Personengesellschaften - gerade in guten Zeiten zahlen die bei gleichem Gewinn deutlich mehr Steuern (fast 50 Prozent) als Kapitalgesellschaften (30 Prozent). Zudem wären viele Familienunternehmen von möglichen Erbschafts- oder Vermögenssteuern besonders stark betroffen, zumal in vielen Betrieben gerade die Nachfolgefrage ansteht. "Viele Unternehmer hoffen nur noch: Es sollen wenigstens keine neuen Belastungen dazukommen", sagt Evers.

Strategiewechsel im Mittelstand - stärkere Internationalisierung

Diesen Eindruck bestätigt auch Rainer Nagel, Partner der Beratungsgesellschaft Atreus. Er vermittelt sogenannte Interims-Manager für schwierige Zeiten und Projekte, also Manager auf Zeit. "Mittelständler fragen bei uns zurzeit besonders häufig nach Experten für Internationalisierungs-Projekte. Sie wollen von den europäischen Märkten unabhängiger werden, planen den Marktaufbau zum Beispiel in Asien oder Brasilien", sagt Nagel.

Dabei gehe es oft auch darum, Produktionsstätten im außereuropäischen Ausland aufzubauen. "Was die Entwicklung auf den Exportmärkten angeht, sind die Unternehmer optimistisch", sagt Nagel. "Sorgen über die deutsche Innenpolitik sind ein viel größeres Thema - denn einer neuen Steuergesetzgebung wie etwa Vermögens- oder Erbschaftsteuern kann man als Mittelständler nicht ausweichen, egal wie flexibel man operativ und finanziell aufgestellt ist."

Vermögenssteuern und höhere Steuern für Leistungsträger werden Geld aus den Betrieben abziehen, so die Angst vieler Unternehmer. "Das hat einen großen Einfluss auf Mittelstands- und vor allem Familienunternehmen. Die agieren langfristig - und da fehlt ihnen derzeit eine sichere Einschätzung, wie es in Deutschland mit der Unternehmensbesteuerung weitergeht", sagt Nagel. "Viele Mittelständler hatten das Gefühl, dass sie im Wahlkampf überhaupt nicht vorkamen und keine Unterstützung erwarten können, obwohl sie vorher als Retter der deutschen Wirtschaft gefeiert wurden."

Viele Firmen denken über Verlagerung ins Ausland nach

Nicht nur das Thema Steuern macht den Unternehmern zu schaffen. Auch die steigenden Energiekosten sind ein Thema in vielen Betrieben. "Viele energieintensive Mittelständler produzieren bisher ausschließlich in der Heimat", sagt DIHK-Experte Evers. "Die Betriebe haben in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, ihre Energieeffizienz zu steigern."

Trotzdem würden nun auch immer mehr Mittelständler darüber nachdenken, wegen hoher Energiekosten Produktion in Deutschland einzuschränken und ins Ausland zu verlagern. "Wenn die Mittelständler jetzt schon über solche Strategiewechsel nachdenken, läuft etwas schief", sagt Evers. "Das zeigt, dass ihr Handlungsspielraum massiv eingeschränkt wird, so dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sehen."

Auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft warnt davor, dass Unsicherheiten in der Innenpolitik das fragile Wirtschaftswachstum abwürgen könnten. Eigentlich zeichne sich nämlich eine Trendwende ab: Für das Jahr 2014 würden deutsche Unternehmen erstmals seit Jahren wieder höhere Investitionen planen. Zwischen dem dritten Quartal 2011 und dem ersten Quartal 2013 seien die Ausrüstungsinvestitionen der deutschen Wirtschaft um 8 Prozent zurückgegangen, weil der Ausgang der Eurokrise viele Unternehmer verunsichert habe.

Inzwischen würden sich Unternehmer allerdings auch wieder größere Wachstumsinvestitionen zutrauen, so dass 2014 das Investitionsvolumen um rund 3,5 Prozent steigen werde, sagen die Forscher voraus. So könne nach einem Mini-Wirtschaftswachstum von rund einem halben Prozent im Jahr 2013 schon im kommenden Jahr ein Plus von 1,5 Prozent für die deutsche Wirtschaft drin sein, prognostizieren die Konjunkturexperten: "Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die künftige Bundesregierung verlässliche Rahmenbedingungen schafft und vor allem die Finger von Steuererhöhungen lässt."

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