Mittwoch, 22. Mai 2019

Zukunft des Zahlens Deutsche vernarrt in Bargeld

Glanz und Glitter: Die abgebildeten Hände gehören übrigens dem bayerischen Finanzminister Markus Söder (CSU)
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Glanz und Glitter: Die abgebildeten Hände gehören übrigens dem bayerischen Finanzminister Markus Söder (CSU)

Nur Bares ist Wahres. Diese Devise scheint den Deutschen mehr zu liegen als anderen Völkern. Forscher der US-Notenbank haben herausgefunden, dass in Deutschland viel mehr in Scheinen und Münzen bezahlt wird als anderswo. Innovationen wie mobiles Bezahlen haben es hier schwer.

Hamburg - Irgendwas ist merkwürdig mit diesen Deutschen. "Why Germans pay cash for almost everything", fragt Matt Phillips vom US-Magazin "Quartz". Derselbe Autor hatte zuvor schon andere soziokulturelle Phänomene mit handfesten wirtschaftlichen Folgen den Deutschen zugeschrieben, den Pessimismus der Unternehmer und die Vorliebe zum Mieten. "Quartz" zeichnet das Bild einer außergewöhnlich konservativen Nation, die daher auch wirtschaftlich keine großen Wagnisse eingeht.

Gerade jetzt, da wohl über die Bezahlsysteme der Zukunft entschieden wird, igeln sich die Deutschen demnach im Althergebrachten ein. Für 82 Prozent ihrer täglichen Ausgaben nutzten sie Scheine und Münzen (in den USA sind es nur 46 Prozent, in anderen Industrienationen nicht viel mehr), dafür trügen sie im Schnitt auch ständig 100 Euro im Portemonnaie mit sich herum - doppelt so viel wie die Amerikaner.

Auf der Suche nach den Ursachen schlägt Phillips einen weiten Bogen, der mit der Hyperinflation von 1923 beginnt. Ganz plausibel erscheint das nicht. Diesen Schock haben nur 0,6 Prozent der Bevölkerung als Kleinkinder noch miterlebt, und die Erfahrung, dass Bargeld plötzlich nur noch zum Spielen taugt, spräche eher dafür, davon Abstand zu nehmen.

Doch dass es die besondere Vorliebe der Deutschen für Bares gibt, steht außer Frage. Die Zahlen stammen aus einer Studie der US-Notenbank Federal Reserve (PDF). Die Forscher, die sich ebenfalls über die "anhaltende Verwendung von Bargeld trotz der Verbreitung elektronischer Alternativen" wundern, stützen sich auf Haushaltsbücher, in denen Verbraucher alle Ausgaben festhalten. Das liefere solidere Daten als die sonst üblichen Umfragen. Regelmäßige Zahlungen wie Miet- oder Stromrechnungen, die eher per Dauerauftrag abgewickelt werden, haben sie außen vor gelassen.

Der Abstand zu den anderen Ländern klafft in dieser Untersuchung besonders weit. Doch auch andere Studien weisen Deutschland als Cash-Königreich auf. Laut der Kreditkartenfirma Mastercard (PDF) beläuft sich der Bargeldanteil auf zwei Drittel der Transaktionen, damit sei Deutschland am "Tipping Point" zur bargeldlosen Gesellschaft (im Gegensatz zu bereits fortgeschrittenen Ländern wie Singapur oder den Niederlanden).

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