Zukunft des Zahlens Deutsche vernarrt in Bargeld

Nur Bares ist Wahres. Diese Devise scheint den Deutschen mehr zu liegen als anderen Völkern. Forscher der US-Notenbank haben herausgefunden, dass in Deutschland viel mehr in Scheinen und Münzen bezahlt wird als anderswo. Innovationen wie mobiles Bezahlen haben es hier schwer.
Glanz und Glitter: Die abgebildeten Hände gehören übrigens dem bayerischen Finanzminister Markus Söder (CSU)

Glanz und Glitter: Die abgebildeten Hände gehören übrigens dem bayerischen Finanzminister Markus Söder (CSU)

Foto: picture alliance / dpa

Hamburg - Irgendwas ist merkwürdig mit diesen Deutschen. "Why Germans pay cash for almost everything ", fragt Matt Phillips vom US-Magazin "Quartz". Derselbe Autor hatte zuvor schon andere soziokulturelle Phänomene mit handfesten wirtschaftlichen Folgen den Deutschen zugeschrieben, den Pessimismus der Unternehmer und die Vorliebe zum Mieten. "Quartz" zeichnet das Bild einer außergewöhnlich konservativen Nation, die daher auch wirtschaftlich keine großen Wagnisse eingeht.

Gerade jetzt, da wohl über die Bezahlsysteme der Zukunft entschieden wird, igeln sich die Deutschen demnach im Althergebrachten ein. Für 82 Prozent ihrer täglichen Ausgaben nutzten sie Scheine und Münzen (in den USA sind es nur 46 Prozent, in anderen Industrienationen nicht viel mehr), dafür trügen sie im Schnitt auch ständig 100 Euro im Portemonnaie mit sich herum - doppelt so viel wie die Amerikaner.

Auf der Suche nach den Ursachen schlägt Phillips einen weiten Bogen, der mit der Hyperinflation von 1923 beginnt. Ganz plausibel erscheint das nicht. Diesen Schock haben nur 0,6 Prozent der Bevölkerung als Kleinkinder noch miterlebt, und die Erfahrung, dass Bargeld plötzlich nur noch zum Spielen taugt, spräche eher dafür, davon Abstand zu nehmen.

Doch dass es die besondere Vorliebe der Deutschen für Bares gibt, steht außer Frage. Die Zahlen stammen aus einer Studie der US-Notenbank Federal Reserve (PDF) . Die Forscher, die sich ebenfalls über die "anhaltende Verwendung von Bargeld trotz der Verbreitung elektronischer Alternativen" wundern, stützen sich auf Haushaltsbücher, in denen Verbraucher alle Ausgaben festhalten. Das liefere solidere Daten als die sonst üblichen Umfragen. Regelmäßige Zahlungen wie Miet- oder Stromrechnungen, die eher per Dauerauftrag abgewickelt werden, haben sie außen vor gelassen.

Der Abstand zu den anderen Ländern klafft in dieser Untersuchung besonders weit. Doch auch andere Studien weisen Deutschland als Cash-Königreich auf. Laut der Kreditkartenfirma Mastercard (PDF)  beläuft sich der Bargeldanteil auf zwei Drittel der Transaktionen, damit sei Deutschland am "Tipping Point" zur bargeldlosen Gesellschaft (im Gegensatz zu bereits fortgeschrittenen Ländern wie Singapur oder den Niederlanden).

Im mobilen Bezahlen ist Deutschland ein Entwicklungsland

Die Bundesbank kam zu dem Ergebnis (PDF)  , dass Bargeld für vier Fünftel der Transaktionen im Land sorge und immerhin noch mehr als die Hälfte des Umsatzes. 28 Prozent der Befragten wollten grundsätzlich bar zahlen, nur 12 Prozent hätten eine Präferenz für andere Zahlungsformen (die anderen entschieden sich mal so, mal so). Die Europäische Zentralbank näherte sich der Frage nach dem Warum (PDF) : Manche Verbraucher legten einen Wert auf das sichtbare Signal, das der Blick in die Geldbörse über die eigenen Ausgaben gebe.

Diese Institutionen richten auch ihre Politik nach den Vorlieben der Deutschen aus. Ökonomisch sprechen klare Argumente gegen Bargeld. Die Kosten für Herstellung, Lagerung, Transport und vor allem Sicherung des Geldschatzes sind weit höher als die für jedes elektronische System, vor allem begünstigt ein Bargeldsystem Kriminalität und Schattenwirtschaft.

Die EZB wollte zumindest die Abschaffung der großen Banknoten wie auch der kleinen Kupfermünzen, deren Herstellung mehr kostet als ihr Nennwert, anregen. Doch sogleich kam Protest aus Deutschland.

Die Bundesbank verhalte sich "in der Frage zu präferierender Zahlungsmittel weiter neutral", kommentierte Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele die eigene Studie - um zugleich festzustellen: "Innovative Bezahlverfahren haben bislang keine Bedeutung", obwohl "dem Bargeld eine düstere Zukunft prophezeit" werde. Das klingt fast nach Trotz.

Das nichtbare Bezahlen findet bisher noch überwiegend per Kredit- oder Debitkarte sowie Online-Überweisungen (in den USA auch noch per Scheck) statt - Innovationen, die schon nicht mehr ganz neu sind. Das Bezahlen per Mobiltelefon dagegen könnte den Zahlungsverkehr noch deutlich vereinfachen und die Kosten weiter senken. Auch in dieser Hinsicht ist Deutschland ein Entwicklungsland.

Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Bain  nutzen nur 13 Prozent der deutschen Befragten die Zahlung per Smartphone oder Tablet. Auch in den meisten anderen Industrieländern sind es nicht viel mehr, China steht mit 49 Prozent an der Spitze. Nicht befragt wurden die Menschen in Ländern wie Kenia oder Ecuador, die mit Mobilgeld große Sprünge machen. Dort sind die Vorteile offensichtlicher, ohne den Aufbau einer Bankinfrastruktur auskommen zu können. In Deutschland überwiegt die Skepsis über Datensicherheit.