Deutsche-Bank-Chef fordert Mehr Firmen sollten pleitegehen

Die Milliardenhilfen des Staates setzten auf Dauer falsche ökonomische Anreize, findet Christian Sewing. Es brauche mehr "kreative Zerstörung". Die Bundesbank warnt derweil vor einer Pleitewelle 2021.
Warner: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sorgt sich um die Volkswirtschaft.

Warner: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing sorgt sich um die Volkswirtschaft.

Foto: Arne Dedert/ dpa

Die Deutsche Bank warnt angesichts der immer neuen Rettungsprogramme vor der wachsenden Macht des Staates in der Wirtschaft. "Es kann nicht nach dem Gieskannenprinzip weitergehen. Das schadet unserer Volkswirtschaft", sagte Konzernchef Christian Sewing (50) am Montag beim CDU-Wirtschaftstag in Berlin. Breit angelegte staatliche Subventionen setzten auf Dauer falsche ökonomische Anreize. Unternehmen müssten sich an die neuen Gegebenheiten anpassen, auch wenn dies mit Schmerzen verbunden sei. "Wir müssen ein gewisses Maß an kreativer Zerstörung zulassen."

Sewing befeuert damit eine Debatte, sie seit Wochen zunehmend hitzig geführt wird. Zum einen fordern die Wirtschaftsverbände fast unisono staatliche Hilfen. Insbesondere in Branchen wie Touristik, Einzelhandel, Luftfahrt oder Gastronomie sind viele Unternehmen auf Überbrückungshilfen angewiesen, um ihr Überleben zu sichern. Andererseits warnen Ökonomen und auch der Kreditversicherer Euler Hermes vor einer "Zombie-Wirtschaft", weil etwa die Regeln für einen Insolvenzschutz verlängert wurden und Firmenpleiten damit aktuell verhindert werden.

Unter der schützenden Oberfläche des Staatsmilliarden gärt es, was vor allem in der Finanzwirtschaft Sorgen schürt. So rechnet die Bundesbank angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Krise mit zunehmenden Kreditausfällen. Mit der länger dauernden Krise werde es zu Solvenzproblemen bei Unternehmen kommen, die sich dann auf das Finanzsystem auswirkten, sagte Bundesbank-Vorständin Sabine Mauderer (50) am Montag auf einer virtuellen Finanzkonferenz. "Steigende Insolvenzen im Unternehmenssektor werden zu Kreditausfällen und zu Wertberichtigungen führen."

Die Insolvenzen in Deutschland könnten Anfang 2021 auf über 6000 pro Quartal steigen. Infolge der aktuellen Einschränkungen dürfte die Unsicherheit gestiegen sein. Dies belaste die Eigenkapitalquoten der Institute, sagte Mauderer. "Um diese zu stabilisieren, könnten die Banken weniger Kredite vergeben. Davon wäre wiederum die Realwirtschaft negativ betroffen." Wie bereits EZB-Vizepräsident Luis de Guindos (60) sprach sie sich daher dafür aus, dass Banken ihre bestehenden Kapitalpuffer nutzen sollten. Die Ausreichung von Darlehen an die Wirtschaft könne so stabilisiert werden.

Sewing sagte, in der aktuellen Situation seien Banken gefragt, die Geschäftsmodelle der Unternehmen kritisch zu hinterfragen. Es müsse geprüft werden, was nach der Pandemie noch funktioniere und was nicht. "Nach der Krise wird manches weniger gefragt sein, manches gar nicht mehr, manches viel mehr." Die aufgelegten Rettungsprogramme seien richtig gewesen, um schnell eine Krise abzufedern. Aber jetzt müsse über langfristige Lösungen gesprochen werden. "Dieses Thema kommt mir noch zu kurz. Das muss öffentlich breiter diskutiert werden." Grundsätzlich sei er der Meinung, dass Unternehmen mit einem stabilen Management und einem guten Geschäftsmodell die Corona-Krise meistern könnten. Solche Firmen würden auch nach wie vor Kredite bekommen. Es sei aber falsch, durch anhaltende staatliche Hilfen althergebrachte Strukturen zu konservieren.

Finanzminister Olaf Scholz (62; SPD) hatte dagegen ebenso wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier (62; CDU) betont, dass der Staat mit Hilfen noch nachlegen könne, wenn dies gefragt sei. Regelungen wie das Kurzarbeitergeld sind ohnehin bis Ende 2021 verlängert worden, damit Firmen nicht zusammenbrechen.

Finanzstaatssekretär Jörg Kukies (52) stellte ebenfalls weitere Hilfen in Aussicht, sollte es Bedarf geben. "Wir sind noch lange nicht über den Berg. Von daher ist natürlich klar, dass wir uns auch überlegen müssen, was wir tun können, um zu unterstützen", sagte der frühere Co-Chef von Goldman Sachs in Deutschland bei einer Bankenkonferenz.

lhy/Reuters
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