Produktion sinkt erneut Der Mangel wird für die Industrie zum Problem

Der Materialmangel drückt die Produktion der deutschen Wirtschaft den zweiten Monat in Folge. Viele Firmen können die vollen Auftragsbücher deshalb nicht abarbeiten. Der Aufschwung könnte im vierten Quartal zum Stillstand kommen, sagen Ökonomen.
Warten auf Container: Viele zur Produktion notwendige Vorprodukte kommen nicht an. Bei elektrischen Ausrüstern oder im Maschinenbau ging deshalb im September die Produktion deutlich zurück.

Warten auf Container: Viele zur Produktion notwendige Vorprodukte kommen nicht an. Bei elektrischen Ausrüstern oder im Maschinenbau ging deshalb im September die Produktion deutlich zurück.

Foto: via www.imago-images.de / imago images/U. J. Alexander

Industrie, Bau und Energieversorger in Deutschland stellten trotz prall gefüllter Auftragsbücher zusammen 1,1 Prozent weniger her als im Vormonat, teilte das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mit. Ökonomen hatten hingegen mit einem Wachstum von 1,0 Prozent gerechnet. Im August hatte es mit 3,5 Prozent den stärksten Rückgang seit der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 gegeben. "Damit schlagen sich die bereits seit längerer Zeit anhaltenden Lieferengpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten auf breiterer Front nieder", erklärte das Ministerium.

Die Produktion liegt aktuell immer noch um 9,5 Prozent niedriger als im Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland. "Bis zur nachhaltigen Auflösung der Knappheiten bleibt der Ausblick für die Industriekonjunktur eingetrübt, wenngleich die Nachfrage auf sehr hohem Niveau verharrt", so das Ministerium.

Eine rasche Besserung erwarten auch Ökonomen nicht. "Eine Trendwende ist noch nicht in Sicht", sagte der Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Nils Jannsen. Die Produktionsstörungen aufgrund von Materialmängeln seien zuletzt zwar zurückgegangen, doch seien immer noch rund 70 Prozent der Betriebe betroffen. Wenn die Engpässe bis zum Jahresende in etwa auf dem derzeitigen Niveau bleiben, dürften in der Industrie wohl mehr als 40 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren gehen, sagte Jannsen.

Experten erwarten Stagnation für das vierte Quartal

Die Baubranche steigerte ihren Ausstoß im September um 1,1 Prozent, während die Energieerzeugung um 1,0 Prozent hochgefahren wurde. Die Industrie allein stellte dagegen 1,5 Prozent weniger her. Während die Autobranche ihre Produktion um 2,1 Prozent steigern konnte, ging der Ausstoß im ähnlich gewichtigen Maschinenbau um 3,3 Prozent zurück. Auch in anderen Bereichen wie elektrischen Ausrüstungen (-3,3 Prozent) oder Datenverarbeitungsgeräten (-4,3) und Metallerzeugnissen (-0,5) kam es zu Rückgängen.

"Die Unternehmen möchten mehr produzieren, können ihre Aufträge wegen fehlender Vorprodukte aber nicht abarbeiten"

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment

"Die Industrieproduktion bleibt im Jammertal", sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Die Betriebe sitzen derzeit zwar auf vollen Auftragsbüchern. Vielfach können die Bestellungen jedoch nicht abgearbeitet werden wegen akuter Engpässe bei Vorprodukten wie Mikrochips. "Es ist wie mit einem Seil, das sich nicht schieben lässt", sagte der Chefvolkswirt von Union Investment, Jörg Zeuner. "Die Unternehmen möchten mehr produzieren, können ihre Aufträge wegen fehlender Vorprodukte aber nicht abarbeiten – als Folge sinkt die Produktion trotz guter Nachfrage."

Wegen der schwächelnden Industrie gehen Experten davon aus, dass die Erholung von Europas größter Volkswirtschaft von der Corona-Krise im laufenden vierten Quartal zum Stillstand kommen wird. Im Sommerquartal hatte es noch zu einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent gereicht. Wegen der Engpässe wird der Aufschwung in diesem Jahr nach Prognose der Bundesregierung eine Nummer kleiner ausfallen als ursprünglich gedacht. Sie senkte ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 2,6 Prozent von zuvor 3,5 Prozent. 2022 soll es zu einem Plus von 4,1 Prozent reichen.

rei/Reuters
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