Die Problemlandkarte der deutschen Hochschulen Dem Uni-Bachelor geht es an den Kragen

Von Christian Scholz
Studenten-Demo in Berlin: Universitätspräsidenten beklatschen die Reform, müssen aber in manchen Studiengängen mehr als 1000 Klagen vor Gericht wegen Nichtzulassung zum Master-Studium bearbeiten.

Studenten-Demo in Berlin: Universitätspräsidenten beklatschen die Reform, müssen aber in manchen Studiengängen mehr als 1000 Klagen vor Gericht wegen Nichtzulassung zum Master-Studium bearbeiten.

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Laut Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags wächst in der Praxis die Unzufriedenheit über die Bachelor-Absolventen. Waren 2011 noch 63 Prozent der Betriebe zufrieden, ist diese Zahl jetzt auf 47 Prozent gesunken. Es fehlt immer mehr an methodischen, sozialen, und persönlichen Kompetenzen. Das vernichtende Urteil: durchgefallen!

Christian Scholz
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Christian Scholz ist Experte für Personalwirtschaft und war bis 2018 Professor an der Universität des Saarlandes . Sein Schwerpunkt ist die Erforschung der Arbeitswelt, 2003 entstand die Trendstudie "Spieler ohne Stammplatzgarantie", 2014 das Nachfolgebuch zur Generation Z . Der Titel seines aktuellen Buches lautet "Mogelpackung Work-Life-Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefährlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen¿.

Auf der anderen Seite steht eine Studie des Stifterverbands: Danach sei der Bachelor ein absolutes Erfolgsmodell. Diese Einstufung wundert allerdings wenig, hat doch gerade der Stifterverband massiv für die Bachelor-Stufe getrommelt. Und DIE ZEIT - ebenfalls von Anfang an klar pro Bachelor eingestellt - fügt jubelnd hinzu, dass ein Bachelor inzwischen genauso viel verdient wie ein Master.

Dieses gespaltene Bild setzt sich fort: Universitätspräsidenten beklatschen die Reform, müssen aber in manchen Studiengängen mehr als 1000 Klagen vor Gericht wegen Nichtzulassung zum Master-Studium bearbeiten. Studierende monieren Verschulung und Leistungsdruck im Bachelor, sehen aber durchaus Vorteile darin, dass ihnen Denken abgenommen wird.

Die Problemlandkarte, die nach Veränderung schreit:

  • Problem 1: Die funktionale Vielfalt der Hochschulformen in Deutschland geht verloren. Universitäten sind nichts Besseres als Fachhochschulen, aber aus gutem Grund etwas Anderes. Widersinnige Vorschläge wie vom Wissenschaftsrat, der in mindestens einem Fall ganz locker die BWL einer Universität in eine lokale Fachhochschule abschieben wollte, verletzen diese Logik. Deutschland hat nichts davon, am Ende weder gute Fachhochschulen noch gute Universitäten zu haben.
  • Problem 2: Die in Bologna angedachte Differenzierung zwischen Bachelor und Master geht verloren. Wenn DIE ZEIT begeistert verkündigt, dass Bachelor-Absolventen so viel verdienen wie Master-Absolventen, dann ist das kein Zeichen für einen Erfolg von Bologna, sondern der ultimative Beleg für ein absolutes Scheitern. Denn warum brauchen wir noch Master-Abschlüsse, wenn der Arbeitsmarkt sie nicht honoriert? Außerdem bleibt die offene Frage, ob - wie auch immer honoriert - überhaupt Bachelors eingestellt werden! Und: Zwei Jahre länger zu studieren, um ein gleiches Gehalt zu bekommen, klingt für die Master-Studenten frustrierend. Und selbst wenn sich die zugrunde liegenden Zahlen der ZEIT als falsch erweisen, ist der Jubel problematisch: Wollen wir wirklich eine "Bachelor-Republik Deutschland"?
  • Problem 3: Die Passung zwischen Angebot und Nachfrage geht verloren. Natürlich haben vor allem die Großunternehmen mit lautstarken "Vordenkern" und "Politikberatern" diese bachelorzentrierte Umsetzung der Bologna-Reform gefordert, obwohl Bologna auch ganz andere Möglichkeiten eröffnet hätte. Gleichzeitig haben sie ihre Versprechen nicht eingelöst: Versprochen waren unter der Schlagzeile "Bachelor Welcome" dezidierte Einstiegsprogramme für Bachelor-Absolventen. Herausgekommen sind undifferenzierte Stellenausschreibungen mit "Abschlusstitel egal", wo dann aber im direkten Vergleich doch der Absolvent mit Master- oder Diplomabschluss gewinnt. Zudem gibt es für bestimmte Bachelor-Abschlüsse (wie "Bachelor in Psychologie") weiterhin keine akzeptierten Berufsbilder, die von der Praxis beziehungsweise den Berufsverbänden akzeptiert werden.
  • Problem 4: Die Demokratie an Hochschulen geht verloren. Derzeit existiert - weitgehend von der Öffentlichkeit übersehen - eine Situation des absoluten präsidialen Feudalismus. Der Universitätspräsident / Rektor entscheidet praktisch im Alleingang über Berufungen, Fakultätsstrukturen, Budgetverteilung sowie Lehre und Forschung. Er darf in einigen Fällen sogar entscheiden, wer zum Dekan ernannt wird und dann in den eigentlich als Kontrollgremium konzipierten Senat einzieht. Komplexe Systeme wie Hochschulen lassen sich nicht über eine feudalistische Zentralsteuerung von oben nach unten steuern. Sie produzieren - verstärkt durch die Bologna-Nachwirkungen - allenfalls bürokratische Wasserköpfe an der Spitze der Hochschule, die ihre Basis nicht mehr verstehen und im Ergebnis nur noch Frustration und Demotivation schaffen.

Demokratisierung statt Top-Down-Nivellierung

Die Lösungen liegen auf der Hand: Sie laufen zum einen hinaus auf eine eindeutige Differenzierung von Hochschularten und Hochschulprogrammen. Fachhochschulen können und sollen unmittelbar arbeitsplatzbefähigenden Bachelor-Programme anbieten, unter Umständen ergänzt um vertiefende Master-Programme. Universitäten als Bildungseinrichtungen können und sollen sich auf breit-berufsqualifizierende Bachelor- plus konsekutive Masterprogramme konzentrieren, die allen Studierenden die Möglichkeit bieten "durchzustudieren" (nach dem Bachelor ohne Barriere direkt in den Master im gleichen Fach an der gleichen Universität). Der Trend geht ohnehin in diese Richtung und könnte durch das Bologna-Diplom mit integriertem Bachelor-Titel noch optimiert werden.

Differenzierung bedeutet auch, dass die aktuell laufende einseitige Mittelverlagerung in MINT-Studiengänge sofort zu stoppen ist. Deutschland braucht nicht nur Ingenieure und Informatiker!

Zum anderen brauchen wir demokratischere Strukturen bei der Hochschulsteuerung. Der Senat ist im Regelfall machtlos, der Hochschulrat durch die Hochschulleitung instrumentalisiert. Und ebenfalls undemokratisch: Ohne Beteiligung der Betroffenen nimmt die Hochschulleitung "externe Anregungen" auf und lässt einige wenige Vertreter von (technischen) Großkonzernen mitbestimmen, in welche Richtung sich eine typische Hochschule in Deutschland zu entwickeln hat.

Durch Steuergelder finanzierte Lobbygruppe für Präsidenten und Rektoren

Ebenfalls geht es nicht, dass die Hochschulleitungen über die Hochschulrektorenkonferenz - eine durch Steuergelder finanzierte Lobbygruppe für Präsidenten und Rektoren - für sich immer neue feudalistische Strukturen schaffen. Feudalherren mit Fehlentscheidungen im isolierten Machtzirkel werden sogar in der FIFA langsam abgeschafft. Warum nicht auch an Universitäten? Denn solche Systeme entsprechen weder dem Zeitgeist noch der internationalen Universitätskultur. Sollen sich Fakultäten, also Studenten, Professoren und Mitarbeiter, wirklich nur noch über Anwälte Gehör verschaffen können?

Auch zur Optimierung der Lehre und um die Blockade innovationsfeindlicher Hochschulleitungen zu durchbrechen, brauchen wir eine Überarbeitung der Universitätsgesetze. Und wir werden sie alleine deshalb schon bekommen, weil die gegenwärtig gültigen teilweise fundamental gegen das Grundgesetz verstoßen. Deshalb gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen und endlich dezentral-demokratische Strukturen in den Hochschulen zuzulassen: Dann entstehen auch wieder mehr Innovation in der Forschung und mehr verbesserte Lehre jenseits von bürokratisch verschulten Bachelor-Programmen.

Wie immer aber sich die Hochschulen auch ändern werden: Dem Bachelor in der aktuellen Fassung wird es zumindest in Universitäten an den Kragen gehen. Und das ist gut so!

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