Dienstag, 25. Februar 2020

Davos 2020 Kann uns der Kapitalismus noch retten?

Die gewärtige Eintrübung der wirtschaftlichen Lage weckt Erinnerungen an die letzte deutsche Dauerkrise: Vor anderthalb Jahrzehnten schien der Abstieg unausweichlich. Können wir aus diesen Erfahrungen etwas lernen?

Beim Weltwirtschaftsforum wird sich diese Woche alles um Klima und Umwelt drehen. Aus einem politisch-moralischen Problem wird ein ökonomisches. Und es sind insbesondere die vielgeschmähten Kapitalmärkte, die nun aufwachen. Wenn das mal gutgeht.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Davos 2020

Klar, der Kapitalismus ist schuld. Seit rund zweieinhalb Jahrhunderten steigt der Wohlstand, wachsen die Weltbevölkerung, der Energieverbrauch und die Menge an klimaschädlichen Emissionen. Ohne Marktwirtschaft und Kapitalakkumulation, ohne die Entfesselung von Produktivität und Gewinnstreben auf immer weiteren Teilen des Globus würde sich die planetare Gashülle vermutlich nicht in jenem Maß erwärmen, wie dies inzwischen der Fall ist.

Allerdings: Der Kapitalismus ist auch die beste Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel.

Dienstag beginnt das diesjährige World Economic Forum (WEF) in Davos. Greta Thunberg, Donald Trump und Angela Merkel werden dabei sein, dazu einige Hundertschaften Topmanager, Wissenschaftler, die internationale Technokratieelite. In den Schweizer Bergen geht es, wie immer, um die Verbesserung der Welt, wenn nicht gar um ihre Rettung. Eine Diskussionsrunde trägt den Titel "How to survive the 21rst century". Eine Frage so groß, dass die Antworten eigentlich nur enttäuschen können.

Zwei Dinge sind inzwischen klar: Weder individuell moralisches Verhalten noch die globale Politik dürften die Menschheit in die Lage versetzen, das Weltklima zu retten. Wir haben es mit einem globalen Dilemma zu tun, das sich auf derartigen Lösungswegen kaum erreichen lässt.

Doch die Natur des Problems wandelt sich. Und das ist eine hoffnungsstiftende Entwicklung.

Kapitale Drohungen

Nicht mehr Moral und Altruismus sind gefordert, sondern Gewinnstreben, Risikovorsorge und Regulierung. Aus einem politisch-moralischen Problem wird ein ökonomisches. Es sind insbesondere die vielgeschmähten Kapitalmärkte, denen dabei eine zentrale Rolle zukommt.

Larry Fink hat dieser Tage einen "Brief an die CEOs" veröffentlicht. Der Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock macht das jedes Jahr, aber diesmal war das Schreiben in einem ausgesprochen ernsten Ton verfasst. "Unternehmen und Länder, die sich weder auf die Bedürfnisse ihrer Stakeholder einstellen noch Nachhaltigkeitsrisiken adressieren", schreibt Fink, "werden mit der Zeit auf wachsende Skepsis der Märkte treffen". Die Folge: "höhere Kapitalkosten".

Darin steckt eine kapitale Drohung: Wer den Klimawandel ignoriert und weitermacht wie bisher, der wird vom Kapitalmarkt mit Zuwendungsentzug bestraft. Solche Unternehmen kommen schwerer an Geld, müssen für die Finanzierung von Investitionen und Übernahmen mehr aufwenden - ein empfindlicher Wettbewerbsnachteil. Wer hingegen sauberer wird - im ökologischen und überhaupt ethischen Sinne -, der könne künftig leichter an Kapital kommen - auch an "solches von bonitätsstärkeren, langfristig orientierten Geldgebern", sagt Fink.

Sein Wort hat Gewicht. BlackRock verwaltet knapp sieben Billionen US-Dollar an Anlegergeldern. Unter anderem ist Finks Firma an fast allen deutschen Dax-Konzernen beteiligt.

Nun fordert BlackRock von den Unternehmen, an denen BlockRock beteiligt ist, "klimabezogene Risiken" offenzulegen. Außerdem sollen sie Szenarien durchrechnen, was es für das jeweilige Unternehmen bedeuten würde, falls sich herausstellt, dass das Pariser Abkommen von 2015 doch noch eingehalten werden sollte: Welche Auswirkungen hätte es auf das jeweilige Geschäftsmodell, falls Maßnahmen greifen sollten, um die weltweite Durchschnittstemperatur wirksam auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen? Welche Art von Risikovorsorge trifft das jeweilige Unternehmen?

Damit wird der Klimawandel unmittelbar renditerelevant. Denn die Erderwärmung und ihre Folgen sind längst Realität. Stoppen lässt sich diese Entwicklung nicht mehr, bestenfalls abmildern. Niederschläge und Wirbelstürme, Hitzewellen und Trockenperioden werden häufiger und heftiger. Extreme Wettereignisse bedrohen Vermögenswerte: Häuser, Fabriken, Verkehrswege, ganze Städte und Volkswirtschaften. Nicht überall auf der Erde, aber in den kommenden drei Jahrzehnten werden immer größere Gebiete betroffen sein, wie das McKinsey Global Institute dieser Tage nochmal in einer Studie vorgerechnet hat.

Parallel dazu wächst der Druck, den Ausstoß klimaschädlicher Gase mit höheren Preisen zu belegen und einzelne Aktivitäten gänzlich zu verbieten. Dadurch verändert sich das Umfeld, in dem Unternehmen und Investoren agieren. Nicht irgendwann, sondern in naher Zukunft. Die Finanzmärkte beginnen damit, künftige Risiken in die Gegenwart zu transformieren.

Gestrandete Strandhäuser

So fürchtet sich die Finanzbranche sich vor "stranded assets", gestrandeten Vermögenswerten. Kohlekraftwerke beispielsweise, die im Laufe ihrer Nutzungsdauer den Betrieb einstellen müssen, weil sie bei steigenden CO2-Preisen gegenüber den immer effizienteren Solar- und Windenergieanlagen schlicht nicht mehr wettbewerbsfähig sind, werden wertlos. Die Besitzer müssen solche Kraftwerke abschreiben. Das reißt Löcher in die Bilanzen. Banken oder Investmentgesellschaften, die diese Anlagen finanziert haben, bleiben auf entwerteten Forderungen sitzen.

Oder: Gebäude in überschwemmungs- und wirbelsturmgefährdeten Gebieten (etwa: die Küsten Floridas) sind bei fortschreitendem Klimawandel von rapidem Wertverfall bedroht. Betroffen wären nicht nur die Besitzer, sondern auch die Gebäudeversicherer und die finanzierenden Banken, die auf wertlosen Hypotheken sitzen blieben. Oder: Energiekonzerne, die viele Milliarden in die Erschließung neuer Ölfelder stecken, könnten damit Vermögenswerte erschaffen, die künftig unwirtschaftlich werden. Welcher Anleger will solche Projekte finanzieren?

Das Ergrünen des Kapitalismus

Der Klimawandel bedroht nicht nur Mensch und Natur, sondern auch die Finanzstabilität: Unternehmen riskieren die Zahlungsunfähigkeit, Banken den Zusammenbruch; die Gefahr systemischer Finanzkrisen steigt. Die Klimaproblematik kommt damit im Herzen des Kapitalismus an. Und das System ist dabei, seine Abwehrkräfte zu mobilisieren.

Investoren - siehe BlackRock - machen Druck. Finanzmarktregulierer, insbesondere die Notenbanken, beginnen damit, die Klimarisiken, die in den Bilanzen von Banken und Versicherungen versteckt sind, unter die Lupe zu nehmen und zu begrenzen; das macht so manches Finanzierungsgeschäft unattraktiv.

Was bislang fehlt, sind einheitliche Standards für die grüne Rechnungslegung. Doch es dürfte nicht lange dauern, bis sich allgemein akzeptierte Regeln für die Umwelt-Buchhaltung durchsetzen. Schließlich haben viele Akteure ein vitales Geschäftsinteresse daran: Topmanager, die Investoren überzeugen wollen; Anleger, die fürchten, Geld durch Klimaschäden oder hohe Energie- und Emissionskosten zu verlieren; die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, denen sich ein neues Geschäftsfeld eröffnet; die Notenbanken und andere Regulierungsbehörden, die den nächsten - oder übernächsten - Crash verhindern wollen.

All dies werden zentrale Themen in Davos 2020 sein, auf Bühnen und in Hinterzimmern. Darin ist der Kapitalismus gut: sich auf neue Bedingungen einzustellen. Wenn Preise und Risikoeinschätzungen sich verändern, reagieren die Kapitalisten. Sie stecken ihr Geld am liebsten dorthin, wo es möglichst sichere Renditen abwirft. Der Klimawandel jedoch schafft fundamentale Unsicherheit. Gift für die Märkte. Sie beginnen sich dagegen zu wehren.

Natürlich, das Ergrünen des Kapitalismus bringt uns längst noch nicht auf die sichere Seite. Aber immerhin: Der Umbau der Wirtschaft könnte schneller gehen als bislang gedacht.

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