Dienstag, 26. Mai 2020

Führungsvergleich Die Schwächen des Kanzleramts

5. Teil: Bundeskanzleramt: "Eine Nummer kleiner hätte es auch getan"

Angela Merkel im Kanzlerbüro: Viel Platz vor dem Schreibtisch
Gerhard Schröder ist eigentlich kein Mann, der Größe fürchtet. Aber vor dem neuen Bundeskanzleramt schreckte der Basta-Kanzler im ersten Augenblick doch zurück. Schon bevor er im Mai 2001 das neue, 140 Quadratmeter große Kanzlerbüro im 7. Stock des Betonbaus in Berlin bezog, tat Schröder kund: "Eine Nummer kleiner hätte es auch getan."

Aber er irrte. Heute ist das Kanzleramt die moderne Zentrale der europäischen Führungsmacht Nummer eins - und wirkt eher zu klein, jedenfalls im internationalen Vergleich. Zwar fällt das Gebäude üppiger aus als das Weiße Haus oder der Elysée-Palast. Seine Ausstattung ist aber vergleichsweise knapp.

Nur 450 Mitarbeiter hat das Kanzleramt, und viele davon sind nur aus ihren Fachministerien ausgeliehen, sie haben also eine doppelte Loyalität - zum aktuellen Kanzler, aber auch zu ihrem Ressort, in dem sie meist nach der Zeit in der Zentrale ihre Karriere fortsetzen möchten. Nicht einmal ihr Gehalt zahlt das Kanzleramt selbst, das erledigen die entsendenden Ministerien.

Kanzleramt in Berlin: Das Gebäude fällt üppiger aus als das Weiße Haus
Das Kanzleramt ist organisiert wie eine Mini-Regierung. Für jedes Ressort und seine oft mehrere tausend Mitarbeiter gibt es in der Regierungszentrale ein oder mehrere Spiegelreferate, die in sechs Abteilungen gegliedert sind. Die Spiegelreferate überwachen die Arbeit der Ministerien, machen die Wünsche des Kanzlers dort bekannt und mischen sich bei politisch heiklen Themen auch mal ein.

Zentral sind die Abteilungen 2 (Außenpolitik), 3 (Soziales und Arbeitsmarkt), 4 (Wirtschaft und Finanzen) und 5 (Europa). Abteilung 6 koordiniert die Geheimdienste, Abteilung 1 die Innen- und Rechtspolitik. Der Chief Operating Officer Deutschlands ist der Kanzleramtschef.

Männer wie Wolfgang Schäuble (unter Helmut Kohl) und Frank-Walter Steinmeier (unter Schröder) galten einst als Idealbesetzungen für den schwierigsten Posten, den es in der deutschen Politik gibt: Sie agierten geräuschlos, effizient und durchsetzungsstark. Angela Merkels Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ist das bisher nicht geglückt. In Berlin rechnen viele damit, dass Merkel Pofalla nach einer Wiederwahl austauschen wird.

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