Montag, 30. März 2020

Was das US-Arbeitsmarkt-Desaster Europa zeigt Das amerikanische Menetekel

Schild an einem geschlossenen Büro des Department of Labor, der US-Version der "Arbeitsagentur"
Angela Weiss / AFP
Schild an einem geschlossenen Büro des Department of Labor, der US-Version der "Arbeitsagentur"

Das historische Ausmaß dieser Wirtschaftskrise wird sichtbar: Amerikas Arbeitsmarkt bricht innerhalb weniger Tage einfach weg.

Es ist der Jobcrash ohne Airbag. Nur wenige Tage nachdem die Corona-Krise auch in den USA amtlich geworden ist, brechen dort weite Teile des Arbeitsmarkts einfach weg. Fast 3,3 Millionen Amerikaner meldeten sich im Laufe der vergangenen Woche neu bei den Behörden, um Arbeitslosenunterstützung zu beantragen.

Diese Zahl sprengt nicht nur alle historischen Rekorde. Sie übertrifft diese Rekorde ansatzlos um den Faktor vier bis fünf:

Entwicklung Erstanträge Arbeitslosengeld in den USA

In Deutschland, wo die neuesten Arbeitslosenzahlen am nächsten Dienstag veröffentlicht werden, ist ein vergleichbares Desaster bis auf Weiteres nicht zu befürchten. Hier greifen noch die vielen sozialstaatlichen Instrumente zur Beschäftigungssicherung.

Ein Menetekel sind die US-Daten aber auch für Europa. Denn sie zeigen in brutaler Klarheit, was es für die Nachfrage nach Arbeitskräften heißt, wenn ganze Branchen und Städte stillgelegt werden. Grobe Schätzungen zeigen, dass die US-Arbeitslosenquote, die zuletzt nur 3,5 Prozent betrug, rasch auf 30 Prozent steigen könnte. Solche Werte gab es zuletzt in der Depression der 1930er Jahre.

Der Job-Schock ist in den USA so abrupt und so massiv, weil das Land in Sachen Kündigungsschutz seit jeher einen Sonderweg geht. Beschäftigungsverhältnisse können vom Arbeitgeber so einfach beendet werden wie nirgends sonst in der entwickelten Welt. Der Indikator, in dem die OECD die nationalen Schutzregeln gegen die Entlassung regulär Beschäftigter zusammenfasst, ist mit 1,2 Punkten markant niedriger als in jedem anderen Industrieland. Dagegen ist der deutsche Wert von 3,0 einer der höchsten weltweit.

Der Beschäftigungsabbau wird in den USA noch deutlich weiter gehen. Die Zahl von 30 Prozent Arbeitslosigkeit im zweiten Quartal, die der US-Notenbanker James Bullard jüngst genannt hat, basiert auf plausiblen Abschätzungen aus seinem Stab.

Die Möglichkeit, im Home Office von zuhause aus zu arbeiten, besteht demnach nur für ein Drittel der US-Beschäftigten. Im Durchschnitt gehören diese Arbeitnehmer auch zu den deutlich besser Verdienenden. 17 Prozent der Beschäftigten üben Tätigkeiten aus, die im Notbetrieb der Wirtschaft unverzichtbar sind. Insgesamt ist das unmittelbare Entlassungsrisiko wegen Corona wohl für etwas mehr als die Hälfte der US-Arbeitnehmer gering.

Deutlich über 40 Prozent der Jobs sind jedoch potenziell stark gefährdet - insbesondere solche im Bereich der Dienstleistungen, die persönlichen Kontakt erfordern. Restaurants, Hotels, Körperpflege, stationärer Handel, Installationen, Reparaturen usw. usf. Geschätzt jeder fünfte Job in den USA erfordert intensive physische Nähe zu Anderen - das sind rund 27 Millionen Arbeitsplätze. Nur gut ein Viertel der Jobs kommt weitgehend ohne physische Kontakte aus.

Mehr als grobe Schätzungen sind das nicht. Sie lassen sich auch nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Der Dienstleistungssektor spielt in den USA eine größere Rolle, dafür ist die Industrie hierzulande wichtiger. Den deutschen Vorzeigebranchen droht allerdings ebenfalls ein massiver Einbruch im wichtigen Exportgeschäft. Die Exporterwartungen, die das Ifo-Institut regelmäßig abfragt, sind im März so steil abgestürzt wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Alle Restzweifel, ob die Horrorprognosen eines Corona-Crashs denn auch wirklich realistisch sind, haben sich nach den jüngsten Zahlen erledigt.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung