Booster-Impfangebot für alle Spahn will Israels Beispiel folgen

Israel macht es vor: Schon 40-Jährige können dort nun ihre dritte Impfdosis gegen Covid-19 bekommen. In Deutschland läuft die Diskussion über Auffrischimpfungen für alle Bürger an.
49 Jahre, dreifach geimpft: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett holt sich am Freitag seine Auffrischimpfung

49 Jahre, dreifach geimpft: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett holt sich am Freitag seine Auffrischimpfung

Foto: RONEN ZVULUN / REUTERS

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) erwägt ein Angebot für eine Corona-Auffrischungsimpfung für alle Bürgerinnen und Bürger. "Eine Booster-Impfung ist von den Zulassungen gedeckt, sie verstärkt und verlängert den Impfschutz", sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) vom Freitag. Spahn sagte, die Länder würden bereits schrittweise mit den sogenannten Booster-Impfungen in den Pflegeeinrichtungen und für besonders gefährdete Menschen beginnen. Außerdem könnten sich diejenigen noch einmal impfen lassen, die bislang nur Vektorimpfstoffe bekommen hätten. "In einem zweiten Schritt können wir dann darüber nachdenken, auch allen anderen eine Auffrischimpfung anzubieten", sagte Spahn weiter. Für die Auffrischungsimpfungen setzt Spahn dem RND-Bericht zufolge vor allem auf die Arztpraxen.

Der Minister rief eindringlich dazu auf, die Impfkampagne zu verstärken. Nötig sei eine Impfquote bei den über 12-Jährigen von deutlich über 70 Prozent. "Der September ist der entscheidende Monat", sagte Spahn den RND-Zeitungen. Wer dann nicht geimpft sei, dem fehle der volle Schutz für die Herbst- und Wintermonate.

Spahn geht zudem davon aus, dass private Veranstalter, Hotels oder Restaurants immer stärker dazu übergehen werden, Ungeimpfte auch mit einem Corona-Test nicht mehr einzulassen. "2G wird in vielen Bereichen ohne staatlichen Eingriff kommen, und zwar, weil Veranstalter und Gastronomen von ihrem Hausrecht Gebrauch machen", sagte er den RND-Zeitungen.

Spahn und Scholz schließen neuen Lockdown aus

Der Gesundheitsminister schloss aus, dass es für Geimpfte oder Genesene noch einmal einen Lockdown geben wird. "Für Geimpfte und Genesene kommt keine solche Einschränkung mehr", versicherte der Minister. Auch SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (63) sprach sich trotz steigender Corona-Zahlen gegen einen erneuten Lockdown aus. "Aus meiner Sicht darf es keinen neuen Lockdown geben. Der wäre angesichts der Impfquote schwer begründbar", sagte er der "Rheinischen Post".

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen steigt derweil weiter: Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Freitag eine Inzidenz von 48,8 im Vergleich zu 44,2 am Vortag. Vor einer Woche hatte der Wert noch bei 30,1 gelegen. Das RKI registrierte den neuen Daten zufolge 9280 Neuinfektionen binnen 24 Stunden und 13 Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-Erkrankung.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) geht davon aus, dass die Zahl der Corona-Infektionen bei vollständig geimpften Menschen steigen wird. "Durchbruchinfektionen ereignen sich bei Personen, deren Corona-Impfung länger als sechs Monate zurückliegt", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Freitag. Bei allen Impfstoffen gegen das Coronavirus steige das Risiko eines Impfdurchbruchs nach sechs Monaten an, führte der Mediziner aus. In der Regel sei die Erkrankung dann aber nicht so gefährlich wie bei Ungeimpften. Lauterbach lobte in diesem Zusammenhang die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für Auffrischungsimpfungen bei besonders alten Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. "Denn es ist schlicht plausibel, dass die Wahrscheinlichkeit einer schweren Erkrankung bei diesen Gruppen im Falle eines Impfdurchbruchs höher ist."

Israel senkt Altersgrenze für Booster auf 40 Jahre

Israel hat am Freitag mit Corona-Auffrischungsimpfungen für seine Bürger ab 40 Jahren begonnen. Ministerpräsident Naftali Bennett (49) ließ sich im Meir-Krankenhaus der Stadt Kfar Saba eine dritte Dosis spritzen, nach eigenen Angaben war er damit der erste Regierungschef weltweit. Bennett rief alle betroffenen Israelis dazu auf, "dieses einzigartige Privileg" zu nutzen und sich ein drittes Mal impfen zu lassen.

Die Infektionen in Israel sind in den letzten Wochen sprunghaft angestiegen, und die Befürchtungen wachsen, dass es zu einem neuerlichen Lockdown kommen wird. Bennett betonte, Auffrischungsimpfungen könnten einen vierten Lockdown verhindern. Israel war weltweit eines der ersten Länder, das Mitte Dezember eine große Impfkampagne gegen Covid-19 startete und rasch die Mehrheit der Bevölkerung impfte. Die zweite Impfdosis liegt daher bei vielen Israelis schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Infolge der Impfkampagne sanken die Corona-Neuinfektionen stark. Durch die Deltavariante stiegen diese jedoch in den vergangenen Wochen wieder an, sowohl bei Ungeimpften als auch bei Menschen, deren Impfungen bereits Monate zurück liegen.

Daraufhin begann das Land zunächst, Menschen mit schwachem Immunsystem Auffrischungsimpfungen anzubieten, dann allen Menschen ab 60 Jahren und seit vergangenem Freitag allen Menschen ab 50 Jahren. Eine Woche später wurde die Altersgrenze nun erneut gesenkt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte wiederholt Länder kritisiert, die ihren Einwohnern eine dritte Impfdosis anbieten, während in weiten Teilen der Welt die Menschen noch auf ihre erste Impfung warteten. Bennett verteidigte am Freitag erneut die Strategie seiner Regierung. Israel leiste mit den Auffrischungsimpfungen "Pionierarbeit", sagte er. Das dabei gewonnene Wissen werde umgehend "mit der ganzen Welt geteilt". Er freue sich, dass andere Länder dem Beispiel folgten, "denn letztendlich ist dies ein globaler Krieg gegen Covid-19, und wir müssen ihn gewinnen", fügte er hinzu.

ak/AFP
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