Risikogruppen und medizinisches Personal zuerst Der Impffahrplan für Deutschland steht

Auf den Intensivstationen in Deutschlands Krankenhäusern spitzt sich die Lage zu: Derzeit werden dort mehr Patienten versorgt als im Frühjahr. Gleichzeitig gehen die Überlegungen weiter, wer mit einem zugelassenen Vakzin zuerst geimpft werden soll.
Der Anstieg bei den Intensivpatienten wird sich wohl erst mal fortsetzen: Beatmeter Covid-19-Patient im Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf

Der Anstieg bei den Intensivpatienten wird sich wohl erst mal fortsetzen: Beatmeter Covid-19-Patient im Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf

Foto: via www.imago-images.de / imago images/Olaf Döring

Passend zur Erfolgsmeldung für den vom deutschen Unternehmen BioNTech und US-Konzern Pfizer entwickelten Corona-Impfstoff hat Deutschland nun Regeln, wie mit solchen Vakzinen umgegangen werden soll. Am Montag legten der Deutsche Ethikrat, die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina und die am Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelte Ständige Impfkommission ihre Empfehlungen für einen Fahrplan zur Impfung gegen das Coronavirus vor.

Demzufolge sollen in Deutschland Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen sowie Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen bevorzugt geimpft werden. Ebenso sollen Menschen in Schlüsselstellungen in der Gesellschaft und für die öffentliche Ordnung die anfangs wohl knappen Dosen zuerst bekommen, also etwa Mitarbeiter von Gesundheitsämtern und Sicherheitsbehörden, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und Erzieher.

Auch Menschen, die etwa in Heimen für Obdachlose oder Asylbewerber sehr beengt untergebracht seien, sollten dazuzählen, wie die Ethikratvorsitzende Alena Buyx (43) erläuterte. Noch seien genaue Feststellungen zur Priorisierung aber nicht getroffen, also nicht alle bevorzugten Gruppen genau identifiziert. Es fehlten noch Daten.

Zuerst mit einem Impfstoff geschützt werden sollten jene, die ein "signifikant erhöhtes Risiko" für schwere oder tödliche Verläufe hätten. "Das heißt nicht alle oberhalb von 60, nicht alle mit ein oder zwei Risikofaktoren", sagte Buyx. "Sehr alte Patienten (...) haben mit Abstand die höchste Risikokonstellation", betonte Buyx aber. Das gelte insbesondere, wenn sie viele Kontakte hätten, etwa in Pflegeheimen. Generell gelte: Nicht Wohltätigkeit gegenüber Einzelnen sei zunächst entscheidend, entscheidend seien eine Basisversorgung stark Betroffener und Dringlichkeit.

Spahn wünscht gesellschaftliche Debatte über die Impfung

Bereits am Sonntag hatte Kanzlerin Angela Merkel (66, CDU) in einem Video gesagt: "Ganz vorn dran sind natürlich Pflegekräfte, Ärzte und auch Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören. Das sind dann allerdings schon recht viele in unserem Land."

Gesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) forderte die Menschen in Deutschland zu einer breiten Debatte über die erwartete Corona-Impfung auf. Spahn sagte am Montag, "dass wir diejenigen schützen sollten, die das höchste Risiko für einen schweren, schwersten oder auch tödlichen Verlauf haben, und dass wir zuerst diejenigen impfen, die sich um diese Risikogruppen kümmern, insbesondere im Gesundheitswesen, in der Pflege, und dass wir sicherstellen, dass das öffentliche Leben aufrechterhalten werden kann".

Er sagte: "Was mir auch persönlich wichtig ist: Dass diese Debatte nicht nur eine parlamentarisch-politische, nicht nur eine wissenschaftliche ist, sondern dass wir diese Diskussion tatsächlich an jeden Mittagstisch, an jede Arbeitsstelle, in jeden Freundes- und Bekanntenkreis tragen und dass darüber diskutiert wird in Deutschland." Am Ende müssten die Behörden vor Ort über eine Impfung entscheiden. Bei Vorerkrankungen könnten zum Beispiel Ärzte entsprechende Berechtigungen ausstellen. Impfzentren seien dabei auch als Lagerort wichtig, denn die Impfstoffe müssten bei bis zu minus 70 Grad aufbewahrt werden. Spahn zufolge beriet das Corona-Kabinett am Montag über die nationale Impfstrategie, jedoch ohne Beschlüsse zu fassen.

Lage auf Intensivstationen schlimmer als im Frühjahr

Wie dringend der Impfstoff benötigt wird, zeigten neue Zahlen aus den Krankenhäusern. Die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen hat in Deutschland demnach den Höchstwert vom Frühjahr übertroffen. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) meldete am Montag, dass 3005 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden. Davon werden 1688 (56 Prozent) invasiv beatmet. Der bisherige Höchststand war laut DIVI am 18. April mit 2933 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen erreicht worden.

Tatsächlich sei die Lage in den Kliniken derzeit sogar schlimmer als im Frühjahr, sagte Uwe Janssens (60), Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), der Deutschen Presse-Agentur. Es gebe wesentlich mehr infizierte Patienten auf den anderen Stationen - von denen ein Teil noch auf den Intensivstationen landen werde. Die gesamte Infektionslage sei nicht mit der im April vergleichbar.

Anders als bei der Spitze am 18. April werde diesmal kein Abflauen folgen, der Anstieg werde sich vielmehr vorerst fortsetzen, sagte Janssens. Der Grund sei, dass sich die jeweilige Zahl an Neuinfektionen erst verzögert in schweren Verläufen und schließlich in der Belegung der Intensivstationen niederschlägt. "In vier Wochen werden wir die Folgen der Spitzenwerte jetzt sehen." Einige Zentren seien bereits am Anschlag, es müssten vereinzelt Covid-19-Patienten in andere Kliniken gebracht werden. Hinzu kommt, dass der Anteil älterer Infizierter nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) seit Ende September wieder steigt. Sie haben ein höheres Risiko, schwer zu erkranken - und damit auch dafür, zu Patienten auf der Intensivstation zu werden.

Laut aktuellem DIVI-Tagesreport haben die Kliniken in Deutschland knapp 8400 freie Intensivbetten gemeldet (Stand 9.11., 12.15 Uhr), bei denen sowohl ausreichend Technik als auch Personal zur Verfügung steht. Allerdings warnte DIVI-Präsident Janssens vor einigen Tagen, dass mitunter auch Betten als frei gemeldet würden, für die gar kein Pflegepersonal verfügbar sei. Die Kliniken geben laut DIVI zudem an, im Notfall innerhalb von sieben Tagen gut 12.000 weitere Intensivbetten in Betrieb nehmen zu können.

BioNTech: "Impfstoff bietet mehr als 90-prozentigen Schutz"

Das Mainzer Unternehmen BioNTech  und der Pharmakonzern Pfizer  teilten am Montag mit, ihr Impfstoff biete einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor der Krankheit Covid-19. Schwere Nebenwirkungen seien in der klinischen Phase-3-Studie mit mehr als 40.000 Probanden nicht registriert worden. BioNTech und Pfizer wollten voraussichtlich ab der kommenden Woche die Zulassung bei der US-Arzneimittelbehörde FDA beantragen.

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Der Vorsitzende der Impfkommission, Thomas Mertens (70), sagte, es mache angesichts des anfangs nur begrenzt verfügbaren Impfstoffs keinen Sinn, die zuerst berücksichtigten Gruppen so groß zu fassen, dass 40 Millionen Menschen berücksichtigt würden. Bis spätestens Ende des Jahres sollten die Empfehlungen konkreter sein. "Die Priorisierung muss von den Verantwortungsträgern der Politik festgesetzt werden auf Basis der Empfehlungen." Buyx sprach sich für eine gesetzliche Grundlage aus, man sei in einer außergewöhnlichen Lage. Die letzte Priorisierung müssten diejenigen vor Ort treffen, "die die Spritze führen", sagte Mertens.

Geimpft werden soll in Zentren sowie durch mobile Impftrupps, wie Mertens ankündigt. Bewohner von Altenheimen sollten nicht in Omnibussen zu einem Impfzentrum gebracht werden müssen. Leopoldina-Präsident Gerald Haug (52) erwartet nach eigenen Worten, dass Impfstoffe nach einem "kurzfristigen Engpass" im Sommer 2021 breit zur Verfügung stehen. Er betonte, auf dem Weg zum Impfstoff würden alle "Regeln der Kunst" eingehalten.

Experten raten von Impfpflicht ab

Mertens kündigte an, es solle dokumentiert werden, wer wann womit geimpft wurde, um etwaige Nebenwirkungen zu bemerken und den Impfeffekt zu messen. Die Daten könnten zur Gewährleistung des Datenschutzes pseudonymisiert werden. Wie das Nachrichtenportal "ThePioneer" (Montag) berichtet, plant die Bundesregierung eine zentrale Dokumentation mit einem webbasierten Datenportal.

Optimismus herrscht bei den Wissenschaftlern hinsichtlich des Startzeitpunkts der Impfkampagne. Buyx meinte, sehr bald werde ein Impfstoff zur Verfügung stehen. Leopoldina-Präsident Haug zeigte sich zuversichtlich, dass bis zum nächsten Sommer wesentliche Schritte zur Bewältigung der Pandemie möglich seien, "wenn sich nun alle am Riemen reißen". Er machte aber auch deutlich: Wenn Impfstoffe verfügbar werden, heiße das nicht, dass Maßnahmen wie die Kontaktbeschränkungen überflüssig werden. Zunächst würden niedrige Impfquoten erreicht.

Buyx betonte, auch Menschen ohne Versicherungsschutz hätten Anspruch auf Impfung. Zwischen privat und gesetzlich Versicherten solle nicht unterschieden werden. In ihrem Papier schreiben die Organisationen: "Weiterhin ist es entscheidend, dass Politik und wissenschaftliche Gemeinschaft Impfängsten adäquat begegnen." Buyx unterstrich: "Impfungen setzen eine aufgeklärte, freiwillige Zustimmung voraus. Deswegen ist eine allgemeine Impfpflicht auszuschließen." Laut dem Papier liegt die Bereitschaft, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, laut Umfragen derzeit bei unter 60 Prozent.

mg/dpa-afx