Henrik Müller

Corona-Konjunktur Ein Beben kommt selten allein

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Die jüngere Geschichte zeigt, dass Krisen meist gehäuft auftreten. Auch nach der Covid-Pandemie drohen einige üble Überraschungen.
Plötzlich zu viel Nachfrage: Inspekteure am chinesischen Containerhafen Qingdao

Plötzlich zu viel Nachfrage: Inspekteure am chinesischen Containerhafen Qingdao

Foto: STR / AFP

Krisen kommen selten allein. Auf ein schockierendes Ereignis folgen weitere Verwerfungen – wie bei einem Erdbeben, auf das wenig später Nachbeben folgen. So entstehen Ketten von Krisen: Entwicklungen, die irgendwie miteinander in Verbindung stehen, aber wie und wann genau sie eintreten, lässt sich vorab nicht sagen.

Unsicherheit ist unangenehm. Und radikale Unsicherheit ist extrem unangenehm. Wir erleben es derzeit.

Zum Autor

ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazins. Müller ist Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für manager magazin gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse und schreibt die Kolumne "Magisches Viereck".

Die Kurven, die gängige Indikatoren für wirtschaftliche Unsicherheit  zeichnen, sehen aus, als stammten sie aus einem Seismographen. Längere Phasen der Ruhe werden abgelöst von plötzlichen, heftigen Ausschlägen: Vorbeben, Hauptbeben, Nachbeben – die Welt erzittert, und es dauert einige Zeit, bis sie sich wieder halbwegs beruhigt hat.

Kein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte hat so starke Ausschläge verursacht wie die Corona-Krise. Was folgt als Nächstes? Worauf müssen wir uns gefasst machen?

Möglich, dass die Pandemie weiterer Krisen nach sich zieht: Inflation, Schuldenkrisen, internationale Konflikte. Viele Szenarien sind plausibel, nicht alle dürften Realität werden; dazu etwas weiter unten mehr.

Für die nächste Zukunft lässt sich so viel sagen: Der Aufschwung wird sich verzögern. Unternehmen in Deutschland sind im Herbst wieder pessimistischer geworden, aufgeschreckt von erneuten Lockdowns, wie die Eintrübung der Geschäftserwartungen seit Oktober zeigt (achten Sie am Montag auf den aktuellen Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts ). Wegen schleppend verlaufender Covid-Impfungen und des Auftretens hochinfektiöser Mutationen ist damit zu rechnen, dass sich die Verunsicherung noch etwas hinzieht.

Eine Pandemie des Geldes

Ein Blick in die jüngste Wirtschaftsgeschichte zeigt mehrere Wellen von Krisen. Ab 1997 wurden zuerst die aufstrebenden asiatischen Länder von Finanz- und Währungscrashs ereilt; 1998 war Russland an der Reihe, 1999 Brasilien, 2001 Argentinien. Jahrelang wurden Schwellenländer rund um den Globus gehörig durchgerüttelt. Von Ansteckung war damals häufig die Rede – eine Art Finanzpandemie. 

Nach einer Phase relativer Ruhe, in der der Westen mit den Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 beschäftigt war, kamen die nächsten wirtschaftlichen Schocks. Die Welle begann in den USA, zunächst sachte und für europäische Normalbürger kaum vernehmbar. Das Vorbeben setzte im Spätsommer 2007 ein, als nach und nach die Geldmärkte in westlichen Ländern einfroren.

Das Hauptbeben folgte im September 2008. Eine der größten US-Investmentbanken, Lehman Brothers, stürzte in sich zusammen und riss die halbe Finanzwelt mit. Es war der Ausgangspunkt der Großen Rezession, des bis dahin schlimmsten Wirtschaftseinbruchs der Nachkriegszeit. Einige Schockwellen erreichten damals schon die Märkte für europäische Staatsanleihen. Doch die Lage wieder schien stabil genug, in Europa und anderswo – was sich als Irrtum erwiesen sollte.

"Radikale Unsicherheit"

Während die Weltwirtschaft sich rasch erholte, wurde ab Anfang 2010 Europa hart getroffen. Wie Dominosteine kippte ein Euro-Staat nach dem anderen: Griechenland, Irland, Portugal … Auch große Länder wie Spanien und Italien wackelten. Über mehrere Jahre hielt die Euro-Krise die Welt in Atem. Mehrere Staaten gerieten an den Rand des Bankrotts. Immer wieder stand die Euro-Zone kurz vor dem Auseinanderbrechen.

Die Finanzmärkte stabilisierten sich schließlich, sediert von dem Geld, das die Notenbanken in beispielloser Menge lockermachten. Doch Unsicherheitsschocks kommen stets aus unerwarteten Richtungen. Und da wir in einer Ära der "radikalen Unsicherheit" leben, wie die britischen Ökonomen John Kay und Mervyn King in ihrem gleichnamigen Buch postulieren, sind wir nie sicher vor Überraschungen. Die wenigsten Menschen sind auf das nächste seismische Ereignis vorbereitet.

Nach einigen Jahren relativer Ruhe kam die Unsicherheit denn auch mit Macht zurück. Allerdings hatte sich das Epizentrum verlagert – von den Finanzmärkten hin zur Politik.

Der Mehltau auf den Seelen

Die neue Spielart des Nationalpopulismus, die sich in vielen westlichen Ländern über Jahre etabliert hatte, entlud sich 2016 in zwei Abstimmungen, die fortan permanente Unruhequellen bleiben sollten: das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Beide Ereignisse hatte kaum jemand auf dem Schirm – zu abwegig, zu verrückt –, umso mehr erschütterten sie fortan die Rahmenbedingungen, unter denen Bürger, Unternehmen und Staaten agieren.

Der Ausstieg des zweitgrößten EU-Staats aus dem europäischen Binnenmarkt und die lautstarke Aufgabe der USA ihrer globalen Führungsrolle kündeten vom Ende der westlich geprägten internationalen Ordnung. Zwei Großereignisse von enormer Symbolkraft – immerhin waren die Schauplätze die beiden ältesten westlichen Demokratien, seit Jahrhunderten Vorbild, Inspiration oder zumindest gedanklicher Fixpunkt für den Rest der Welt.

Von den USA angezettelte handelspolitische Scharmützel setzten gerade der exportlastigen deutschen Wirtschaft zu. Eine gerade erschienene Analyse  unseres Dortmunder Forschungszentrums DoCMA zeigt, dass die wacklige geopolitische Konstellation der Unsicherheitsfaktor ist, der die deutsche Wirtschaft in den vergangenen Jahren am stärksten belastet hat. 

Politische Unsicherheit legt sich wie Mehltau auf die Seelen. In den Umfragen des Ifo-Instituts beurteilten die Manager die aktuelle Geschäftslage zunächst noch als hervorragend, aber die Erwartungen trübten sich ab 2017 merklich ein, gerade in der deutschen Industrie. Gift für die Investitionsneigung der Unternehmen. Lange, bevor der Covid-Schock, der größte je gemessene Ausbruch von wirtschaftlicher Unsicherheit, die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg auslöste, waren die Folgen der handelspolitischen Verwerfungen bereits in der Realwirtschaft angekommen.

Und jetzt?

Ein Beben kommt selten allein

Bislang hat Covid-19 messbar zwei Schocks ausgelöst. Sie stehen in Zusammenhang mit den Lockdowns im Zuge der Pandemie-Wellen vom Frühjahr und vom Herbst. Aber die Zahlen zeigen auch eine gewisse Gewöhnung: Der erste Ausbruch der Pandemie war das Hauptbeben – jene ersten Wochen, in denen unklar war, wie das Virus wirken, wie sich Regierungen, Notenbanken, Unternehmen und jeder einzelne von uns unter Lockdown-Bedingungen verhalten würde. 

Je länger diese Phase dauerte, desto mehr wurde klar, dass die Welt doch nicht zusammenbrechen würde, sondern sich privates Engagement, bürgerliche Rücksicht und staatliche Institutionen an die neue Bedrohung anzupassen verstanden. Bereits ab Mai 2020 bereitete sich in der deutschen Industrie erstaunlicher Optimismus aus. Der zweite Schock, den die Pandemiewelle seit Herbst auslöste, fiel deshalb kleiner aus.

Aber, wie gesagt: Ein Beben kommt selten allein, häufig auch nicht nur zu zweien – und meist aus überraschenden Richtungen. Hier ist ein Krisenszenario.

Der drohende Inflationsschock

Die Kette von Krisen der vergangenen anderthalb Jahrzehnte hat Risse und Bruchstellen hinterlassen, die im Zuge des Fortgangs der Covid-Krise aufbrechen können. Insbesondere diese: Die Zinsen sind historisch niedrig, die Verschuldung historisch hoch, und die weltweiten Gütermärkte sind zunehmend fragmentiert. Diese Konstellation wird uns um Aufschwung nach der Impfkampagne zu schaffen machen.

Wenn es die Bürger nach den entbehrungsreichen Lockdowns mal wieder richtig krachen lassen und ihre Ersparnisbildung zurückfahren, wird dieser Nachfrageimpuls auf ein eingeschränktes Angebot stoßen. Vorboten sind derzeit schon sichtbar: Während in China die private Nachfrage überraschend stark anzieht, fahren Autohersteller rund um den Globus die Produktion herunter, weil die Chipproduktion nicht nachkommt. Auch in der Logistik werden die Kapazitäten knapp, wie sich in einem raschen Anstieg der Schiffsfrachtpreise  niederschlägt. Solche Lieferengpässe dürften zunehmen in einer Weltwirtschaft, deren Produktionsmöglichkeiten zunehmend von Zöllen, Sanktionen und Embargos behindert werden.

All das spricht für einen hitzigen Aufschwung – mit deutlich anziehenden Inflationsraten. Zusätzlich angeschoben wird dieses Szenario von den enormen Ausgabepaketen der Staaten: Die Biden-Regierung hat ein 1,9-Billionen-Dollar-Paket auf den Weg gebracht und will in Bälde noch mal nachlegen. Die EU fährt ab Sommer ein 750-Milliarden-Euro-Sonderprogramm, auch wenn sich der Mittelabfluss hinziehen dürfte.

Im Zweifel gegen den Systemzusammenbruch

Bleiben die Notenbanken, deren eigentlicher Job ja darin besteht, die Inflation im Zaum zu halten. Seit der Finanzkrise haben sie die Welt mit Liquidität geflutet, ohne dass die Konsumentenpreise gestiegen wären. Doch angesichts der Strukturveränderungen der Weltwirtschaft dürfte diese Phase zu Ende gehen. EZB, Fed und Co. sitzen auf den Bruchstellen, die frühere Krisen hinterlassen haben. Angesichts der hohen Verschuldung von Staaten und Unternehmen würden sie eine Serie von Pleiten riskieren, sollten sie die Zinsen nach oben schleusen, um einen Inflationsschub zu bremsen. 

Im Zweifel werden sie sich gegen den Systemzusammenbruch entscheiden – und für die Inflation. Die Fed hat ihre Strategie schon dahin gehend ausgerichtet. Die EZB wird kaum eine Pleite von Italien oder Spanien riskieren – zumal der immer noch grassierende Nationalpopulismus politische Umbrüche hin zum Autoritarismus gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten befürchten lässt. Inflation wäre angesichts dieser Aussichten das geringere Übel, jedenfalls solange die Preissteigerung im einstelligen Bereich bliebe. Aber auch das wäre eine enorme Trendwende, auf die wohl die Wenigsten vorbereitet sind. 

Klar, Inflation ist ein alter Hut. Klingt echt nach 1990ern. Seit Langem sagen gerade deutsche Politiker, Ökonomen und Journalisten – ich bekenne, dass ich in dieser Hinsicht keine Ausnahme bin  – ein deutliches Anziehen der Preissteigerungsraten voraus. Ohne, dass es so weit gekommen wäre. Aber die Abwesenheit von Inflation in der Vergangenheit sagt wenig über die Zukunft aus – zumal in einer Zeit der Umbrüche wie derzeit. 

Die 2020er Jahre können immer noch ein goldenes Jahrzehnt werden – aber eben auch eines rasch steigender Preise.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

München – Rauf und runter – Veröffentlichung des Ifo-Geschäftsklimaindex. Der wohl wichtigste Frühindikator für die deutsche Konjunktur war im Frühjahr dramatisch eingebrochen, hatte sich danach aber zunächst überraschend rasch erholt.

Davos – Auf dem Gipfel, zumindest virtuell – Beginn der Treffen des Weltwirtschaftsforums, dieses Mal online.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von Philips

Dienstag

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von LVMH, UBS, Novartis, Microsoft, GE, Lockheed Martin, Texas Instruments, Johnson & Johnson, Starbucks, American Express, Verizon, AMD.

Mittwoch

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von Software AG, Sartorius, KPN, Apple, Facebook, Tesla, Boeing, Corning, Whirlpool, AT&T.

Donnerstag

Washington – American Carnage – Neue Zahlen zu den Neuanträgen auf Arbeitslosenunterstützung in den USA.

Berlin – Herr Braun und die Bayern – Sitzung des Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags. Schwerpunkt ist dieses Mal die Rolle der bayerischen Landesregierung. 

Berichtssaison IV – Geschäftszahlen von Anglo American, Samsung, Southwest Airlines, Mondelez, Dow, Mastercard, Visa, McDonald's, Northrop Grumman, American Airlines,


Freitag

Wiesbaden – Zwischenbilanz ­– Das Statistische Bundesamt legt erste Zahlen zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts im vierten Quartal 2020 vor.

Nürnberg – Immer noch viel Kurzarbeit – Neue Zahlen vom Arbeitsmarkt von der Bundesagentur für Arbeit.

Paris – Höchste Eisenbahn – Der französische Bahnproduzent Alstom schließt die Übernahme der Zugsparte von Bombardier ab.

Berichtssaison V – Geschäftszahlen vonSAP, BBVA, Eli Lilly, Colgate-Palmolive, Caterpillar, Chevron, Ericsson.