Hospitalisierung als Leitindikator Die Corona-Inzidenz hat ausgedient

Das Bundeskabinett hat die von Gesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagenen neuen Corona-Leitlinien beschlossen. Statt des Frühindikators Inzidenz soll künftig vor allem auf die Zahl der Krankenhauspatienten geachtet werden.
Belastung im Fokus: Corona-Intensivstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle (Saale), Aufnahme vom 12. Mai

Belastung im Fokus: Corona-Intensivstation im Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle (Saale), Aufnahme vom 12. Mai

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Das Bundeskabinett hat am Dienstag beschlossen, dass die so genannte Hospitalisierungsrate künftig das entscheidende Kriterium für Maßnahmen in der Corona-Pandemie sein soll. Die Entscheidung sei im Umlaufverfahren erfolgt, hieß es dazu aus Regierungskreisen. Allerdings dürfte die Vorlage im parlamentarischen Verfahren noch verändert werden.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) hatte die Neuregelung vergangene Woche angekündigt. "Je weniger Menschen wegen Covid im Krankenhaus behandelt werden müssen, desto mehr Freiheit ist möglich", sagte er nun dazu der Funke Mediengruppe. "An diesem Leitsatz sollen die Länder künftig ihre Pandemiepolitik ausrichten. Bei hoher Impfquote wird die Inzidenz nicht überflüssig, aber sie verliert an Aussagekraft", sagte der Minister weiter.

Einige Landesregierungen beschlossen am Dienstag bereits eigene regionale Warnampeln. Das Land Berlin bezieht neben der Zahl der im Krankenhaus behandelten Corona-Patienten auch die Auslastung der Intensivbetten und weiterhin die Inzidenz ein, aber nicht mehr den R-Wert, der die Dynamik des Infektionsgeschehens misst. Was passiert, wenn die Ampel auf gelb oder rot springt, wurde nicht konkret festgelegt. Bayern beschloss weitreichende Lockerungen, die ab Donnerstag gelten. Die Inzidenz spielt nur noch mit dem Grenzwert 35 eine Rolle, ab dem in einem Landkreis oder einer kreisfreien Stadt der 3G-Grundsatz gilt: Zugang zu den Innenräumen vieler öffentlichen und privaten Einrichtungen nur noch für Geimpfte, Genesene oder negativ Getestete.

Große Koalition im Bundestag will Spahn-Modell korrigieren

Nach dem Kabinettsbeschluss fand zu dem Thema eine Anhörung im Bundestags-Gesundheitsausschuss statt. Nach Bundestagsangaben sieht ein Änderungsantrag von Union und SPD im Vergleich zu den ursprünglichen Plänen Spahns, der sich auf die Hospitalisierungsrate konzentrieren wollte, ein differenzierteres Verfahren vor. Demnach sollen als Kriterien auch eine nach Altersgruppen aufgeschlüsselte Sieben-Tage-Inzidenz, verfügbare intensivmedizinische Behandlungskapazitäten sowie die Entwicklung der Impfquote berücksichtigt werden.

Sachverständige stellten sich demnach im Ausschuss vorwiegend hinter die Abkehr vom bisherigen, reinen Inzidenz-System. Allerdings gab es auch Warnungen vor dem Fokus allein auf den Krankenhauseinweisungen. Denn diese erkennen das Problem erst spät, während die Inzidenz als Frühindikator schon warnen kann, bevor die Krankenhäuser eine stärkere Belastung spüren. Verwiesen wurde auf Belastungen des Gesundheitssystems auch im ambulanten Bereich und auf das Problem von Long-Covid-Fällen auch ohne Krankenhausaufenthalt. Zudem wurde argumentiert, die Inzidenz müsse weiter eine Rolle spielen, da sich nur so das Infektionsgeschehen auf einem möglichst niedrigen Niveau halten lasse.

Die Hospitalisierungsrate gibt an, wie viele Corona-Infizierte pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen stationär in Krankenhäusern zur Behandlung aufgenommen werden. Der Bundestag soll in der kommenden Woche die Neuregelung beschließen, hieß es weiter. Das Parlament kommt am Dienstag zu einer Sitzung zusammen.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warb dafür, die Inzidenz weiter mit zu berücksichtigen. "Eine eindeutige Verknüpfung von Inzidenz und Hospitalisierung ist notwendig und wird im Zuge der parlamentarischen Beratungen noch kommen", sagte er den Funke-Zeitungen. Zudem mahnte Lauterbach, Hospitalisierungsraten müssten bundesweit einheitlich gelten.

Wieder mehr als 1000 Corona-Patienten auf Intensivstationen

Ärztevertreter warnten angesichts der wieder deutlich steigenden Zahl von Corona-Patientinnen und -Patienten in den Kliniken unterdessen vor einer erneut zu starken Belastung des Personals auf den Intensivstationen. "Unsere Leute sind erschöpft", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, ebenfalls den Funke-Zeitungen. Es gebe hier nach wie vor eine hohe Dauerbelastung.

"Die Erschöpfung aus den ersten drei Wellen konnte noch gar nicht wieder aufgeholt worden", mahnte Marx. Die Kliniken hätten keine Pause gemacht, sondern über den Sommer viele wegen der Corona-Pandemie verschobene Eingriffe nachgeholt. "Die meisten Beschäftigten auf den Intensivstationen hatten noch gar keine Gelegenheit, sich zu erholen", sagte der Intensivmediziner.

Die aktuelle Entwicklung auf den Intensivstationen nannte Marx "besorgniserregend". Innerhalb eines Monats habe sich die Zahl der schwerstkranken Covid-Patienten von unter 400 auf über 1000 fast verdreifacht. "In einigen Regionen wird es auf den Intensivstationen schon wieder voll", warnte der Divi-Präsident. Auf dem Höhepunkt der zweiten Infektionswelle zum Jahreswechsel und in der dritten Welle Ende April wurden mehr als 5000 Intensivpatienten gezählt.

Inzidenz sinkt unter 75

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist erstmals seit Anfang Juli wieder gefallen. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Dienstagmorgen lag sie bei 74,8 - am Vortag hatte der Wert 75,8 betragen, vor einer Woche 58,0. Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 5750 Corona-Neuinfektionen. Im besonders von der aktuellen Infektionswelle betroffenen Nordrhein-Westfalen sank die Inzidenz von 127,7 auf 124,9. Sachsen-Anhalt blieb mit 15,8 das Land mit dem niedrigsten Wert.

Ein anhaltender Rückgang bei der Zahl der Neuinfektionen ist unter anderem wegen des Schulstarts in immer mehr Bundesländern eher unwahrscheinlich. Wie viele Erkältungsviren verbreitet sich Sars-CoV-2 zudem aus mehreren Gründen in Herbst und Winter besonders effektiv. Dass die Fallzahlen auch bei einer vergleichsweise hohen Durchimpfungsrate der Bevölkerung wie derzeit in Deutschland rapide steigen können, zeigt die Situation in Ländern wie Israel und den USA. Dort sind teilweise auch die Gesundheitssysteme wieder an der Belastungsgrenze.

ak/AFP, dpa-afx
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