Sonntag, 31. Mai 2020

Kurzarbeit und die Folgen Eiszeit am Arbeitsmarkt

Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg
Daniel Karmann/dpa
Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg

Millionen Beschäftigte werden die Corona-Krise in Deutschland mit Kurzarbeit überbrücken. Dennoch drohen bei den Jobs massive Einbußen.

Um ihr Modell der "Kurzarbeit" werden die Deutschen seit der Weltfinanzkrise 2009 in vielen Ländern beneidet. Damals, als die Kredite versiegten und im internationalen Handel plötzlich gar nichts mehr ging, wurden weltweit Millionen Jobs gestrichen. Die deutschen Facharbeiter blieben zuhause, renovierten vielleicht das Bad oder räumten den Keller auf, und kehrten nach ein paar Monaten wieder in die Fabriken zurück. Die deutsche Wirtschaft war bestens aufgestellt, um vom neuen Aufschwung zu profitieren.

Auch in der Corona-Krise steht Deutschland jetzt mit diesem Instrument vergleichsweise gut da. In den USA werden Millionen von Menschen abrupt entlassen. Die Zahl der wöchentlichen Neuanträge auf Arbeitslosengeld könnte bereits morgen mit rund 3,5 Millionen einen weiteren historischen Rekord erreichen.

Hierzulande ist der Job-Schock ebenfalls massiv. Aber der Staat sichert die Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt. 470.000 Unternehmensanträge auf Kurzarbeit liegen bereits vor, eine Zahl, die es in derart kurzer Frist auch in der Finanzkrise nicht annähernd gab. Bald über 2,3 Millionen Kurzarbeiter erwartet die Bundesagentur für Arbeit.

Der deutsche Arbeitsmarkt wird sich trotzdem nicht in eine Art sanften Dornröschenschlaf versetzen lassen. Was bevorsteht ist eher eine Eiszeit, die erhebliche Frostschäden hinterlassen kann.

Auf einen oft übersehenen Aspekt hat der Ökonom Enzo Weber vom Forschungsinstitut der Bundesagentur gestern hingewiesen: Hinter den Trends am Arbeitsmarkt verbirgt sich normalerweise ein gewaltiges Kommen und Gehen. Die Veränderung der Zahl der Arbeitslosen (2019 ein Rückgang um 73.000) ist nur der Saldo aus den wesentlich größeren Zu- und Abgängen.

Bleiben jetzt im allgemeinen Lockdown die Neueinstellungen aus, dann wird die Arbeitslosigkeit steigen und sich verhärten. Gut zwei Millionen Menschen fanden im vergangenen Jahr aus der Arbeitslosigkeit heraus einen neuen Job. Unter denjenigen, die das reguläre Arbeitslosengeld als Versicherungsleistung beziehen, fand bislang in jedem Monat etwa jeder Siebte einen neuen Arbeitsplatz. Die sogenannte "Abgangschance" quer über alle Jobsucher lag bei knapp 7,5 Prozent. Es ist zu fürchten, dass auch hier vieles stillsteht.

Damit die Kurzarbeit als "Brücke" für die Beschäftigten funktioniert, braucht es zudem ein festes Fundament am anderen Ufer. In der Weltfinanzkrise gelang es der Politik innerhalb weniger Monate, die entscheidende Ursache zu entschärfen: Nachdem der Infarkt des Finanzsystems gestoppt war, konnte der Aufschwung beginnen. Gerade die deutsche Industrie profitierte dabei erheblich von den riesigen Konjunkturprogrammen Chinas.

Die Corona-Krise ist in ihrem Kern ein noch ungelöstes gesundheitspolitisches Problem. Ein neues Großtriebwerk für die Weltwirtschaft fehlt.

Nicht zu vergessen ist, dass die deutsche Industrie bereits vor dem Corona-Schock in der Rezession war. Diese Flaute, insbesondere in der Autoindustrie, hatte und hat auch strukturelle Gründe. Schon im Dezember stieg die Zahl der Kurzarbeiter auf über 100.000. Sie übertraf damit bereits die Werte aus der Euro-Krise 2012/13.

Zu den historischen Erfahrungen mit der Kurzarbeit gehört in Deutschland nicht nur der Erfolg von 2009. Als die ostdeutsche Wirtschaft nach 1990 zusammenbrach wurde das Instrument zunächst massiv eingesetzt, um den Strukturbruch zu mildern. Damals führte die "Brücke" aber letztlich ins Nichts. Kurzarbeit wurde eher zu einem "Fallschirm", der den Sturz in die Arbeitslosigkeit nur etwas abfangen konnte.

Das heutige Szenario ist ein anderes. Bei allem Stolz auf den Sozialstaat darf die Politik sich aber nicht am eigenen Hilfseifer berauschen. Ihre vordringlichste Aufgabe bleibt es, Wege aus der großen Vereisung zu entwickeln.

Die Gesundheitspolitik muss derzeit sehr restriktive Regeln vorgeben. Die beste Hilfe für Unternehmen und Beschäftigte besteht immer darin, eine Fortsetzung von Arbeit in diesem Rahmen möglich zu machen.

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