Corona-Pandemie Spahn verspricht mehr Freiheiten für Geimpfte

Die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen steigt rasant. CDU-Chef Laschet bereitet die Bevölkerung auf bis zu drei weitere Wochen harten Lockdown vor. Zugleich macht Gesundheitsminister Spahn Geimpften Hoffnung auf mehr Freiheiten.
Gastronomie zu Ostern: Getestete Besucher konnten sich zu Ostern mancherorts in Sachsen im Zuge eines Modellversuchs in Restaurants niederlassen. Mehr Freiheiten für Geimpfte stellt Gesundheitsminister Jens Spahn in Aussicht.

Gastronomie zu Ostern: Getestete Besucher konnten sich zu Ostern mancherorts in Sachsen im Zuge eines Modellversuchs in Restaurants niederlassen. Mehr Freiheiten für Geimpfte stellt Gesundheitsminister Jens Spahn in Aussicht.

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Mitten in der dritten Corona-Welle werden die Rufe nach einer Verschärfung der Pandemie-Beschränkungen im April lauter. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (69) hat am Montag einen "Brücken-Lockdown" gefordert, mit dem die Zeit überbrückt werden solle, bis viele Menschen geimpft seien. Die Lage erfordere es, "dass wir nochmal in vielen Bereichen nachlegen", sagte der CDU-Bundesvorsitzende nach einem Besuch des Impfzentrums der Städteregion Aachen. Im Mai oder Juni könne man dann in eine "andere Phase" kommen. Er sei sich bei seiner Einschätzung der Lage mit vielen Ministerpräsidenten, Kanzlerin Angela Merkel (66) und Gesundheitsminister Jens Spahn (40) einig.

Spahn hatte zuvor über das Osterwochenende Hoffnungen gemacht, dass vollständig Geimpfte nach der dritten Infektionswelle genauso wie Menschen mit einem negativen Testergebnis schneller Freiheiten beim Einkaufen und Reisen zurückerhalten könnten. Die Zahl der Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung überschritt erstmals seit zwei Monaten wieder die Marke von 4000. Die Forderung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die Abiturprüfungen wegen der Corona-Pandemie notfalls ausfallen zu lassen, löste Widerspruch aus.

Laschet schweben zwei bis drei weitere Wochen Lockdown vor

Laschet sprach sich in Aachen dafür aus, die für den 12. April geplante Runde der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder auf die kommenden Tage vorzuziehen. Nötig seien weniger private Kontakte. Das könnte auch Ausgangsbeschränkungen in den Abend- und Nachtstunden bedeuten. Diese seien ein effektives Mittel, um Kontakte im privaten Raum zu reduzieren. Zudem müsse man sich auf das Notwendige bei Kitas und Schulen fokussieren - bei gleichzeitiger Absicherung durch flächendeckende und eng getaktete Tests, sagte Laschet.

Mehr müsse zudem im Bereich Homeoffice getan werden. "Es sind immer noch viel zu viele Menschen in Bewegung zum Arbeitsplatz", so Laschet. In den zwei bis drei Wochen des Lockdowns müsse die Homeoffice-Offensive der Wirtschaft nochmals vorankommen. Dazu werde die Bundesregierung diese Woche nochmals mit den Wirtschaftsverbänden auch über Testungen sprechen. Es müsse zudem bei der Schließung der Gastronomie bleiben, außerdem müsse es im gesamten Freizeitbereich nochmals eine Reduzierung geben.

Geimpfte sollen laut Spahn mehr Freiheiten erhalten

Spahn bekräftigte am Montag, Geimpfte sollten schneller Freiheiten beim Einkaufen und Reisen zurückerhalten. Das ist umstritten, weil es aktuell noch zu wenig Impfstoff gibt. In der "Bild am Sonntag" hatte er sich zuvor auf eine Auswertung neuester Erkenntnisse durch das Robert Koch-Institut (RKI) bezogen: Demnach sei das Übertragungsrisiko zwei Wochen nach der zweiten Impfung wahrscheinlich sogar geringer als nach einem negativen Schnelltest von symptomlosen Infizierten. Spahn betonte, auch für vollständig Geimpfte würden in der aktuellen Pandemiephase Corona-Regeln wie Abstand, Hygiene und Schutzmasken weiterhin gelten.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) und der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, plädieren zugleich für einen Strategiewechsel beim Impfen: Die Zweitimpfungen sollten weiter verzögert werden, um möglichst viele Erstimpfungen zu ermöglichen und damit die Zahl schwerer Verläufe zu senken, sagten sie der "Augsburger Allgemeinen" (Dienstag).

Wenn der Abstand zur Zweitimpfung bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech /Pfizer und Moderna von sechs auf zwölf Wochen verlängert würde, könnten bis Juli über 60 Millionen Menschen in Deutschland erstgeimpft sein, sagte Lauterbach. "Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein."

Debatte um spätere Zweitimpfung

Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut hatte zunächst für das Biontech/Pfizer-Mittel einen Abstand von drei bis sechs Wochen empfohlen, für den Moderna-Impfstoff vier bis sechs Wochen. In einem Entwurf vom 1. April zur Aktualisierung der Empfehlungen ist nun von einer zweiten Dosis nach sechs Wochen die Rede - so sei "sowohl eine sehr gute individuelle Schutzwirkung als auch ein größerer Effekt der Impfung auf Bevölkerungsebene zu erzielen".

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, die Abiturprüfungen wegen der Pandemie notfalls ausfallen zu lassen. GEW-Chefin Marlis Tepe sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Montag): "Sollte das Infektionsgeschehen so dramatisch ansteigen, wie die dritte Welle in anderen europäischen Nachbarstaaten befürchten lässt, müssen die Länder flexibel reagieren und von Prüfungen absehen". Dann könnten etwa die Leistungen aus dem Unterricht zur Grundlage der Notengebung gemacht werden.

Tepe erntete umgehend Widerspruch. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brandenburgs Ressortchefin Britta Ernst (SPD), äußerte sich zurückhaltend. Alle arbeiteten mit Hochdruck an sicheren Bedingungen für die Durchführung der Prüfungen. "Niemand sollte die Jugendlichen, die jetzt vor dem Abschluss stehen, zusätzlich zur normalen Prüfungsnervosität verunsichern."

4144 Corona-Patienten auf Intensivstationen

Die Zahl der Corona-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung überschritt über Ostern erstmals seit zwei Monaten wieder die Marke von 4000. So lagen am Montag 4144 Corona-Fälle auf der Intensivstation, wie die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) in ihrem täglichen Corona-Bericht schrieb (Stand 5.4., 12.15 Uhr). Das sind 93 Patienten mehr als am Vortag und über 500 mehr als vor einer Woche. Anfang Januar hatte die Zahl der Covid-Intensivpatienten einen Höhepunkt mit mehr als 5500 Fällen erreicht.

Inwieweit sich die Infektionslage über Ostern verändert hat, ist derzeit noch schwer einzuschätzen. Das RKI wies darauf hin, dass rund um die Osterfeiertage vielerorts meist weniger Tests gemacht und gemeldet werden. Zudem könne es sein, dass nicht alle Gesundheitsämter und zuständigen Landesbehörden an allen Tagen an das RKI übermitteln. Die berichteten Fallzahlen dürften dadurch niedriger ausfallen und nur eine eingeschränkte Aussagekraft haben.

rei/dpa-afx