Spahn spricht von Einigkeit Boostern gegen die vierte Corona-Welle

Auffrischimpfungen für alle? Angesichts der vierten Corona-Welle mit einem neuen Rekord der Neuinfektionen steigt der Druck zum Boostern. Laut Jens Spahn sind die Gesundheitsminister von Bund und Ländern jetzt einig.
Ersatz für Impfzentren: Impftram in Frankfurt am Main

Ersatz für Impfzentren: Impftram in Frankfurt am Main

Foto: Boris Roessler / dpa

In der Debatte um Corona-Auffrischungsimpfungen ist eine einheitliche Vorgehensweise in Sicht. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (41, CDU) sagte am Donnerstag am Rande einer Konferenz mit seinen Länderkollegen in Lindau, man sei sich mit Ärztevertretern und unter den Ministern einig. Es mache viel Sinn, dass es sechs Monate nach der Zweitimpfung eine Auffrischung geben solle. Es seien zuerst Ältere, Vorerkrankte und medizinisches Personal geimpft worden, bei diesen sei es jetzt auch mehr als sechs Monate her. Gerade dort machten Impfverstärkungen ("Booster") daher nun Sinn. "Boostern sollte die Regel werden, nicht die Ausnahme."

Spahn sagte, er wolle mit den Ländern auch darüber reden, ob es neben dem wichtigen Angebot in den Arztpraxen nicht wieder zusätzliche öffentliche Angebote geben solle. "Das müssen jetzt nicht wieder nur die großen Impfzentren sein." Wichtig seien zusätzliche Anlaufstellen oder etwa auch Impfbusse oder mobile Impfteams.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt Booster bislang nur in engerem Rahmen unter anderem für ab 70-Jährige und Risikopatienten, worauf sich auch Ärztevertreter bezogen. Die Sechs-Monats-Frist erreicht momentan, wer bis Anfang Mai seine Zweitimpfung hatte. In Frage kämen schon mehr als zehn Millionen Menschen, "Booster" bekamen laut RKI bisher aber nur 2,36 Millionen. Gegen die Empfehlung zum Boostern für alle sprachen sich auch Ärzte vor allem aus Kapazitätsgründen aus. So viele Impfungen in kurzer Zeit könnten die Praxen kaum bewältigen - und die meisten Impfzentren sind inzwischen geschlossen.

Es müsse gelingen, "vor die Lage" zu kommen, sagte der Vorsitzende der Länderminister, Klaus Holetschek (CSU), aus Bayern. Niedersachsens Ressortchefin Daniela Behrens (SPD) kritisierte den Vorlauf von 14 Tagen für Impfstoffbestellungen der Praxen. Spahn müsse rasch "pragmatischere Vereinbarungen" mit dem Arzneigroßhandel treffen, sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Spahn warb für zusätzliche öffentliche Angebote, was nicht wieder nur große Impfzentren sein müssten - aber Impfbusse oder mobile Teams.

Tagesrekord der Neuinfektionen

Die vierte Corona-Welle in Deutschland hat neue kritische Höhen erreicht: Die Gesundheitsämter meldeten den Rekord von 33.949 Infektionen binnen eines Tages - so viele wie noch nie im Verlauf der Pandemie. Das gab das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag bekannt. Für den hohen Tageswert könnten auch verzögerte Meldungen wegen des Feiertags Allerheiligen am Montag gesorgt haben. Unbestritten breitet sich das Virus aber wieder beschleunigt aus. Bundesweit stieg die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen laut RKI auf 154,5. Damit hat sich der Wert innerhalb von 16 Tagen in etwa verdoppelt. Da die meisten Erwachsenen geimpft sind, liegt die Zahl der schweren Covid-Kranken besonders auf Intensivstationen der Krankenhäuser noch deutlich unter den Höchstständen im vergangenen Winter. Dennoch droht vielerorts erneut eine Überlastung des Gesundheitssystems. Zudem scheint der Impfschutz nachzulassen.

Angesichts der alarmierend steigenden Corona-Infektionszahlen in vielen europäischen Ländern mahnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Kurskorrekturen an. "Im Moment scheinen wir versessen darauf zu setzen, dass (....) wir nur noch ein paar Leute impfen müssen und dann ist alles vorbei. Das ist aber nicht der Fall", warnte WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan am Donnerstag in Genf. "Um den Kurs zu halten, muss man auch manchmal den Kurs ändern." Dazu gehöre, sämtliche Schutzmaßnahmen wie Maske tragen und Abstand halten rigoros umzusetzen, aber womöglich auch das Testen auszuweiten. Ryan nannte kein Land beim Namen.

"Dies ist ein Warnschuss für die ganze Welt, was in Europa trotz der Verfügbarkeit von Impfungen geschieht", sagte Ryan. Er verstehe, dass Regierungen die Bevölkerung nicht enttäuschen wollten, und dass jeder Schritt zurück zu schärferen Maßnahmen wie ein Rückschritt wirke. Aber jedes Land müsse seine Corona-Pläne nun genau überprüfen, um sicherzustellen, dass die Gesundheitssysteme in den nächsten Monaten nicht an die Belastbarkeitsgrenze kommen. WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus (56) warnte jedoch erneut davor, die vorhandenen Impfstoffe im vergleichsweise gut versorgten Europa zu bunkern. Nach wie vor seien die Versprechen, Impfstoff über die Covax-Inititative an arme Länder zu liefern, zum Großteil unerfüllt. Dort würden sie dringender gebraucht. "Außer an immungeschwächte Menschen, sollten keine Booster mehr gegeben werden", forderte Tedros.

Offen war weiterhin, ob es bald auch noch eine Bund-Länder-Spitzenrunde gibt - die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das wiederholt angeboten, zunächst sollen nun aber die Beschlüsse der Gesundheitsminister am Freitag abgewartet werden. Zu klären ist auch eine neue Rechtsbasis für Corona-Maßnahmen im Winter. Wie auch von Spahn befürwortet, wollen die möglichen künftigen Regierungspartner SPD, Grüne und FDP die bisherige gesetzliche Sonderlage zum 25. November enden lassen - aber nicht als Entwarnungssignal.

ak/dpa-afx, AP
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