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Christoph Bornschein

Vorwärts immer! Wir Selbstverliebten hemmen den Fortschritt

Christoph Bornschein
Von Christoph Bornschein
Von Christoph Bornschein
Ob Corona oder Digitalisierung – das Unvermögen, mit Veränderung umzugehen, hat die gleiche Ursache.
aus manager magazin 1/2021
Christoph Bornschein ist Geschäftsführer von TLGG. Die Unternehmensgruppe berät Kunden aus Pharma, Mobility und Finance zu digitalen Businessmodellen und Markentransformation. Dazu zählen Bayer, Lufthansa und ING. Twitter: @Playrough

Christoph Bornschein ist Geschäftsführer von TLGG. Die Unternehmensgruppe berät Kunden aus Pharma, Mobility und Finance zu digitalen Businessmodellen und Markentransformation. Dazu zählen Bayer, Lufthansa und ING. Twitter: @Playrough

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Janine Schmitz / Photothek / Getty Images

Ich habe gezählt: Ganze fünf Mal stellte Marietta Slomka im "heute journal" vom 26. November Variationen derselben Frage. Olaf Scholz (62; SPD) jedoch lief große Runden um einen heißen Brei. Ob und wie der Staat die für November und Dezember genehmigten Corona-Hilfen darüber hinaus finanzieren kann, wenn die Corona-Krise im Jahr 2021 doch nicht plötzlich nachlässt, war kein Thema für ihn. Der Finanzminister verwies beschwichtigend darauf, dass der Dezember ja noch nicht einmal begonnen habe und man doch darauf hoffen dürfe, dass der aktuelle Lockdown Erfolge erzielt: "Das wollen wir erst mal abwarten."

Christoph Bornschein
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Christoph Bornschein ist Geschäftsführer von TLGG. Die Unternehmensgruppe berät Kunden aus Pharma, Mobility und Finance zu digitalen Businessmodellen und Markentransformation. Dazu zählen Bayer, Lufthansa und ING.

Nun ist Besonnenheit in Krisenzeiten durchaus eine Tugend, doch Scholz' Gleichmut wirkte beunruhigend, nicht vertrauenerweckend. Schließlich war da schon absehbar, dass die Lage sich eher verschlechtern als verbessern würde. Und doch hangelten und hangeln sich Bund und Länder von Woche zu Woche, immer wieder voller Hoffnung auf Besserung, dann hitzig um Maßnahmen verhandelnd, wenn das erwartbar Schlechte eintritt.

Mag die Corona-Krise in ihren Konsequenzen komplex sein, in ihrem Kern lässt sie sich mit drei wohlbekannten Kennzahlen erfassen: Reproduktionszahl, Neuinfektionen, Intensivbettenbelegung. Aus bekannten Parametern mögliche Szenarien abzuleiten, für die nicht erst bei ihrem Eintreten im Streit der Interessen Maßnahmenpakete entwickelt werden, das ist eine Herangehensweise, die jedem BWL-Bachelor – ach was: jedem Erwachsenen – vermittelt wird, nur auf staatlicher Ebene scheint sie verpönt zu sein. Anders ist kaum zu erklären, dass es die Bundesbildungsministerin Anfang November, zwei untätig verbrachte Monate nach dem Ende der untätig verbrachten Sommerferien, für einen wichtigen Impuls hielt, sich für eine Maskenpflicht an Grundschulen einzusetzen.

Wir sind alle Teil einer so anschaulichen wie erschütternden Livestudie zum Thema "Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit staatlicher Strukturen unter VUCA-Bedingungen". Der Begriff umfasst Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity und ist als Beschreibung unternehmerischer Entscheidungsrahmen im Gebrauch, aber er passt hervorragend zur aktuellen Gesamtsituation. Das Vorgehen des Staates steht dabei hierzulande in einer unguten VUCA-Tradition. Wie so oft in den letzten Jahren lässt sich eine fatale Strategie des Verharrens beobachten, ein krampfhaftes Festhalten an einem geliebten Status quo.

Ich teile die Einschätzung, dass die Digitalisierung hierzulande nicht verschlafen, sondern durch bewusste Entscheidungen unterdrückt wurde. Dies geschah im Rausch einer sich selbst als ideal wähnenden Existenz. Ihr ist das längst Bekannte der zu verteidigende Zustand. Veränderung wird kleingeredet und belächelt; der eigene Status, die eigene Tradition dagegen als Produkt reiner Vernunftentscheidungen verklärt. Wir leben in der besten aller Welten. Präsenzunterricht ist die höchste Form der Bildungsgerechtigkeit.

Diese Denkweise hat es schon immer unmöglich gemacht, aus eigener Kraft innovative Antworten zu entwickeln. Es war nicht die auf ihren Pfründen beharrende Musikindustrie, die Download- oder gar Streaminglösungen entwickelt hat. Es war nicht die eigene Weitsicht, die VW das Potenzial der Elektromobilität erkennen ließ. Wer sich partout nicht vorstellen will, das eigene System könne auch anders funktionieren, als er es nun einmal kennt, der wird immer von Veränderung überrascht und überwältigt werden. Klar ist inzwischen, dass die Corona-Krise nicht nur finanzielle Folgen haben wird: Globale Wertschöpfungsketten verändern sich, oft zugunsten Chinas, die Volkswirtschaften müssen zu einem neuen Gleichgewicht finden. Umso wichtiger wird das Denken in Szenarien und die Bereitschaft zur grundsätzlichen Veränderung. Die Details dazu muss kein Konzernlenker und kein Finanzminister im "heute journal" rausposaunen. Ein deutliches Signal dafür, dass dieser Ansatz verfolgt wird, würde mir jedoch einen etwas ruhigeren Feierabend verschaffen als jedes "Das wollen wir erst mal abwarten".

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