Montag, 18. November 2019

Martin Schulz im Körpersprache-Check Martin Schulz zeigt Zunge

Der Erfolg einer Partei bei der Bundestagswahl hängt auch von der Körpersprache ihres Spitzenkandidaten ab. Er muss uns das Gefühl vermitteln, unsere Emotionen zu verstehen. Erst in der Folge hören wir seinen Inhalten wohlwollend zu. Sicherheit, Aufgebrachtheit, Stabilität oder Aufbruch: Wer das nicht "verkörpert", bleibt ein Phrasendrescher. Im folgenden Text geht es ausschließlich um eine Analyse der non-verbalen Kommunikation - also der Körpersprache. Auf politische Inhalte wird kein Bezug genommen, dieser Text ist keine politische Meinungsäußerung des Autors.

Wo ist bloß der Schulz-Effekt geblieben? Er, der so viel frischen Wind in die SPD gebracht hat. Parteichef und Kanzlerkandidat Martin Schulz hat körpersprachlich einiges drauf, denn er kann sehr vielfältig sein. Das kumpelhafte Schulterklopfen, das staatstragende "Kinn hoch", der schalkhafte Lächler und der provozierende Polterton. So viele Ausdruckvarianten sucht man bei Amtsinhaberin Angela Merkel vergeblich.

Stefan Verra
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    Severin Schweiger
    Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten im deutschen Sprachraum. Seine Vortragsreisen führten ihn bisher in 13 Länder auf vier Kontinenten. Er ist Universitätsdozent, Bestsellerautor und teilt seine Tipps und Körpersprache Analysen auf www.stefanverra.com.

Als Herausforderer der Kanzlerin bei der bevorstehenden Bundestagswahl braucht Schulz viel Variabilität. Nur so kann er die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen in Deutschland abdecken. Allerdings hat Schulz aus seinem Talent ausgerechnet das Ungünstigste gemacht. Er hat seine Vielfalt nämlich reduziert. Und weniger kann Angela Merkel auch. Nur besser.

Reine Kopf-Sache

Wenn Martin Schultz zornig sein will, merkt man das an seinem Bemühen - allerdings bleibt sein Körper dabei deutlich zu stabil. Wer zornig, aggressiv und angefressen ist, zeigt das, indem er die Worte förmlich aus seinem Kopf schüttelt. Er verleiht seinen Worten Nachdruck mit einem mehr oder weniger deutlichen Nicken nach vorne am Ende jeder Phrase. (Deswegen wirkt das Publikum bei einem Heavy-Metal-Konzert auch aggressiver als Helene-Fischer-Schunkler.) Schulz' Kopfbewegungen hingegen bleiben sehr stabil, da tut sich recht wenig. Es mag also sein, dass er innerlich zornig ist, allein wir glauben es ihm nicht, weil sein Körper nicht entsprechend agiert.

Die Schulz-Faust

Als Waffe haben schon die frühesten Menschen die Faust verwendet. Um dem Wurm am Boden den Garaus zu machen, haben sie entweder mit einem Stein oder eben mit einer Faust drauf gehauen. Heute machen wir das ganz genauso - nur eben weniger bei Ungeziefer als bei unliebsamen Argumenten. Wer den Gegenargumenten seiner (politischen) Gegner den Garaus machen will, zerschlägt sie eben mit der Faust auf der Tischplatte. Je lauter und kräftiger, desto mehr spüren wir den Widerwillen.

Schulz verwendet gerne seine Faust. Aber haben Sie ihn schon mal auf ein Rednerpult, einen Tisch schlagen sehen oder hören? Ich auch nicht. Seine Faustschläge setzt er unterhalb des Kopfes, auf Rumpfhöhe an und schwingt nur mehr angedeutet seine Faust ein wenig auf und ab. Damit kann er maximal eine Reißzwecke in eine Pinnwand hinein streicheln. Bei echter innerer Aufruhr würde er mit der Bewegung wohl mindestens auf Gesichtshöhe, wahrscheinlich sogar noch höher beginnen.

Noch interessanter ist allerdings, dass er die Bewegung nicht zu Ende führt. Er beginnt schwungvoll und endet in einem weichen Abbremsen, deutlich bevor er die Tischplatte berührt. Wie auf Watte endet die Bewegung. Es fällt schwer, darin Energie, Aufruhr oder eben Opposition zur Regierung zu erkennen.

Zum Niederknien

Martin Schultz will seinen Worten Kraft verleihen und fordert seine Mitkämpfer auf, mitzumachen. Dazu spannt er beide Fäuste an und geht gleichzeitig in die Knie. Er will mit dem Kniefall wohl eine Stemmbewegung machen, um die Mitkämpfer mitzureißen: "Kommt, es ist ein gemeinsamer Kraftakt." Die Anspannung ist aber so zart, der Kniefall bleibt ein angedeuteter Knicks. Damit wollen seine Worte wohl kräftig wirken, sein Körper aber ist zu statisch.

Das sind nur drei Beispiele von mehreren, die Schulz als "lauwarm" erscheinen lassen. Ich kritisiere keine Inhalte. Faktum ist: Bevor das Gehirn den Inhalten lauschen kann, entscheidet es, ob es dem Sender positiv, negativ oder gleichgültig gegenüber steht. Als Entscheidungsgrundlage dient dem Gehirn dafür nahezu ausschließlich die Körpersprache. Sie ist die einzige Kommunikationsform, die schnell genug Daten ans Gehirn liefert.

Kontrolle statt Kampf

Martin Schulz' Körpersprache muss das Gehirn möglichst vieler Wähler also zu einer positiven Aufnahmebereitschaft bewegen. Lauwarm wird das nix. Wer soll sich davon "bewegt" fühlen? Ja, schon klar: Von Merkel fühlt man sich auch nicht wirklich bewegt, aber genau das will sie ja: Alles soll so bleiben wie es ist. Ein Herausforderer dagegen muss viel mehr bewegen. Und deswegen muss er vor allem anders sein als der aktuelle Amtsinhaber.

Bereits im Februar, als Schulz noch im Umfragehoch schwebte, habe ich in einem Interview auf dieses Dilemma hingewiesen. Schulz' Körpersprache ist zu angepasst an große Gremien, Ausschusssitzungen und Parlamente. Da haut man nicht laut auf den Tisch und brüllt nicht herum. In einem solchen Umfeld muss man zeigen, dass man gesprächsbereit und kompromissfähig ist. Selbstkontrolle ist besonders dann gefragt, wenn unliebsame, ja sogar beleidigende Aussagen zu hören sind. Somit sind dort die körperlichen Bewegungen kleiner, angepasster und zurückgenommener. Schulz hat das über Jahrzehnte sehr gut gelernt. Ein kurzes Lippenbeißen war die einzige Reaktion auf Viktor Orbáns Ausfälligkeiten vor laufenden Kameras.

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Bild: N24

Stabilität statt Stammtisch

Allerdings hat sich jetzt seine Bühne geändert. Er ist der Herausforderer. Und er kann nur gewinnen, wenn sich genug Menschen in Deutschland, bei ihm besser aufgehoben fühlen als bei der aktuellen Kanzlerin. Begeisterung und Euphorie vermag er unter den potentiellen Wählern aber nicht auszulösen.

Er müsste auf die Unzufriedenen, auf die, die sich allein gelassen fühlen, abzielen. Sie sind es, die in der Kneipe, Kantine und unter Freunden über die Regierung schimpfen und auf das Establishment in Berlin zornig sind. Deswegen hauen sie mit der Faust auf den Kneipentisch, zeigen zornige Mimik und werden schon mal laut. Erst wenn Schultz diese Form der Körpersprache widerspiegelt, werden sie das Gefühl bekommen: "Der Schulz ist einer von uns, dem können wir vertrauen." Wenn er allerdings eine ähnliche Körpersprache zeigt wie die Vertreter regierender Parteien, haben die Unzufriedenen nicht das Gefühl, er könnte ein guter Vertreter ihrer Anliegen sein.

Wer so viel Stabilität in seiner Körpersprache zeigt, steht für Beibehaltung des Status Quo.

Man muss nicht Donald Trump als Beispiel nehmen, der die Unzufriedenheit großer Teile der Gesellschaft in ausnehmend guter Weise für sich genutzt hat. Während sich die "Aufgeklärten" über seine inhaltlichen Unzulänglichkeiten wunderten, haben sich 50 Millionen enttäuschter Amerikaner in seiner aggressiven, lauten Körpersprache wiedergefunden. Dieses Widerspiegeln ist viel stärker als alle Fakten. Trotz seiner Milliarden und seiner von seinen Versprechungen abweichenden Politik sind viele seine Sympathisanten nach wie vor überzeugt, er sei "einer von ihnen".

Im Grundsatz gilt: Eine amtierende Regierung muss Signale von Stabilität und Ausgeglichenheit senden. Schließlich steht sie für die Beibehaltung des Status quo. Für einen Herausforderer dagegen gilt: Er muss andere und stärkere Emotionen zeigen, um diejenigen zu erreichen, die eben diese Stabilität nicht wollen. Und das wird er nur mit einer herausfordernden Körpersprache erreichen.

Da war noch was…

Ach ja, Schulz' Zunge dürfen wir in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Immer wieder leckt sich der SPD-Kanzlerkandidat über die Lippen. Ob er das aus Ekel macht, weil er etwas von sich wegschieben will, wie Kleinkinder den Spinat aus dem Mund hinaus drängen oder weil er seine eigenen Worte so unglaublich lecker findet, kann nur im jeweiligen Zusammenhang gedeutet werden. ;-)

Unser Gastkommentator Stefan Verraist einer der gefragtesten Experten für Körpersprache, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Der Autor ist Österreicher - von Deutschland kennt er Weißwurst, Schietwetter und den Stau auf der A8 Richtung Salzburg. Er lebt seit einigen Jahren in München und hat mittlerweile so gut Deutsch gelernt, dass er sich hierzulande einigermaßen durchschlagen kann. Politisch hat er überhaupt keine Meinung zu den einzelnen Kandidaten.
Verra ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider.

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