Dienstag, 16. Juli 2019

Studie des BUND Nur ein Sechstel des Plastikmülls wird wirklich wiederverwendet

Plastikmüll in Bayern: Bei den Recyclinghöfen wird zwar rund 45 Prozent an Plastikmüll angeliefert - wieder verwendbar ist davon aber nur 15,6 Prozent

Gerade mal knapp 16 Prozent des Plastikmülls werden in Deutschland für neue Produkte wiederverwendet. Der Rest landet in Verbrennungsöfen oder wird ins Ausland verschifft. Das geht aus dem aktuellen "Plastikatlas" hervor, den der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung am Donnerstag vorstellten.

Zwar seien die offiziellen Recyclingquoten in Deutschland relativ hoch, sie lagen 2016 bei 45 Prozent. Diese täuschten jedoch darüber hinweg, dass sie sich lediglich auf die Anlieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht aber auf den wirklich recycelten "Output" bezögen. Werde hingegen die Gesamtmenge der anfallenden gebrauchten Kunststoffprodukte als Grundlage betrachtet, würden in Deutschland nur etwa 15,6 Prozent zu Rezyklat verarbeitet.

Der Atlas sammelt Fakten über die Umweltschädlichkeit von Plastik. Demnach wurden zwischen den Jahren 1950 und 2015 weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert. Das entspricht mehr als einer Tonne pro Mensch, der heute auf der Erde lebt. Den aller größten Teil machen Einwegprodukte und Verpackungen aus. Und der Berg wächst: Allein der Getränkehersteller Coca-Cola verbraucht dem Atlas zufolge jährlich 88 Milliarden Einwegflaschen - aneinandergereiht reiche das 31 Mal zum Mond und zurück.

Kunststoffmüll schadet nicht nur Tieren und Pflanzen, sondern auch dem Klima. Der Atlas zitiert eine Hochrechnung des Zentrums für Internationales Umweltrecht, wonach die Produktion von Kunststoffen bis 2050 bei den derzeitigen und prognostizierten Wachstumsraten einen Ausstoß von 52,5 Gigatonnen Kohlendioxid verursachen könnte. Kunststoffe allein könnten somit zwischen zehn und 13 Prozent des gesamten Kohlenstoffbudgets verbrauchen, das die Weltbevölkerung einhalten muss, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Neukunststoff ist günstiger als das Rezyklat

Nicht einmal zehn Prozent des jemals produzierten Kunststoffes sind laut dem Atlas recycelt worden. Das liege unter anderem daran, dass sich die Verarbeitung vieler Kunststoffe zu Rezyklat zum Wiederverwenden nicht lohne. Hersteller nutzten für ihre Produkte lieber neuwertigen Kunststoff als Rezyklat, das häufig nicht so rein sei. Der niedrige Preis für Neukunststoff und das teure Sortieren und Aufarbeiten von gebrauchtem Kunststoff habe in Europa dazu geführt, dass ein Großteil des Plastikmülls nach Übersee verschifft werde.

Der weltweit drittgrößte Exporteur von Plastikmüll ist - nach den USA und Japan - die Bundesrepublik. Nachdem allerdings der bisher größte Abnehmer China vergangenes Jahr einen Exportstop verhängt hatte und Nachfolger Malaysia auch die Müllmengen deutlich reduzieren will, drohen die großen Plastikverbraucher auf ihrem Abfall sitzen zu bleiben.

Auch sogenannte Bio-Kunststoffe sind laut dem Atlas keine Lösung, weil die dafür benötigten Pflanzen unter schlechten Umweltbedingungen angebaut werden. Auch seien viele dieser Kunststoffe nicht wirklich biologisch abbaubar, sondern verrotten nur in speziellen Anlagen, die nicht wirtschaftlich seien.

Einwegplastik und Mikroplastik verbieten

So führt den Umweltschützern zufolge kein Weg daran vorbei, die Produktion von Einwegplastik deutlich zu drosseln. Initiativen wie die Kunststoffstrategie der EU-Kommission seien ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Strategie sieht unter anderem vor, dass bis 2030 alle Kunststoffverpackungen recycelbar sind. Das Verbot bestimmter Einwegplastikprodukte wie Trinkhalme oder Kunststoffbesteck sowie eine Rezyklatquote sind mittlerweile von den Mitgliedstaaten beschlossen. Der Atlas betont jedoch auch, dass es sich um ein globales Problem handelt, dass durch staatliche Regulierung weltweit angegangen werden müsse.

Im Video: Kampf gegen den Müll - Plastik aus Hummer-Schalen

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Bild: REUTERS, THE SHELLWORKS, TANGAROA BLUE, AUSTRALIAN MARINE DEBRIS INITIATIVE

Der Chef der Umweltorganisation BUND, Hubert Weiger, forderte zudem ein generelles Verbot von winzigen Plastikteilchen, sogenanntem Mikroplastik, das etwa in Kosmetik eingesetzt wird, sowie ein Verbot von Schadstoffen in Kunststoff, die über Recycling etwa in Kinderspielzeug oder in Lebensmitteln landen können. Plastik müsse teurer werden, damit Mehrweg-Verpackungen konkurrenzfähig würden.

mg/AFP, dpa

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