Bruttoinlandsprodukt 2020 Deutsche Wirtschaft mit stärkstem Konjunktureinbruch seit der Finanzkrise

Deutschlands Wirtschaft ist aufgrund der Corona-Pandemie so stark eingebrochen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Zudem verzeichnete Deutschland im Gesamtjahr erstmals wieder ein Haushaltsdefizit. Doch es gibt einen Lichtblick.
Lockdown wegen der Corona-Krise: Viele Geschäfte blieben während der Lockdowns geschlossen

Lockdown wegen der Corona-Krise: Viele Geschäfte blieben während der Lockdowns geschlossen

Foto: Arne Dedert / dpa

Die Corona-Krise hat die deutsche Wirtschaft in eine der schwersten Rezessionen der Nachkriegszeit gestürzt und tiefe Löcher in den Staatshaushalt gerissen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) brach im vergangenen Jahr um 5,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag anhand einer ersten Schätzung mitteilte. Stärker war die Wirtschaftsleistung nur während der globalen Finanzkrise 2009 geschrumpft, als das BIP um 5,7 Prozent sank.

Im vierten Quartal stagnierte die Wirtschaftsleistung den Statistikern zufolge, nachdem sie sich im dritten Quartal noch mit starkem Wachstum teilweise vom vorherigen starken Einbruch erholt hatte. Ein Zeichen, dass sich "die Auswirkungen des neuen Lockdowns in Grenzen gehalten haben", sah darin Chefvolkswirt Sebastian Dullien (45) vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, dessen Prognose die nun geschätzten Zahlen entsprechen. "Gemessen an den zwischenzeitlichen Befürchtungen könnte man sagen, dass wir noch glimpflich davon gekommen sind", kommentierte Volkswirt Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg.

Die Bundesregierung hatte in ihrer jüngsten Projektion von September noch einen Einbruch um 5,8 Prozent einkalkuliert - bevor die Eskalation der Corona-Krise in einen erneuten Shutdown mündete. Damit wäre der Nachkriegsrekord von 2009 sogar leicht übertroffen worden. Diese Prognose diente auch als Basis für die jüngste Steuerschätzung. Nun zeigt sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (62) optimistisch: "Die Wirtschaft wird sich in diesem Jahr erholen, es wird ein Aufschwungjahr sein", sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in einer Live-Schalte auf dem digitalen "Handelsblatt"-Energiegipfel.

Aus anderen Ländern gibt es bislang wenige Zahlen zum Vergleich. Die französische Zentralbank schätzte am Mittwoch, das BIP in Frankreich sei um 9 Prozent geschrumpft. Auf Grundlage der EU-Prognose aus dem Herbst erklärte das Statistische Bundesamt, Deutschland sei "im internationalen Vergleich gut durch die Krise gekommen" - mit ähnlicher Dynamik wie die USA. China, wo die Pandemie begann, ragte unter den großen Industrienationen mit Wachstum selbst im Corona-Jahr heraus.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Größtes Staatsdefizit seit 1995

Erstmals seit 2011 verzeichnete der deutsche Staat im Gesamtjahr wieder ein Haushaltsdefizit. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen gaben nach Angaben der Wiesbadener Behörde im vergangenen Jahr 158,2 Milliarden Euro mehr aus als sie einnahmen. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Defizit bei 4,8 Prozent. Das war das zweithöchste Defizit seit der deutschen Vereinigung, nur übertroffen vom Rekordminus des Jahres 1995, in dem die Schulden der Treuhand in den Staatshaushalt übernommen wurden.

Die Einnahmen des Staates sanken in der Corona-Krise. Das Steueraufkommen verringerte sich, auch weil die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt wurde, um den privaten Konsum anzukurbeln. Zugleich stiegen die staatlichen Ausgaben unter anderem durch milliardenschwere Hilfspakete.

Im März und April 2020 hatten infolge der Pandemie Teile der deutschen Wirtschaft faktisch stillgestanden. Ähnlich verhielt es sich in vielen anderen großen Volkswirtschaften, Grenzen wurden zeitweise geschlossen, Lieferketten rissen. Zwar setzte im Sommer eine Erholung ein, doch im Herbst gab es angesichts wieder steigender Infektionszahlen neue Beschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Die Grenzen blieben allerdings offen.

Der Arbeitsmarkt schrumpfte erstmals seit 2005. Die Erwerbstätigkeit ging um 1,1 Prozent zurück.

Konsumausgaben sanken so stark wie noch nie

Im Gesamtjahr sanken die Exporte (minus 9,9 Prozent) und die Importe von Waren und Dienstleistungen (minus 8,6 Prozent) preisbereinigt. Die privaten Konsumausgaben schrumpften um 6,0 Prozent und damit so stark wie noch nie. Die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen waren ebenfalls rückläufig. Dennoch zeigte sich die Industrieproduktion zum Jahresende als Stütze des Wachstums.

Von einem "regelrechten Boom inmitten der Krise" sprach VP-Bank-Ökonom Thomas Gitzel. Beispielsweise konnte die Autoindustrie von Rekordaufträgen aus dem früh wieder erholten China profitieren. Und auch im stärker von Corona getroffenen Dienstleistungssektor sah er Ausnahmebranchen. So habe selbst der Einzelhandel trotz der Schließungen im stationären Geschäft real um 4,1 Prozent zugelegt.

Erholung hängt vom Impfen ab

Etliche Volkswirte sagen Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr ein starkes Comeback voraus - trotz des zunächst bis Ende Januar verlängerten Lockdowns. Der Aufschwung im verarbeitenden Gewerbe sei noch immer intakt und außenwirtschaftlich gebe es durch die Nachfrage aus China und den USA Wachstumsimpulse, argumentierte beispielsweise jüngst der Chef des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Lars Feld.

Mit einer Rückkehr der deutschen Wirtschaft zum Niveau von vor der Corona-Krise rechnen die meisten Volkswirte derzeit aber frühestens um die Jahreswende 2021/2022 - vorausgesetzt, dass bis dahin so viele Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind, dass sich das Wirtschaftsleben wieder normalisiert.

Probleme mit Brüssel wegen des Defizits drohen Deutschland nicht. Die EU-Staaten hatten wegen der Corona-Krise erstmals die Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts ausgesetzt, wonach das Haushaltsdefizit nicht über 3 Prozent und die Gesamtverschuldung nicht über 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen darf.

Viele Ökonomen und auch der Industrieverband BDI trauen der Wirtschaft 2021 wieder ein spürbares Wachstum von 3,5 Prozent oder mehr zu - was allerdings noch lange nicht reichen würde, um wieder an das Niveau oder gar den Wachstumstrend vor der Krise anzuschließen. Entscheidend dürfte sein, wie sich das Impfen entwickelt und ob Lockerungen der Corona-Maßnahmen für weniger Unsicherheit bei Firmen und Verbrauchern sorgen. "Mit der Aussicht auf den baldigen großflächigen Einsatz effektiver Impfstoffe sowie der Erfahrung einer rapiden Erholungsgeschwindigkeit im vergangenen Sommer ist eine starke Aufholbewegung im weiteren Verlauf von 2021 noch immer sehr wahrscheinlich", sagte KfW-Chefökonomin Fritzi Köhler-Geib.

mg, ak/dpa-afx, Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.