Sonntag, 25. August 2019

Top-Ökonom über die Zukunft des Standort Deutschland "Das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit wird sich nicht halten können"

Intelligente Maschinen, die ihre Produktion selber steuern und Roboter, die untereinander kommunizieren. Auf diese Zukunft, kurz Industrie 4.0, sind deutsche Unternehmen nicht gut vorbereitet, sagt der deutsche Top-Ökonom Arnold Picot.

Arnold Picot
  • Copyright: ZDF / Rico Rossival
    ZDF / Rico Rossival
    Prof. Dr. Dres. h.c. Arnold Picot leitet seit 1988 das Institut beziehungsweise die Forschungsstelle für Information, Organisation und Management an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Zuvor hatte er Lehrstühle an der Leibniz-Universität Hannover und an der Technischen Universität München inne. Als Gastprofessor war er auch an den Universitäten Stanford, Georgetown und Straßburg tätig. Der 71-Jährige ist Mitglied im Ausschuss für Industrieökonomik des Vereins für Socialpolitik (VfS).

Herr Picot, die deutsche Wirtschaft nutzt nach Angaben der Unternehmensberatung McKinsey nur zehn Prozent ihres digitalen Potenzials. Können wir "Made in Germany" bald abschreiben, wenn die Lethargie anhält?

Arnold Picot: Definitiv ja, wenn sich die Unternehmer jetzt nicht beeilen, die Digitalisierung anzunehmen. Deutschland hat dafür an sich gute Chancen: Gerade der global agierende Mittelstand nimmt eine starke Stellung in der Weltwirtschaft ein. Sie sollte der deutschen Industrie helfen, sich erfolgreich auch in einer digitalisierten Wirtschaft zu positionieren.

Was müssen die Unternehmen konkret tun, um ihren digitalen Reifegrad zu steigern?

Picot: Sie müssen ihre Angst ablegen. Wir brauchen auch in Zukunft den klassischen Maschinenbauer, aber er wird zunehmend in eine Zuliefererposition gedrängt, wenn sich zwischen ihn und seine Kunden Plattformen schieben, die er selbst nicht mitbestimmt. Problematisch wird es für jene Unternehmen, die sich digitale Kompetenzen nicht aneignen können oder wollen.

Einige Unternehmen zögern noch mit der Digitalisierung, weil sie fürchten, sich zu verheben. Erkennen Sie typische Fehler?

Picot: Viele Industrieunternehmen verlassen sich zu sehr auf die neuen Technologien und vergessen die Wünsche des Kunden. Dabei bietet die Digitalisierung neben der Prozessoptimierung in der Produktion auch die Chance, Kundenbeziehungen durch passende Dienstleistungen zu verbessern.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Picot: Turbinen- und Treibwerkhersteller verkaufen zunehmend nicht mehr die Aggregate, sondern deren störungsfreie Laufzeit beim Kunden. Sie überwachen und warten die Anlage anhand der Daten, die die Maschine ihnen übermittelt. Ähnliches beobachten wir beim Vertrieb von Verkehrssystemen und Werkzeugmaschinen. Es geht darum, Kunden und ihre Produktnutzung besser kennenzulernen, indem man beispielsweise Sensordaten analysiert. Ein Industrieunternehmen ist dann weniger Verkäufer von Geräten und Anlagen, sondern Anbieter von Funktionen und Leistungen dieser Maschinen. Es liegt auf der Hand, dass dies dann völlig andere Geschäftsmodelle sind als zuvor.

Gerade Start-ups fordern traditionelle Player heraus. Warum fällt ihnen das so leicht?

Picot: Start-ups ruhen sich nicht auf einer Erfolgsgeschichte aus und haben keine festgefahrenen Strukturen, die den Weg in die digitale Zukunft versperren. Optimal wäre es, wenn Traditionsunternehmen ihre etablierten Stärken mit Start-up-Kreativität verbinden würden. Obwohl es dafür interessante Konzepte gibt, lassen sich darauf noch zu wenige Manager ein.

Es fehlt also an Offenheit der Führungskräfte. Wie verändert sich die Arbeitswelt für Angestellte in der Produktion?

Picot: Das sind oft die Verlierer: Studien zeigen, dass immer weniger Arbeitnehmer mit mittlerem Qualifikationsniveau, Büroangestellte oder Fabrikfacharbeiter, gebraucht werden. Im Gegenzug benötigen wir mehr Menschen in Berufen, die sich nicht automatisieren lassen. Das reicht von Sicherheits- und Reinigungskräften, die einfache, aber nicht routinisierte, primär manuelle Arbeiten übernehmen, bis zu Krankenpflegern und anderen Berufen mit sozialer Interaktion, wo viel Empathie und auch Erfahrung wünschenswert ist.

Demnach wären Reinigungskräfte die Gewinner der Digitalisierung…

Picot: Ja, aber nur wenn sich die Gesellschaft darauf einstellt. Wir müssen umdenken und eine neue Wertigkeit dieser Berufe etablieren. Jobs in Kitas, in Schulen, in der Alten- und Krankenpflege, die viel Einsatz verlangen, müssen höher bewertet und besser bezahlt werden.

Putzen und pflegen, den Rest machen Roboter. Ist das nicht ein Horrorszenario für den Arbeitsmarkt?

Picot: Die Arbeit wird uns schon nicht ausgehen, auch die hoch qualifizierte. Vor 15 Jahren war der Begriff Social Media unbekannt, heute existieren in dem Sektor hunderttausende Jobs. Die Berufsbilder werden sich weiter verändern, auch wenn niemand genau weiß, wohin. Zukunftsforscher verweisen auf eine Fülle neuer Berufsbilder, die sich im Umfeld von Digitalisierung und neuen Technologien abzuzeichnen beginnen.

Kann der deutsche Bildungssektor die Schüler darauf überhaupt vorbereiten?

Picot: Die Lehrer müssen vermitteln, wie man seine eigenen Fähigkeiten, die eine Maschine nicht erlernen kann, zur Geltung bringt. Deutschland braucht eine Bildungsreform, die Schulen, Universitäten und die berufliche Aus- und Weiterbildung umfasst. In Finnland tauschen Schulen den Unterricht in abgeschlossenen Fächer schon durch themenfeld- und projektbezogene Lernerfahrungen aus. Aber das braucht leider Zeit. Bis aus dem Ausbildungsberuf des Kfz-Mechanikers der modernere und digitale Mechatroniker geworden ist, hat es in Deutschland Jahre gedauert.

Ein Wesen der Digitalisierung ist es auch, dass die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit sich zunehmend auflöst. Sie sehen darin eine Chance - wieso?

Picot: Dadurch wird die Lebensplanung erheblich flexibler. Eine Mutter kann ihre Kinder schon früher aus der Kita holen - und ihre liegen gebliebene Arbeit einfach erledigen, wenn die Kinder im Bett sind.

Dann gibt es aber keinen Feierabend mehr.

Picot: Den gab es früher auch nicht. Bis zur industriellen Revolution gehörten in Bauernhäusern und bei Handwerkern Arbeit und Nicht-Arbeit untrennbar zueinander. Jetzt gelingt es durch die Digitalisierung, die Trennung rückgängig zu machen.

Geregelte Arbeitszeiten sind nicht nur aus Sicht von Gewerkschaften eine soziale Errungenschaft. Und eine ständige Erreichbarkeit belastet viele Menschen sehr.

Picot: Schon, aber das Phänomen der ständigen Erreichbarkeit wird sich auch nicht halten können. Arbeitnehmer brauchen die Hoheit über ihre Zeit - also sollten sie ihre Mails erst dann beantworten, wenn es in den eigenen Ablauf richtig reinpasst. Es muss sich eine Kultur der Selbstverantwortung entwickeln - weg von der Fremdsteuerung.

Schön und gut - aber wie erklärt man das dem Chef?

Picot: Der Chef muss seinen Mitarbeitern vertrauen und verstehen, dass es für späte Antworten gute Gründe gibt. Und er muss merken, dass er Mitarbeiter, die unter ständigem Druck stehen, auf Dauer nicht halten kann. Das Ganze ist ein mehrseitiger Lernprozess, der Zeit braucht.

Die Autoren sind Absolventen der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, die vom ehemaligen mm-Redakteur Ulric Papendick geleitet wird. Dieses Interview ist Teil der Gesprächsreihe auf manager-magazin.de zu den Zukunftsthemen der Ökonomen. Die Idee für diese Reihe ist gemeinsam mit der Redaktion von manager-magazin.de entstanden.

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung