Führungswechsel beim BDI Tanja Gönner wird wichtigste Industrie-Lobbyistin in Berlin

BDI-Chef Siegfried Russwurm schlägt die CDU-Politikerin und Grünen-Sympathisantin Tanja Gönner als neue Hauptgeschäftsführerin vor. Damit steht der mächtige Industrieverband vor einer Neuordnung.
Politisch erfahren: Die neue Hauptgeschäftsführerin des BDI, Tanja Gönner, denkt schwarz-grün und wirtschaftsnah

Politisch erfahren: Die neue Hauptgeschäftsführerin des BDI, Tanja Gönner, denkt schwarz-grün und wirtschaftsnah

Foto: Thomas Imo / picture alliance / photothek

Die Personalie ist ein Coup im Berliner Politbetrieb. Erstmals wird eine Frau den einflussreichsten deutschen Industrieverband leiten. Tanja Gönner (52) soll neue Hauptgeschäftsführerin werden, teilte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) am Donnerstag mit. Die Berufung solle auf Vorschlag von BDI-Präsident Siegfried Russwurm (58) in der Sitzung von Präsidium und Vorstand am 20. Juni 2022 erfolgen. Gönner soll ihr Amt dann im zweiten Halbjahr 2022 antreten. Ihr Vorgänger Joachim Lang (55) hatte bereits im Februar um die Aufhebung seiner Bestellung gebeten.

Mit der CDU-Politikerin und früheren baden-württembergischen Landesministerin führt damit künftig ein Politprofi die operativen Geschäfte des Verbands. Gönner hatte sich in der Vergangenheit immer wieder auch für grüne Themen wie Klimaschutz eingesetzt. Ihre Berufung ist daher auch als Signal für die künftige Ausrichtung des BDI zu verstehen.

Russwurm hatte den BDI zuletzt eher leise vertreten. "Es gilt der alte Spruch: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Wenn ich in konstruktiver, vertraulicher Diskussion auf Offenheit und Gehör stoße, dann ist das der richtige Weg", sagte er vor Kurzem dem manager magazin. "Wichtig ist mir, dass in der Gesellschaft ankommt, dass Unternehmer keine gewissenlosen Gesellen sind." Tanja Gönner verfüge über "hervorragende Voraussetzungen", den Kurs der deutschen Industrie "in der Klimapolitik und der Stärkung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit mitzuprägen und den gesellschaftlichen Dialog aktiv zu führen".

Gönner selbst betonte, die Transformation zu Klimaneutralität, die Herausforderungen im internationalen Kontext und die Akzeptanz in der Gesellschaft seien große Aufgaben, denen sie sich "mit Respekt und mit großer Vorfreude stelle".

Auf dem neuen Posten locken rund 500.000 Euro Gehalt

Gönner ist seit 2012 Vorstandssprecherin der GIZ, einer vom Bund betriebenen Entwicklungsorganisation mit rund 25.000 Mitarbeitern, die die internationale Zusammenarbeit koordiniert. Von 2004 bis 2011 gehörte sie als Sozial-, Umwelt- und Verkehrsministerin der Landesregierung von Baden-Württemberg an, davor war sie zwei Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestags. Nebenbei engagiert sich die Volljuristin in diversen ehrenamtlichen Funktionen und übt verschiedene Beirats- und Aufsichtsratsmandate aus.

Der BDI vertritt mehr als 100.000 Unternehmen mit rund acht Millionen Beschäftigten, die zusammen für rund ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts stehen. Der Verband ist für die Wahrnehmung ihrer Interessen im Deutschen Bundestag verantwortlich. Der Präsident vertritt den BDI nach außen hin, der Hauptgeschäftsführer – beziehungsweise ab demnächst Hauptgeschäftsführerin – verhandelt mit den Regierungsmitgliedern. Der Job ist sicherlich kräftezehrend, aber lukrativ: Rund 500.000 Euro pro Jahr soll eine Führungskraft auf diesem Posten verdienen.

Als interne Lösung war immer wieder auch Iris Plöger (51), die als Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung für Digitales, Innovation und Gesundheitswirtschaft zuständig ist. Die studierte Juristin hat allerdings keinen politischen Hintergrund und hatte sich aus der Machtpolitik, die im BDI immer eine Rolle spielt, herausgehalten.

Die Berufung von Gönner unterstreicht den Drang zur ökologischen Transformation in den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft. So hat auch Hildegard Müller (54), die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), jüngst einen Grünen an die Führungsspitze geholt: Andreas Rade hat zu Beginn des Jahres die Führung der Geschäftsbereiche Politik und Gesellschaft übernommen. Rade war zuvor Geschäftsführer im Hauptstadtbüro des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Vor seiner Zeit beim VDMA war er über zehn Jahre lang für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag tätig, unter anderem als Büroleiter des damaligen Fraktionsvorsitzenden Renate Künast (66).

mg, stu
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