Sonntag, 22. September 2019

Politikversagen und Wirtschaft Profis! Welche Profis?

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) spielt im Hintergrund um die Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank eine nicht ganz unproblematische Rolle

Klimaschutz, Banken, Bahn, BER, Künstliche Intelligenz - Politikversagen, wohin das Auge blickt. Deutschland und Europa brauchen mehr Politik-Profis. Doch wo finden wir diese nur?

FDP-Chef Christian Lindner empfiehlt den für eine bessere Umweltpolitik streikenden Kids, sie sollten den Klimaschutz doch lieber den Profis überlassen. Gemeint sind die Politiker, die es in Sachen Klima bis dato bekanntlich nicht geschafft haben, über Absichtserklärungen hinaus zu kommen.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Profis? Nun ja. Finanzminister Olaf Scholz möchte die Deutsche Bank mit der Commerzbank fusionieren, doch nur Tage später sagt seine Chefin Angela Merkel, das seien doch alles "privatwirtschaftliche Entscheidungen". Also was denn nun, liebe Profis? Es geht dabei übrigens um ein Projekt, das bei einigen Wirtschaftsjournalisten unter dem Stichwort "Deutsche Compost" läuft. Bindet man zwei Lahme zusammen, kommt nämlich kein Sprinter heraus. Nur ein Hinkender mit Fußfesseln. Das müsste sich auch den Profis im Finanzministerium erschließen.

Die Deutsche Bahn hat 2018 mit Ach und Krach das mehrfach gekürzte Gewinnziel erreicht - trotz steigender Umsätze und Fahrgastzahlen. Der Nettogewinn reicht nicht, um dem Bund eine Dividende zu zahlen. Für das laufende Jahr sagt das Management fallende Gewinne voraus. Ansonsten Qualitätsprobleme an jeder Ecke: 2018 war mehr als jeder vierte Fernzug verspätet. So sieht das also aus, wenn die Profis in der Politik in einem Betrieb das Sagen haben.

Ein anderes Beispiel für die Leistungskraft unserer Profis in den Parlamenten ist der Berliner Flughafen. Die Endlos-Baustelle BER gehört zu jeweils 26 Prozent den Ländern Berlin und Brandenburg, den Rest hält die Bundesrepublik. Das Projekt zeigt, wann Politik nicht funktioniert: Immer dann, wenn eine große Koalition zu viele gemeinsame Interessen hat. Keine Partei möchte dann den Ursachen für Kostenexplosionen und endlose Verzögerungen auf den Grund gehen, denn dann müssten sich auch mit dem eigenen Versagen beschäftigen. Und die Welt lacht.

Wer sich gerne weiter über die Profis in Berlin amüsieren möchte, möge sich mit der Flugbereitschaft der Regierung beschäftigen: Reihenweise sitzen die Minister wegen Pleiten, Pech und Pannen irgendwo fest. Empfehlung der staatseigenen Profi-Abteilung an das Kabinett: Bitte künftig Linienflüge buchen.

Erheiternd ist auch der Ansatz der Profis, in Sachen Künstliche Intelligenz führend zu werden. Der deutsche KI-Masterplan dazu beläuft sich auf mickrige drei Milliarden Euro bis 2025. Davon sollen 100 Professuren finanziert werden. Nur zum Vergleich: China will mit der eigenen KI-Industrie bis 2025 jährlich 60 Milliarden Dollar umsetzen. In der Anwendung, wohl gemerkt, wo wir immer noch von Professuren - also Grundlagenforschung - reden.

Politikversagen kein nur deutsches Problem - aber das tröstet nicht

Es ist zwar nicht wirklich ein Trost, aber Politikversagen ist kein deutsches Problem, sondern ebenso ein internationales wie der Klimawandel. So scheint es beispielsweise in immer mehr Ländern nicht zu gelingen, der Bevölkerung klar zu machen, dass die Europäische Union ein Erfolgsprojekt ist, das für den längsten Zeitraum von Frieden und wachsendem Wohlstand steht, den unser Kontinent seit Menschengedenken erlebt hat. Die Briten führen in dem Kontext gerade vor, dass Politiker nicht mal in Lage sind, in einer Brauerei ein paar Drinks zu organisieren.

Soziale Marktwirtschaft - das hieß einmal, die Märkte regulieren Angebot und Nachfrage und die Politik macht die Regeln dazu, immer nach dem Motto: Was den Unternehmen nutzt, ist auch gut für die Arbeitnehmer und Steuerzahler. Aber funktioniert das im Zeitalter der Globalisierung noch? Megakonzerne wie Amazon, Google, Starbucks oder Ikea betreiben intelligente Steuervermeidung am Rande der Legalität. Die Einführung einer Digitalsteuer jedoch scheitert. Peter Thiel, bekannter Investor im Silicon Valley, sagt: "Wettbewerb ist nur was für Loser." Klar, es gibt ja auch nur ein Amazon, ein Google oder ein Facebook. Es sieht fast so aus, als hätte Marx doch recht gehabt: Der Wettbewerb schafft sich irgendwann selber ab. Und da bekommen nicht nur die Kids das Fracksausen.

Das wäre in der Tat ein Thema für Profis. Doch wo finden wir die bloß?

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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